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Beim Erntedank von heute arbeiten Jung und Alt Hand in Hand – und die Jugend setzt dabei ganz neue Akzente

In Schaumburg leben Erntefeste wieder auf

„Es ist für die Kinder das Größte, auf dem Erntewagen durch das Dorf zu fahren.“ Der Wölpinghäuser Uwe Brinkmann weiß, wovon er spricht. Seit 1986 gehört er zum Kreis der damals noch jungen Erntefest-Organisatoren, seit 1981 baut und schmückt er selbst Erntewagen mit. „Es ist erstaunlich. Ich vermute, dass Wölpinghausen zu den Gemeinden mit der höchsten Fest-Dichte pro Kopf gehört.“ Trotzdem hat das Erntefest auch gegen den Trend der vergangenen Jahre seinen Platz im übervollen Kalender behalten. Und mittlerweile ist der dörfliche Wettbewerb um den schönsten Erntewagen wieder voll entbrannt. Mit zwei alten Deutz-Treckern, Strohhüten und Rechen zelebrieren die Erntefest-Aktivisten bereits unmittelbar nach dem Schützenfest gemeinsam das Mähen des Korns für die Erntekrone und den Schmuck der Erntewagen.

veröffentlicht am 28.08.2009 um 23:00 Uhr

Verschiedene Generationen gemeinsam bei der mitunter mühsamen Vo

Autor:

Jan Peter Wiborgund Guido Scholl

„Jeder Halm muss abgezupft werden, um daraus Matten knüpfen zu können“, schildert Brinkmann den anstrengenden Prozess, dem sich mittlerweile wieder rund 100 Wölpinghäuser jeden Alters unterwerfen. Vier bis sechs Wochen dauert die Vorbereitung, an deren Anfang eine Idee steht: „Die Gruppen treffen sich, um den Schmuck der Erntewagen zu entwickeln“, berichtet der Organisator. Wie viele Wagen es schließlich sind, ist den Veranstaltern bis kurz vor dem Fest selbst nicht bekannt.

Für Brinkmann bedeutet das Erntefest in erster Linie die Möglichkeit, „sich mit Dingen zu beschäftigen, die eigentlich nicht mehr sein müssten“ – und dies in der Gemeinschaft zu tun, an der auch bereits kleine Kinder teilhaben könnten und so hineinwachsen. „Die Begeisterung springt auf sie über“, meint er. Nicht der Erntedank steht bei dem 44-Jährigen im Vordergrund, sondern das mit viel Kreativität verbundene Vermitteln eigener, als faszinierend empfundener Kindheitserinnerungen – eine eigene, neue Tradition, die in Wölpinghausen gesetzt wird.

Besucherzahlen nehmen wieder zu

Im Nachbarort Bergkirchen – politisch auch zur Gemeinde Wölpinghausen gehörend – hat sich ein eigenes Erntefest gehalten. Es ist das einzige, eigene Fest der Gemeinde und bildet das jährliche Ausrufezeichen. Einen neuen Akzent setzt in diesem Jahr der örtliche Hofladen, gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland, die für den Oktober ein „Apfelfest“ organisieren, bei dem Besitzer von Apfelbäumen rund um Bergkirchen während eines gemeinsamen und fröhlichen Tages reiche Ernten in Apfelsaft und Apfelmost verwandeln lassen können. Sitzt etwa in dieser Idee der Kern einer neuen dörflichen Tradition, die sich durchaus mit der überkommenen ergänzen könnte?

Sogar für traditionelle Tänze lässt sich die Schaumburger Jugend
  • Sogar für traditionelle Tänze lässt sich die Schaumburger Jugend wieder begeistern. Foto: jpw

Veranstalter des Bergkirchener Erntefestes ist traditionell die kleine Ortsfeuerwehr. Auch hier nehmen die Besucherzahlen wieder zu: Die morgendliche Andacht von einem der örtlichen Pastoren ist immer sehr gut besucht, das anschließende Frühstück, begleitet von Blasmusik, nutzt eine Vielzahl von Bergkirchnern für einen geselligen Tag. Trotz einiger auswärtiger Besucher ist man unter sich. Angst um den Bestand des Festes gibt es nicht.

