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„Ich persönlich träume nicht mehr“

Frühlings Erwachen tolles Stück und TimEless tolles Ensemble

RINTELN. Sehr, sehr spannend, sich ein Stück wie „Frühlings Erwachen“ (von Frank Wedekind in der Neufassung von Nuran David Calis), das von den Schwierigkeiten im Übergang von Kindheit zu Erwachsenwerden handelt, als Erwachsene anzuschauen. Im Brückentor gab es bei der Wiederaufführung durch TimEless Gelegenheit dazu.

veröffentlicht am 07.11.2017 um 11:32 Uhr
aktualisiert am 08.11.2017 um 19:41 Uhr

Ist Scham ein Produkt von Erziehung? Große Fragen beschäftigen die Jugendlichen im Stück „Frühlings Erwachen“. Melchior (Dominik Ziaja) beeindruckt Publikum und Freund Moritz (Kostandin Ekonomi) mit einem mutigen Experiment zum Thema. Foto: cm
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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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RINTELN. Sehr, sehr spannend, sich ein Stück wie „Frühlings Erwachen“ (von Frank Wedekind in der Neufassung von Nuran David Calis), das von den Schwierigkeiten im Übergang von Kindheit zu Erwachsenwerden handelt, als bereits Erwachsene anzuschauen.

Sicher gibt es in jener Phase viele Aspekte, denen man im Nachhinein keine Träne nachweint. Diesem unglaublich hilflosen Ausgeliefertsein an die eigenen Emotionen beispielsweise. Man möchte nicht mit Wendla (Angela Gehrkens) tauschen, wenn sie sagt: „Ich weiß gar nicht, warum ich immer gegen alles bin. Ich will mal wieder dabei sein!“ Auch auf die hochentzündliche, emotionale Dynamik in der Clique, in der ein leichtfertig ausgesprochenes verletzendes Wort – und davon gibt es reichlich – schnell einen rasenden Sturm von Wut und Angriffslust auslöst, kann man heute ganz sicher verzichten.

Und doch gibt es in den Dialogen und Selbstgesprächen der jungen Darsteller Anteile, die eigenartig berühren. Wenn Ernst (Kelvin Scharnhorst) sich an die täglichen Nachmittagsschläfchen im Arm seines Vaters als Augenblicke großer Geborgenheit erinnert, und er zugibt, wie schwer es ihm fällt, von dieser Kinderzeit Abschied zu nehmen („Ich habe das Gefühl, von jetzt an wird alles immer kälter“), da taucht doch die Frage auf, ob er nicht vielleicht recht haben könnte. Könnte es nicht sein, dass wir Erwachsene, die wir uns redlich bemühen, für unsere Kinder eine Atmosphäre von Sicherheit und Geborgenheit zu erschaffen, uns selbst im Leben gar nicht mehr so gut aufgehoben fühlen? Und auch der große Wunsch von Moritz (Kostandin Ekonomi), der einmal etwas jenseits aller schulischen und elterlichen Anforderungen nur für sich erschaffen, einen eigenen Ausdruck finden möchte, spricht durchaus die Sehnsüchte Erwachsener an. Ein authentisches, einzigartiges Leben führen, das nicht in erster Linie durch die vorgegebenen Gleise gesellschaftlicher Erwartungen geprägt wird? Wer tut das schon? Aufrüttelnd auch der Aufschrei von Wendla, die als allzu behütetes Kind („Mein Weg ist ein Plüschteppich. Kein einziger Stein“) nach Erfahrungen der dunklen, schmerzhaften, gefährlichen Seite des Lebens geradezu dürstet. Trauen wir uns denn heute noch an solche Abgründe heran? Oder bleiben wir doch lieber an der seichten Oberfläche? Das Stück rüttelt am „Sich-eingerichtet-Haben“ der Erwachsenen. Aber es zeigt sich, und das ist schön, dass es zugleich der Elterngeneration nicht völlig unversöhnlich gegenübersteht.

Wendla (Angela Gehrkens) und Melchior (Dominik Ziaja) verbindet ein kompliziertes Netz von widersprüchlichen Gefühlen. Kann das Liebe sein? Foto: cm
  • Wendla (Angela Gehrkens) und Melchior (Dominik Ziaja) verbindet ein kompliziertes Netz von widersprüchlichen Gefühlen. Kann das Liebe sein? Foto: cm

Recht empathisch wird das Wesen von Mama Bergmann und Papa Stiefel (beides Imken Weber) nachgezeichnet. Während der Rest der Theatertruppe lustvoll, exzessiv und spielfreudig seine Gefühle ausdrücken darf, gelingt es Weber, in ihrer Doppelrolle mit feinster Mimik und Körpersprache diese beiden zurückhaltenderen Charaktere mit Leben zu füllen. Sehenswert, die Mutter, die anfangs noch aufgeregt und hoffnungsfroh das Geburtstagsritual aus Kinderzeiten mit Lieblingskuchen und Geschenk auf dem Frühstückstisch vorbereitet, und die dann in der Begegnung mit ihrer dauermissgestimmten Teenagertochter doch wieder im üblichen Eklat und Befehlston landet: „Setz dich! Aber flott! Wir haben jetzt einen schönen Geburtstagsmorgen!“

Der Vater von Moritz, dem Träumer, dem Verspotteten und Leistungsschwachen unter den Jugendlichen, entlarvt im Monolog seine eher graue und desillusionierte Lebenshaltung selbst. „Ja, Träume sind wichtig“, stellt er anfangs noch fest und fährt dann fort. „Ich persönlich träume nicht mehr. Wenn man nämlich seinen Träumen folgt, dann es kann passieren, dass man an einem Ort landet, wo man gar nicht hinwollte.“

Mit dem Tod eben dieses gefühlvollen Träumers Moritz spitzt sich die Situation in der Gruppe gegen Ende des Stückes noch einmal zu. Schuldgefühle, Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit, Angst und Verwirrung dominieren. Und ob Moritz‘ weise Abschlussworte aus dem Jenseits („Wie willst du lieben, wenn du der Liebe nicht vertraust. Wie willst du leben, wenn du dem Leben nicht vertraust“) seine völlig desolaten Freunde in all ihrem Kummer erreichen können, bleibt ziemlich fraglich. Solch umfassendes Vertrauen zu entwickeln gehört, das weiß man als Erwachsener, zu den hohen Künsten des Menschseins. An denen arbeitet man ein Leben lang.

Fazit: „Frühlings Erwachen“ ist ein tolles Stück und TimEless ein tolles Ensemble, das völlig zu Recht vom begeisterten Publikum mit Standing Ovations gefeiert wurde.

Das Ensemble bestand aus: Kostandin Ekonomi, Dominik Ziaja, Inken Weber, Angela Gehrkens, Lisa Brehe-Krokowski, Luca Passarotto, Tom Rothe, Kelvin Scharnhorst und Nadine Frevert. Letztere hat alles organisiert und das Projekt ins Leben gerufen. Die Musik wurde von Adrian Klapper eigenständig für das Stück komponiert, live spielte er dann Gitarre und Bass, Maximilian Winkler saß am Piano und Felix Edling an den Percussions. Die Technik haben Justus Büthe und Oliver Niebuhr organisiert.

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