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Ehemalige Synagoge

Gedenktafel wird weiterhin kritisch gesehen

BÜCKEBURG. Welch eine Duplizität der Ereignisse! Ende Oktober 2017 wurde in Stadthagen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die ehemalige Synagoge als Gedenk- und Lernort eingeweiht. Und in Bückeburg bieten sich vielleicht neue Chancen nach dem Verkauf der ehemaligen Synagoge.

veröffentlicht am 09.11.2017 um 14:44 Uhr

Erwin Rautenberg bei einem Bückeburg-Besuch mit dem damaligen Bürgermeister Helmut Preul. Fotos: Archiv

Autor:

Klaus Maiwald
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Zu dieser Veranstaltung reiste auch der Präsident der Rautenberg-Stiftung, Tom Corby, aus Los Angeles an. Nur wenig später berichtete diese Zeitung, dass die Zeugen Jehovas in Bückeburg das Gebäude der alten Bückeburger Synagoge an einen Immobilien- und Projektentwickler verkauft haben. Da ich 1997 als Projektleiter der damaligen Geschichtswerkstatt der Herderschule die Initiative für eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge ergriffen hatte, kocht dieses Thema natürlich auch im Abstand von 20 Jahren emotional noch einmal hoch. Da die Ereignisse sicherlich bei vielen Menschen nicht mehr präsent sind, möchte ich diese Lücke hier schließen.

Nach einem gescheiterten Versuch der Stadt Bückeburg, eine Gedenktafel im Jahr 1988, dem 50. Jahrestag des Judenpogroms, an der alten Synagoge anzubringen, gelang es schließlich doch noch, die Zeugen Jehovas für eine Tafel, allerdings mit verkürzten Text, zu gewinnen. Dieser lautet: „Dieses Gebäude diente von seiner Erbauung 1866 bis zum 9.11.1938 als Synagoge.“ Der ursprünglich von der Schülergruppe eingereichte Text war von der Glaubensgemeinschaft abgelehnt worden. Dieser lautete: „Dieses Gebäude wurde 1866 als Synagoge erbaut. Mit dem 9.11.1938 erlosch das Leben der jüdischen Gemeinde Bückeburg. Das Schicksal der jüdischen Mitbürger mahne unser Gewissen an die Wahrung von Menschlichkeit und Recht.“

„Verkappte und

scheußliche Beleidigung“

Erwin Rautenberg, der letzte ehemalige jüdische Mitbürger der Stadt Bückeburg, der den Holocaust überlebt hatte, reiste damals zum Festakt von Los Angeles nach Bückeburg an. In einem Brief an den damaligen Bückeburger Bürgermeister Helmut Preul berichtete Rautenberg danach in sehr bewegten Worten seine Eindrücke dieses Besuches. Nach der Schilderung des Schicksals seiner Familie, von der nur er überlebt hatte, ging er sehr deutlich auf die Gedenktafel ein. Zitat: „Der Text der Gedenktafel ist eine verkappte und scheußliche Beleidigung der Ermordeten. Die Tafel muss durch eine neue Tafel ersetzt werden. Ich habe gehört, dass Sie erst einen besseren Text wollten, der aber von den Zeugen abgelehnt wurde. Solch eine Tafel soll der Menschen und ihrer Leiden gedenken. Bitte veranlassen Sie das. Ihr Erwin Rautenberg.“ Der so eindringliche und aus Rautenbergs Sicht auch nachvollziehbare Appell an die Verantwortlichen der Stadt blieb jedoch ohne Erfolg.

Inzwischen hatte sich eine neue jüdische Gemeinde in Schaumburg konstituiert, die sich aus Mitgliedern aus der ehemaligen Sowjetunion zusammensetzte. Für diese kleine Gemeinde stand es zu keinem Zeitpunkt zur Debatte, die ehemalige Synagoge für ihre Gottesdienste zu nutzen. Sie hielten stattdessen ihre Gottesdienste im Betsaal in der Langen Straße ab.

Heute gibt es eine sehr aktive jüdische Gemeinde in Bad Nenndorf unter Leitung von Marina Jalowaja. Die kleine Bückeburger Gemeinde ist inzwischen aufgelöst. Sie hat sich der Bad Nenndorfer Gemeinde angeschlossen. Erwin Rautenbergs Anliegen konnte nie realisiert werden. Dennoch erinnern die Bückeburger in unterschiedlichen Veranstaltungen an die Geschehnisse der Nazizeit, doch in der Regel fehlen in Bückeburg jüdische Menschen bei den Gedenkfeiern wie zum 9. November oder dem 27. Januar, dem Auschwitz-Gedenktag.

Neue Gedenktafel

möglich?

Jetzt bietet sich die Chance, jüdisches Leben in Bückeburg wieder aufleben zu lassen. Der Käufer der alten Synagoge, Dennis Roloff, will nach eigenen Angaben den Charakter des geschichtsträchtigen Hauses wieder herzustellen. Eingeplant ist auch der ehemalige jüdische Gebetssaal als Seminar- und Schulungsraum. Es wäre jetzt vielleicht auch denkbar, die von Erwin Rautenberg kritisierte Gedenktafel am Gebäude gegen eine kritische und aussagekräftigere Tafel auszutauschen. Der 1997 von der Geschichtswerkstatt vorgeschlagene Text könnte dabei hilfreich sein.

Es ist schon bemerkenswert, dass innerhalb einer Woche zwei ehemalige Synagogen in Schaumburg in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Der Synagogen-Förderverein in Stadthagen hat langen Atem bewiesen, um aus einer leer stehenden und nicht mehr existierenden Synagoge einen Gedenk- und Lernort für den gesamten Landkreis zu entwickeln. Der 2011 verstorbene Erwin Rautenberg wäre heute bestimmt sehr angetan von dieser neuen Nutzung gewesen. Der jetzige Präsident der Rautenberg-Stiftung, Tom Corby, hat mit einer hohen Summe das Stadthäger Projekt aus voller Überzeugung unterstützt. Es bleibt zu hoffen, dass die Planungen für die alte Synagoge in Bückeburg auch das ehemalige jüdische Leben wieder neu beleben könnten.

Zum Thema: Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, sei auf zwei Bücher verwiesen:

Klaus Maiwald. Nur Sohn Erwin überlebte die Shoah. Erwin-Rautenberg-Stiftung Santa Monica, 2016. Es sei besonders auf das Kapitel 24 verwiesen.

Ev. Religionskurs Klasse 8a (1997): Jüdische Spuren in Bückeburg: Einst Synagoge – heute Königreichssaal der Zeugen Jehovas, Herderschule Bückeburg.

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