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200 Jahre beeinflussen Salonièren und ihre Salons das kulturelle Treiben in Wien

Geistreich und witzig

Beim „Treff im Stift“ mit dem Vortrag der Historikerin Dr. Helga Peham ging es diesmal um die Salonkultur, die in Wien erst recht spät Einzug hielt.

veröffentlicht am 22.10.2017 um 16:46 Uhr
aktualisiert am 22.10.2017 um 17:30 Uhr

Helga Peham
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. In London, Berlin und Paris gibt es sie früher, aber während der Aufklärung erreicht die Salonkultur endlich auch Wien. Für die Damen der Gesellschaft, für Dichter und andere Künstler wird der Salon zum Brennpunkt der Diskussion. Hier werden neue Theorien erprobt, Kunstwerke präsentiert, hier wird leidenschaftlich diskutiert.

Es ist eine Zeit, in der sich der Adel dem Bürgertum öffnet, erklärt Historikerin Dr. Helga Peham beim Vortrag im Rahmen der Reihe „Treff im Stift“, eine Zeit, in der Bürgerliche in den Adelstand erhoben werden, und der Geist der Aufklärung weht, Ideen und Ideale werden nun im Salon diskutiert, man trifft sich regelmäßig, der Gesprächsfaden vom letzten Treffen kann wieder aufgenommen werden, gesprochen und gestritten wird über Literatur, Philosophie, Kunst, Musik und Politik, später werden auch die kleinen und großen Skandale zum Gesprächsthema. Und immer ziehe sich auch die erotische Komponente wie ein roter Faden durch die Salonkultur, sagt Peham.

Es ist oftmals ein Ort der Frau. An der Universität wird ihr noch der Zugang verwehrt, der Salon ist die schmale Schnittmenge zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, finanziert wird er vom Ehemann im Hintergrund.

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Charlotte und Hofrat von Greiner – sie Maria Theresias Privatsekretärin, er bald ein hoher Beamter – gründen den ersten Wiener Salon. Ihre Tochter, die Schriftstellerin Caroline Pichler, eröffnet später ihren eigenen Salon. Geistreich und witzig ringen die Salonièren gemeinsam mit ihren oft berühmten Gästen um Weiterbildung und Verfeinerung der Sinne, um Freiheit und Universalität; bei Caroline Pichler gehen Franz Grillparzer, Franz Schubert, Friedrich von Schlegel, Theodor Körner, Clemens Brentano und Anton Prokesch von Osten ein und aus. Der Staatsmann, Politiker und spätere Außenminister Metternich wirbt hier für seine Kulturpolitik.

Die Kultur wurde Caroline Pichler in die Wiege gelegt, Klavier- und Gesangsstunden gaben Mozart und Haydn. Sie schrieb Romane, Erzählungen, Dramen und Gedichte, und bereits ihr Erstlingswerk „Gleichnisse“ ist erfolgreich, berühmt wird sie durch ihre historischen Romane. Neben ihren literarischen Aktivitäten führt sie auch den literarischen Salon ihrer Eltern fort: Es sind die wichtigsten Veranstaltungen ihrer Art in Wien.

Rund 200 Jahre beherrschen und beeinflussen Salonièren und ihre Salons das kulturelle Treiben und machen Wien zur Weltstadt mit Flair. Seine erste Hochblüte erlebt der Salon beim Wiener Kongress 1814/15, gewürzt mit Flirts und Tanz. Bald schon übernimmt der reich gewordene Mittelstand vom Adel diesen Brauch.

Die Salonbesucher sehen einer Welt zu, die sich beständig ändert: Napoleon steigt auf und fällt tief, Barock kommt und weicht der Moderne, und in der Zeit des Biedermeier, erklärt Historikerin Peham, „bekommen manche Salons eine betont musikalische Note – Musik ist weniger riskant als Worte“. Im Zuge des aufkeimenden Liberalismus entstehen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche berühmte Salons, die um 1900 zur Hochblüte gedeihen – auch ein Zentrum für den Austausch mit anderen Städten wie Berlin und Paris.

Natürlich widmet sich die Referentin ausführlich Berta Zuckerkandl, der wohl prominentesten Salonière im Wien der Jahrhundertwende. Als Schriftstellerin und Journalistin steht sie im Mittelpunkt eines künstlerischen, gesellschaftlichen und publizistischen Netzwerkes, das weit über die geografischen Grenzen Wiens hinausreichte. Sie stiftete zwischen Alma und Gustav Mahler die Ehe, sie macht Künstler wie Gustav Klimt und Auguste Rodin miteinander bekannt, die erste öffentliche Lesung von Hofmannsthals „Jedermann“ findet in ihrem Salon statt..

Als Zuckerkandl wie eine Kulturherrscherin empfängt und generell die Wiener Salonkultur um 1900 zur Hochblüte gedeiht, steht sie auch schon, ohne es noch zu ahnen, vor ihrem Untergang: Denn nur zu oft sind Juden die Hauptakteure der Wiener Salons – und die werden bekanntlich zum gesellschaftlichen „Dorn“ in vielerlei Augen.

Auch Zuckerkandl muss fliehen, zwar führt sie ihren Salon noch weit bis in die 1930er-Jahre, doch nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 ist es für die Publizistin mit jüdischen Wurzeln höchste Zeit auszureisen. In Frankreich erlebt sie nach Einmarsch der Deutschen das Flüchtlingselend am eigenen Leib, sie flüchtet weiter nach Algier und stirbt 1945 in Paris. Auch das Salonleben übersteht Krieg und Vertreibung nicht.

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