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Lesung schauriger Geschichten

Horror ohne Happy End in Hartings Wassermühle

KLEINENBREMEN. Zwei junge Frauen, zunächst nur schemenhafte Gestalten, treten aus der Dunkelheit heraus. „Sie müssen sich impfen lassen, bitte“, bedrängen sie den Besucher bereits auf der Straße und verfolgen ihn durch den Garten. Es könnten Yvonne Schneider und Svenja Moser sein – oder was von ihnen übrig ist.

veröffentlicht am 03.11.2017 um 15:54 Uhr

Glutrote Augen: Sarah Moser begrüßt die Gäste. Foto: ly

Autor:

Stefan Lyrath
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KLEINENBREMEN. Ihre Stimmen klingen flehentlich. Sie lassen sich nicht abschütteln. Vor dem Eingang zur Mühle wartet ein Mann (Sven Meier) mit Mundschutz, hält eine Ampulle hoch und sagt nur ein Wort: Schluckimpfung. Sonst droht die Verwandlung in eine jener grauenhaften Kreaturen, die im Besucher-Bergwerk hausen, der anderen, der dunklen Welt.

Durch den Keller betritt der Besucher Hartings Wassermühle, denn die Eingangstür ist von innen fest verschlossen. Im ersten Kellerraum wartet Sarah Moser, die Augen glutrot, das Gesicht blutverschmiert. Sie lächelt irre und wedelt mit ihrem Fächer. Schnell bekreuzigen!

Als der Gast endlich den Technik-Raum im ersten Stock der Mühle erreicht, der Platz für 50 Leute bietet, glaubt er sich in Sicherheit, auch wenn vor der Tür eine Hexe (Simone Weigel) wartet und mit diabolischem Grinsen „Schnaps vom Blute des Kanarienvogels“ einschenkt. Das Licht geht aus, durch die Ritzen pfeift der Wind. Mit erdiger Stimme liest Svenja Moser eine Geschichte vor, die das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Yvonne Schneider und Sarah Moser sitzen daneben. Sie alle gehören zu „Kultur und feines Mehl“, einem Projekt der Tanz- und Trachtengruppe des TuS Kleinenbremen und des örtlichen Heimatvereins. So beginnt „All Hallows‘ Eve“, die dritte Lesung schauriger Geschichten zur Einstimmung auf Halloween, wie immer für Zuhörer erst ab 16 Jahren. Besser ist das.

Keiner hat Neela (Svenja Moser) geglaubt, als sie nach ihrer Flucht aus der Anderswelt im Bergwerk von den Untoten erzählte, die dort hausen, von Menschenversuchen. Ins Irrenhaus hat man sie gebracht. „Man redete mir ein, ich habe mir alles nur eingebildet.“

Heute bewachen Neela („Ich lebe noch, aber das ist auch schon alles“) und einige Leidgenossen das Portal zur anderen Welt, damit von dort keine dunklen Kreaturen mehr entweichen können. Nur ihre Schwester Malou war nicht mehr zu retten. Sie hat sich infiziert, ist nur noch eine Hülle. Diese Geschichte muss ohne Happy End auskommen.

Bei „All Hallows‘ Eve“ wird nicht einfach nur vorgelesen. Mit einer Ausnahme („Das Porzellanmädchen“ von Max Bentow) haben Svenja Moser, Sarah Moser und Yvonne Schneider ihre Texte selbst geschrieben oder bekannte Geschichten so bearbeitet, dass sie verstörend wirken – was natürlich beabsichtigt ist. So wird selbst der Sandmann zur Horrorgestalt, oder die Sage vom Rattenfänger von Hameln bekommt durch einige neue Passagen einen anderen Dreh.

„Wenn alle schaudernd nach Hause gegangen sind, sind wir zufrieden“, sagt Norbert Gerntrup von der Projektgruppe am nächsten Tag. In den Keller hat sich jedenfalls niemand mehr getraut in dieser stürmischen Nacht.

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