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Rilke-Projekt fasziniert mit Lyrik-Darbietung

Ganz großes (dichterisches) Kino mit Nina Hoger

BÜCKEBURG. Es war, als habe der Weihnachtszauber einmal den Atem angehalten, als sei die Großveranstaltung auf Schloss Bückeburg für eine Dreiviertelstunde ausgeblendet: Mit den beiden Künstlern Richard Schönherz am Keyboard und Schauspielerin Nina Hoger als Vortragende hat das Rilke-Projekt bei seinem Gastspiel zugunsten der Stiftung Lesen einen beeindruckend intensiven und poetischen Kontrapunkt zum pulsierenden, grellbunten Trubel drumherum gesetzt.

veröffentlicht am 06.12.2017 um 14:53 Uhr

Nina Hoger begleitet von Richard Schönherz am Keyboard. Foto: jp
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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Eine knappe Dreiviertelstunde lauschte das Publikum im Nostalgiezelt ebenso gebannt wie fasziniert dem ausdrucksstarken Vortrag von Gedichten und Texten des 1875 in Prag geborenen und 1926 an Leukämie in der Schweiz gestorbenen Lyrikers, der heute als einer der bedeutendsten Schöpfer der literarischen Moderne gilt.

Ins Leben gerufen vor über 15 Jahren von den beiden Komponisten und Produzenten Angelica Fleer und Dietmar Schönherz zählt das Rilke-Projekt heute fraglos zu den erfolgreichsten Lyrik-Projekten im deutschsprachigen Raum. Vor allem über die Musik habe man zu den wunderbaren Texten Rilkes gefunden, berichtete die Projektgründerin auf Nachfrage von Weihnachtszauber-Veranstalterin Mechthild Wilke.

Genau 20 Jahre ist es her, als Angelica Fleer eine ins Englische übersetzte Textzeile des Dichters am Keyboard ihres späteren Partners und Ehemannes Richard Schönherz auffiel. Aus den ersten Experimenten mit Rilke-Gedichten und eigener Musik wurde ein Erfolgsmodell, an dem sich Stars wie Nina Hagen, Ben Becker, Scorpions-Sänger Klaus Meine und Xavier Naidoo beteiligten. Vier Alben veröffentlichte das Rilke-Projekt, drei davon erlangten Goldstatus. Seit einigen Jahren ist das Rilke-Projekt mit verschiedenen Interpreten auch live auf der Bühne zu erleben

Andächtig, getragen, würdevoll, aber nie überzogen pathetisch oder theatralisch interpretierte die 56-jährige Nina Hoger, als viel beschäftigte Darstellerin bekannt aus diversen TV-Krimi-Formaten wie „Tatort“, „Bella Block“, „Polizeiruf 110“ oder „SOKO Köln“, so weltberühmte Zeilen wie „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“ Oder so Gedankenschweres wie: „Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht, kann er frei seine Flügel entfalten und die Stille der Sterne durchspalten, denn er muss meiner einsamen Nacht nicht mehr die ängstlichen Hände halten.“ Und natürlich den weltberühmten, unglaublich berührenden Herbsttag: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ Ebenso beeindruckend wie Darbietung der Künstler fiel die Reaktion des Publikums aus, die andächtig, ergriffen und konzentriert zuhörend dem Auftritt des Rilke-Projekts genau die angemessene Kulisse bot, die es verdiente: Eine Sternstunde, wie sie der Weihnachtszauber bislang nur selten erlebt hat.

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