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Hier liegt einmal Obernkirchen

Friedhof: Beständig ist heute nur der Wandel

OBERNKIRCHEN. 1881 wurde der Friedhof das erste Mal erwähnt, da ging es schon um seine Erweiterung. Das älteste Grab ist von 1833, heute sind Urnengräber der große Renner. Eine Lesegeschichte über einen Kulturwandel.

veröffentlicht am 13.10.2017 um 11:44 Uhr
aktualisiert am 14.10.2017 um 00:10 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Es gibt Beerdigungen, die vergisst man nicht.

Es war nur eine kleine Trauergemeinde in der Kapelle, es war eine schlichte Bestattung, ohne Pastor, ohne Orgel. Die Trauergäste haben den Sarg in die Mitte gestellt, die Stühle drumherum, sie haben sich hingesetzt, dann haben sie Musik gehört: das Beste von Hans Albers, einmal komplett die ganze CD durch.

Oder, das war noch in den frühen Tagen von Volker Rethmeier als Friedhofsgärtner, fünf, sechs Beerdigungen hatte er damals erst erlebt, als er bei einem griechischen Begräbnis Sargträger war. Am offenen Grab wurde noch Sirtaki getanzt und eine große und natürlich volle Weinflasche wurde auf dem Sarg in der Erde zertrümmert, ehe die erste Erde geworfen wurde.

Hier werden Gräber unter Rhododendren entstehen.
  • Hier werden Gräber unter Rhododendren entstehen.

Rethmeier ist seit 26 Jahren Friedhofsgärtner auf der städtischen Ruhestätte, und an guten Tagen, sagt er, kann er sich hinter jeden Grabstein stellen und aufsagen, was vorn draufsteht; bei Rethmeier kommt der Beruf sehr eindeutig von der Berufung, das Leben hat den gelernten Brillenglasveredler (doch, doch) recht früh auf einen Platz gestellt, wo nur eines beständig ist: Das ist der Wandel.

Als Rethmeier einst anfing, konnte er auf dem Areal 28 Doppelstellen anbieten. Eine Doppelstelle ist ein Reihengrab, bei dem der Ehepartner in der Reihe beigesetzt wird und der andere das Grab nebenan kauft.

Heute sind es 1800 Doppelstellen, die Rethmeier anbieten kann.

Früher, sagt er, kamen die Menschen und haben eine Verlängerung der Grabstelle beantragt, um fünf Jahre, manchmal sogar zehn.

Heute kommen sie 10 bis 15 Jahre vor Ablauf der Frist und wollen eine Umwandlung; das Grab soll weg, jetzt, sie wollen nicht mehr pflegen.

Früher, da kamen die Menschen manchmal jeden Tag am Grab vorbei, mit einem Blumenstrauß, die Gärtner der Umgebung haben sich eine goldene Nase verdient.

Heute bestehen Grabstellen aus Kies und Stein und Rasen. Oder einer Platte.

Nun ist Rethmeier keiner jener Zeitgenossen, die den vermeintlich guten alten Zeiten hinterher trauert, weil früher ja alles so viel besser war, nein, er hat den Wandel längst angenommen und er ist seit Jahren fest entschlossen, ihn auch zu gestalten. Daher hat er den Familienbaum eingeführt: 40 Bäume, 20 000 Euro Kosten, „was richtig schickes für die Zukunft“, sagt er, weil so ein Familienbaum auch mal 250 Jahre und älter werden kann. Und so lange eine Familie diesen Baum weiter führen möchte, so lange kann sie ihn nutzen, und sollte er bei einem Sturm gefällt werden, dann wird eben ein neuer Ersatzbaum angepflanzt. Wie erwähnt, 40 Bäume, sie sind lange weg.

