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Das Funkloch: Wie es entsteht, wer darunter leidet und welche Orte besonders betroffen sind

Im Tal der Sprachlosen

Wir leben in einer Welt, in der es normal ist, immer und überall erreichbar zu sein. In Hunderten Orten Deutschlands ist das aber nicht der Fall. Dort ist es ein Glücksfall, wenn ein Mobilfunkanruf oder eine SMS durchkommen. Diese Orte befinden sich in einem ständigen Funkloch. Betroffen sind vor allem dünn besiedelte Gegenden, in denen der nächste Funkmast zu weit entfernt ist oder durch Berge abgeschirmt wird.

veröffentlicht am 17.07.2017 um 17:27 Uhr
aktualisiert am 29.07.2017 um 12:45 Uhr

Bei der Versorgung mit Mobilfunkverbindungen sieht es regional höchst unterschiedlich aus. Foto: Inga Kjer/dpa
Nicole Trodler

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Nicole Trodler Onlineredakteurin zur Autorenseite
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Da kann es dann durchaus möglich sein, dass nur im Freien oder auf einer Anhöhe telefoniert werden kann – und wenn es regnet auch einmal gar nicht.

Für die Menschen, die im Funkloch leben, bedeutet das nicht nur eine Einschränkung der Lebensqualität. Nicht erreichbar zu sein, kann auch wirtschaftlichen Schaden verursachen. Unternehmer, die mobil sein müssen, können unterwegs nicht von ihren Kunden kontaktiert werden. Auch für Hotels und Pensionen ist ein Funkloch nicht unbedingt ein Standortvorteil. Es sei denn ihre Gäste legen Wert auf vollkommene Abgeschiedenheit. Bereitschaftsdienste sind auch schwer möglich, es sei denn derjenige, der auf Abruf ist, verbringt die gesamte Zeit neben dem Festnetz-Telefon. Im schlimmsten Fall kann das Leben im Funkloch auch lebensbedrohlich sein – wenn etwa der dringende Notruf nicht abgesetzt werden kann.

Funklöcher können übrigens auch an Orten entstehen, an denen es sonst eine gute Netzabdeckung gibt und zwar immer dann, wenn unzählige Menschen zugleich auf das Netz zugreifen wollen. Das passiert zum Beispiel bei Großveranstaltungen oder wenn ein größeres Unglück passiert ist und jeder sofort seine Angehörigen und Freunden kontaktieren möchte. Auch die Silvesternacht kann ein schlechter Zeitpunkt sein, um andere Menschen über das Mobilfunknetz erreichen zu wollen.

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Um in ein Funkloch zu geraten, reicht es manchmal auch aus, einfach nur in einen Zug zu steigen. Hier können diverse Umstände dazu führen, dass man nicht erreichbar ist. Zum einen das Fehlen von Sendemasten entlang der Bahnstrecke. Zum anderen werden bei manchen Zugtypen die Mobilfunksignale von der Außenhülle und den Scheiben gedämpft. Und auch im Zug kann es zu Ausfällen kommen, wenn zu viele Menschen im selben Netz telefonieren. Der WDR hat vor Kurzem die Netzabdeckung im Bahnnetz von Nordrhein-Westfalen getestet. Der Telefoncheck ergab dabei bei den Anbietern Vodafone und T-Mobile eine Erfolgsrate von über 80 Prozent. Bei Menschen, die im O2/E-Plus-Netz telefonierten, waren hingegen weniger als 50 Prozent der Anrufe erfolgreich. Auch in einem gut isoliertem Haus kann es mit dem Mobilfunkempfang schwierig werden.

Funklöcher kommen unter anderem dadurch zustande, dass die Mobilfunkanbieter – in Deutschland sind das die drei großen Anbieter Telekom, Vodafone und Telefonica (O2/E-Plus) – nicht verpflichtet sind, eine 100-prozentige Abdeckung zu gewährleisten. Die Abdeckung liegt aktuell im Bereich der 90 Prozent. Und wenn es darum geht, neue Funkmasten aufzustellen, handeln die Anbieter nach dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit. Wo zu wenige Menschen betroffen sind, lohnt sich aus ihrer Sicht meistens die Investition nicht. Die Politik kann derweil nur an die Mobilfunkanbieter appellieren, vorschreiben kann sie das Aufstellen von Sendemasten nicht. Ein Mittel, das die Politiker entdeckt haben, um möglicherweise mehr Druck machen zu können, ist die Bürgerbeteiligung. Im Emsland konnten Bürger über mehrere Monate lang auf einer Internetseite Mobilfunklöcher melden. Im Rahmen dieser Initiative wurden Tausende Funklöcher in den Samtgemeinden Sögel, Nordhümmling, Lathen und Wehrlte verzeichnet. In Brandenburg hat sich zuletzt die CDU das Thema auf die (Wahlkampf-)Fahne geschrieben. Der Funklochmelder Brandenburg registrierte bis Mitte Juli über 20 000 Funklöcher. Die gesammelten Daten sollen an die Mobilfunkanbieter weitergeleitet werden. Ob sich dadurch etwas ändert, muss sich erst noch zeigen.

Rund um das Funkloch spinnen sich bereits Legenden und Geschichten: Seit dem Jahr 2016 kursiert beispielsweise ein Video im Internet, das den Titel „Das Wunder von Wuppertal“ trägt.

Darin klagen die Anwohner der (real existierenden) Straße Im Funkloch in Wuppertal ihr Leid. Bei ihnen seien nämlich ab Ende der 1990er-Jahre alle Informationen angekommen, die durch Funklöcher nicht an den rechtmäßigen Adressaten zugestellt werden konnten. Die Folge: Emoticons und @-Zeichen fielen vom Himmel und der örtliche Briefmarken-Händler spezialisierte sich zeitweise auf das Sammeln von E-Mails. Diese Zeiten seien jedoch mittlerweile vorbei: „Wunder gab’s früher. Heute gibt’s mehr Netz“, heißt es am Ende des Videos. Und dann stellt sich heraus, dass es sich bei dem Beitrag um eine Werbeaktion des Mobilfunkanbieters O2 handelt. Also alles nur gespielt, statt Dokumentation eine Mockumentary (eine fiktionale Dokumentation). Wirkliche Empfangsprobleme soll es im Funkloch übrigens nie gegeben haben, sagte ein Anwohner gegenüber der Westdeutschen Zeitung. Der Straßenname geht dem Zeitungsbericht zufolge auch nicht auf Technikprobleme zurück, sondern auf einen alten Personennamen. Das schreibt Wolfgang Stock in seinem Buch „Wuppertaler Straßennamen“.

Die Menschen, die tatsächlich im Funkloch leben, können über derartige Video-Beiträge sicher weniger lachen. Für sie bleibt nur das Hoffen auf ein Umdenken der Mobilfunkanbieter oder der Umzug in einen Ort ohne „weiße Flecken“.

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