Das war im Nachbarort Düdinghausen schon anders. Auch in dem landschaftlich wunderbar gelegenen Dorf bedeutet das Erntefest für alle Bewohner die einzige Möglichkeit, zusammen zu feiern. Seit vielen Jahren gibt es im Ort keinen Vollerwerbsbetrieb mehr, aber immer eine rührige Gruppe von Organisatoren um Günter Hahne, die sich um die Ausrichtung des Erntefestes bemüht.

Dieses Jahr wird es im Zelt, der „Grünen Halle“, besonders freudig zugehen: Denn für die Düdinghäuser steht an, das 40-jährige Bestehen des Erntefestes zu feiern. „Ohne besonderes Programm“, wie Hahne betont. Aber sicherlich mit einer besonderen Form der Fröhlichkeit, denn für die Organisatoren hat sich damit ein ganz besonderer Wunsch erfüllt: Sie wollten unbedingt dieses 40-jährige Bestehen erreichen.

Vor einigen Jahren schien die Zeit der Erntefeste sich auch in Düdinghausen dem Ende zuzuneigen. Teure Tanzkapellen und große Zeltfeste waren im kleinen Ort nicht mehr angesagt. Hahne und seine Mitstreiter reagierten, speckten das Programm ab, verschlankten den Ablauf zwischen dem Ernte-Umzug bis hin zum dörflichen Brunch am nächsten Tag, mit dem Erfolg, dass der Zuspruch und die Unterstützung für das kleinere, aber durchaus nicht sinnentleerte „Erntefest light“ wieder zunahm. Angesichts der in Düdinghausen besonders spürbaren demografischen Entwicklung hin zu einer älteren Gesellschaft bilden zwar die ausbleibenden Nachwuchskräfte beim Herrichten von Erntewagen ein Problem, doch trübt das nicht im Geringsten die Freude über das geplante 40. Erntefest, dem vermutlich mindestens Fest Nummer 41 folgen wird.

„Man tanzt manchmal mit völlig fremden Leuten“

Aufschwung auch im Dörfchen Südhorsten: Dort stellt die Dorfjugend vom 4. bis zum 6. September das erste Erntefest nach 22-jähriger Pause auf die Beine. Erntefest und Dorfjugend Südhorsten sind eng miteinander verzahnt. Man könnte sagen, dass die Feier das unübersehbare Zeichen des Zusammenhalts der jungen Südhorster ist.

Im Jahr 1977 hat der Ort zuletzt Erntefest gefeiert. Doch dann trat Ulrike Akemann aus gesundheitlichen Gründen als Organisatorin zurück. Da kein Nachfolger gefunden wurde, „starb“ das Fest. Martina Lohmann, die vor zwei Jahren die Gründung der Dorfjugend Südhorsten forcierte, sagt, dass ein funktionierender Motor für eine erfolgreiche Festtradition existenziell wichtig ist. Außerdem braucht es eine entsprechende Anzahl von Leuten, die das Ansinnen unterstützen.

Beides ist in Südhorsten derzeit gegeben. Der Dorfjugend-Vorstand, bestehend aus Kevin Liebig, Florian Fietzke, Oliver Struckmeier und Tom Spier, und Martina Lohmann, die mit Ehemann Andreas das Erntebauernpaar bildet, sind bei der Premiere die maßgeblichen Organisatoren gewesen. „In der akuten Schlussphase der Planung haben dann auch die übrigen Mitglieder fleißig mitgeholfen“, betont Liebig. Plakate kleben, Erntekrone binden, Erntewagen schmücken – all das kann nicht ein Einzelner oder eine Handvoll Leute erledigen. Und in der kommenden Woche geht es mit dem Schmücken des Festzeltes weiter.

Rückblende: Angefangen hat alles vor zwei Jahren, als Lohmann die Jugendlichen des Ortes zu einem Treffen zusammentrommelte. Sie stellte Pläne vor, wie sich die Jugend ähnlich wie in den umliegenden Dörfern zu einer Gruppe zusammenschließen und unterschiedliche Projekte initiieren könnte. „Am Ende haben wir spontan beschlossen, die Dorfjugend zu gründen“, erinnert sich Liebig.

