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Bückeburger Bach zwischen Wohlklang und Basisdemokratie

Idee entzückt, Elemente in der Umsetzung befremden

Der zweite Teil der von der Musikschule Hameln organisierten "Kapellen-Kultour" kommt in der Schlosskapelle zur Aufführung. Foto: bus Von Herbert Busch

veröffentlicht am 20.05.2006 um 00:00 Uhr

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Bückeburg. Der Idee wohnte zweifelsohne etwas Entzückendes inne: Fünf Werke von Johann Christoph Friedrich Bach am Ort ihres Entstehens erklingen zu lassen, versprach einen speziellen Zugang zur Musik des selten gespielten Komponisten. Ob der Bückeburger Bach die Umsetzung der von der Musikschule Hameln in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein der ehemaligen Residenzstadt organisierten "Kapellen-Kultour" mit großem Beifall bedacht hätte, erscheint allerdings fraglich. Der Realisierung der Idee mangelte es nicht an befremdlichen Elementen. Dabei war es um die Umstände bestens bestellt. Das Staatsarchiv hatte seinen Saal, die Schlossverwaltung die Kapelle zur Verfügung gestellt; das Publikum war aus Göttingen, Hannover, Aachen, Stuttgart und München angereist. Und selbstverständlich aus Hameln und Bückeburg. Und als die knapp 100 Zuhörer die pulsierend-frische Interpretation der Sonate C-Dur für Klavier zu vier Händen (Ana Bonaque, Helga Richter) mit Applaus überschütteten, schien dem Entzücken Tür und Tor geöffnet. Im Anschluss an den Vierhänder kam der Veranstaltung indes ein mächtiges Obstakel in die Quere: Dr. Albrecht Endriß' Einführung in zwei themengleiche Variationen Bachs und Wolfgang Amadeus Mozarts über ein bescheidenes französisches Volkslied. Dass der Experte das Auditorium nach dessen Herkunft befragte (Bückeburg:12; Hameln: mehr als 40; ... Bundesausland: 10) zog bereits hier und da ein zages Kopfschütteln nach sich. Seine Begeisterung, eine Pianistin mit Original-Mozartkörpergröße (156,5 Zentimeter) vorweisen zu können, mag den unentwegten Akribiker ehren, rückte ihn aber bei genauer Betrachtung auf das Terrain des Hanebüchenen. Als Endriß sich nicht scheute, mit beinahe jedem Satz ein neues Detailsegment - "Mozart zeigte den Parisern, was ein Zigeunermoll ist" - zu offenbaren, hob leises Murren an. Obwohl er Bach mit noch keinem Wort erwähnt hatte. Schließlich kam es zum Eklat. Aus dem Publikum heraus wurde eindringlich nach Musik verlangt. Schlussendlich geriet die Tour zur basisdemokratischen Posse, die einer penibel dem Antiautoritären verpflichteten Kladderadatsch-WG zur Ehre gereicht hätte: Dr. Endriß ließ abstimmen! Soll Mozart jetzt sofort gespielt werden? Soll das Reden abgekürzt werden? Flügel offen? Flügel geschlossen? Derweil harrte ein Teil der Musiker in der Schlosskapelle bereits mehr als eine Dreiviertelstunde vergebens der Tour-Teilnehmer. Auch befremdlich: Obwohl der erste Konzertteil knapp zwei Stunden in Anspruch genommen hatte, hielt die Zuhörerschaft vor dem Standortwechsel ohne Erfolg Ausschau nach Erfrischungsgetränken. Es wurde mit hörenswerten und keineswegs trockenen Auslegungen von Quartett No I D-Dur, Sonata D-Dur und Quartett No VI B-Dur entlohnt. Der gleichermaßen hörenswerte Applaus galt den Ausführenden Peter Bilowitz (Violine), Albrecht Endriß (Viola), Dorothea Enkelmann (Querflöte), Irmgard Langhorst (Blockflöte), Gesa Rottler (Cembalo) und Ulrich Wilkens (Cello).

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