Dann folgte der Gemeinschaftsbaum. Acht Röhren mit jeweils zwei Urnen, biologisch abbaubar, selbst auflösend, „und im Laufe der Zeit wird aus zwei Urnen und ihren Inhalt ein einziger Klumpen“, erläutert Rethmeier, „was Schöneres, vom Gedanken her gesehen, gibt es doch nicht.“ Die Urnenbeisetzung am Gemeinschaftsbaum, „das ist die Nummer Eins der Bestattungsformen.“ Über 80 Prozent aller Bestattungsformen nimmt heute die Einäscherung ein, ein Reihengrab, so wie früher, sagt der Friedhofsgärtner später, das nehmen heute nur noch Italiener und Russen, und wenn ein Russe seine letzte Ruhe findet, dann sind auch mal 300 Trauergäste auf dem Friedhof. Und nein, nicht jeder auf diesem Begräbnis hat den Toten gekannt, aber man begreift sich doch als große Gemeinde.

Es ist auch die Konkurrenz, die den etablierten Friedhöfen schwer zu schaffen macht, Friedwald und Ruheforst, zwei Namen für das gleiche Konzept, sagt Rethmeier, das sei die angesagte Friedhofskultur, da sind viele Bürger abgewandert, „das ist einfach so“, und das hat seinen Grund: Sie ist auf den ersten Blick billiger.

Aber, sagt Rethmeier, und lässt dieses Aber ein Moment im Raum nachklingen, für 180 Euro mehr erhalte man in Obernkirchen eine Baumbestattung mit gepflegtem Umfeld, und auf dem Ruheforst oder dem Friedwald, wo mit der ach so pflegenden Natur geworben werde, da seien nach drei Monaten nur noch Brennnesseln zu sehen – „und keiner findet das Grab mehr wieder.“

Rethmeier hat es die Tage einem schon etwas älteren Freund erklärt: „Bei einem Grab im Ruheforst oder im Friedwald, da trinken sie beim nächsten Stammtisch noch einen auf Dich, und danach wird sich niemand an Dich mehr erinnern, dann Du bist für immer vergessen.“ Bei einem Grab auf den Friedhof würden die Freunde und Bekannten dann, gezielt oder zufällig, vor dem Grab stehen bleiben und sich erinnern: „Ach, hier liegt er ja. Weißt du noch, damals? Wir und er, Rock’n Roll bei Ilse?“

70 Prozent seiner Arbeit, sagt Rethmeier, das ist die Grünpflege, und da fällt viel Arbeit an, im Winter etwa werden 100 Gräber eingeebnet, im Frühjahr waren es schon 45, da muss viel mit der Hand gearbeitet werden, weil man mit dem Mäher da nicht hinkommt oder hinwill. Mit dem Bild eines Friedhofsgärtners, der den ganzen Tag mit dem Aufsitzrasenmäher durch die Gegend schaukelt, hat sein täglicher Beruf nichts zu tun, lässt Rethmeier mal kurz durchblicken; so ist das nicht.

1881 wurde der Friedhof das erste Mal erwähnt, sagt Rethmeier, da ging es schon um die Erweiterung, das älteste Grab ist von 1833, seit 1931 werden die Gräber fortlaufende nummeriert, heute ist man bei Nummer 10 348, und man könnte (wohlwollend) sagen, hier liegt einmal ganz Obernkirchen. 2069 läuft der Pachtvertrag aus, aber mit einer anderen Nutzung der Fläche ist nicht zu rechnen; allein schon, weil sie davor erst einmal 150 Jahre ruhen müsste.

Rethmeier führt zum Schluss 20 Mitbürger im Rahmen der Aktion „Obernkirchen Oktober“, die vom Obernkirchen-Projekt „Strull & Schluke“ aufgelegt wurde, an einen größeren Rasenplatz, auf dem er Holzpflöcke eingeschlagen hat. Hier werden Rhododendren gepflanzt, seltene Sorten, die etwa 100 Jahre alt werden. Es ist, sagt Rethmeier, die einzige größere Fläche, die er noch hat, es wird ein kleiner Park, ein Irrgarten, wenn man so möchte, Platz unter jedem Rhododendron-Strauch ist für 16 Ehepaare, möglich ist auch eine Urnen-Bestattung nebeneinander, ganz klassisch, Mann rechts, Frau links, elf Sträucher hat er vorgesehen. Rethmeier formuliert es so: „Der Vorverkauf hat begonnen.“ Man möge ihn einfach ansprechen, aber lange warten sollte man vielleicht nicht, schiebt er noch hinterher: In anderthalb bis zwei Jahren ist auch dieser Platz voll.

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