Ins Blaue hinein wagte Lohmann den Vorstoß nicht – zurzeit gibt es viele Jugendliche im Ort. Grund seien die geburtenstarken Jahrgänge 1992 bis 1996, als jeweils zwischen zehn und 14 Südhorster Kinder zur Welt kamen. In 2008 gewann die Dorfjugend gleich gewaltig an Eigendynamik. Liebig erzählt, dass das erste größere Projekt der Bau eines Erntewagens war. Damit wollten sich die Jugendlichen bei den Umzügen der Erntefeste in den Nachbargemeinden wie Schierneichen und Echtorf beteiligen.

Sie haben sozusagen Anschauungsunterricht erhalten. Was gehört zu einem gelungenen Fest, wie planen die Nachbarn? Am Ende der Saison 2008 stand fest: Es sollte eine Neuauflage des Südhorster Erntefestes geben. Nur war noch nicht klar, wie groß diese aufgezogen würde. „Zuerst wollten wir nur an zwei Tagen feiern“, erinnert sich Liebig. Doch Gespräche mit anderen Organisatoren hätten ergeben, dass gerade die Disko am Freitag, die zum üblichen Strickmuster aktueller Erntefeste gehört, besonders profitabel ist. Ein Discjockey sei nun mal günstiger als eine Band, die beim Tanzabend am Samstag spielt.

Disko am Freitag, Tanzabend am Samstag und Festumzug am Sonntag – so werden Erntefeste im Schaumburger Land gewöhnlich aufgebaut. Allerdings haben die Sonntage lokal gefärbte Besonderheiten. Zwei Beispiele: In manchen Gemeinden gibt es einen Zeltgottesdienst, in anderen wird auf diese letzte Reminiszenz der christlichen Wurzeln verzichtet. Manche Veranstaltungen klingen sonntags mit Tanzmusik aus, andere sind mit dem Umzug beendet.

Die Dorfjugend Südhorsten hat sich für die XL-Variante entschieden: Am Freitag geht es um 21 Uhr los, am Sonntag ist der letzte Höhepunkt für 22 Uhr vorgesehen. Dann tritt der „Holzhacker“ auf, eine Vorführung, die der Südhorster Tradition entstammt. „Wir wollten so viel Traditionelles wie möglich übernehmen“, erklärt Liebig. Dazu gehört auch die Umzugsstrecke, in die der Anlaufpunkt Kreisaltenzentrum Helpsen integriert wurde.

Die Terminsuche für die Neuauflage war nicht leicht. Es musste mit den Nachbarkommunen abgesprochen werden, welches Wochenende sich für das Südhorster Fest eignet. Denn es soll keine Konkurrenz zweier benachbarter Erntefeiern entstehen. Die Wahl fiel auf das erste Septemberwochenende – allerdings sind die Südhorster dennoch nicht gänzlich ohne Konkurrenten: Nordsehl und Lauenhagen feiern einige Kilometer entfernt.

Die Abstimmung der Termine ist nicht nur wichtig, damit sich die Veranstalter nicht gegenseitig die abendlichen Festgäste abwerben. Es geht auch um die Erntewagen, die an den Umzügen teilnehmen. Erstens ist fürs eigene Fest eine große Anzahl von Wagen erwünscht, zweitens möchten die Organisatoren gern an den Umzügen anderer Feste teilnehmen.

Für Liebig sind die Umzüge und die Trachtentänze das Salz in der Erntefest-Suppe. Es mache großen Spaß, in den bunt geschmückten Wagen übers Land zu fahren. Und die Tänze seien ebenfalls ein Riesenvergnügen. „Manchmal tanzt man mit völlig fremden Leuten“, sagt Liebig. Die traditionellen Tanzelemente machen’s möglich. Diese mussten die Südhorster erstmal mühsam üben. Anfangs eher skeptisch, so Lohmann, waren die Neulinge bald mit Enthusiasmus dabei. Und siehe da: „Als wir im letzten Jahr bei den Erntefesten getanzt haben, haben die anderen gestaunt, wie gut wir das schon konnten“, erinnert sich Liebig. In diesem Jahr tanzen die Südhorster auch auf der eigenen „Party“. Und es soll nicht die Letzte sein.

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