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Bahntrasse: Runder Tisch angeregt

Interessengruppen nicht gegeneinander ausspielen

BÜCKEBURG. Kann eine Erweiterung des Naturschutzgebietes „Bückeburger Niederung“ eine Neubautrasse der Bahn verhindern? Möglicherweise, doch der Weg dahin ist steinig. Das zeigte ein Dialogabend, zu dem die Bürgerinitiative Bigtab und der Förderverein „Bückeburger Niederung“ ins Vereinsheim des VfL eingeladen hatten.

veröffentlicht am 12.10.2017 um 13:57 Uhr

Das Thema Bahntrasse sorgt für lebhafte Diskussionen im VfL Vereinsheim. Foto: jp
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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Eine ICE-Neubautrasse will in Schaumburg niemand, das war als gemeinsamer Nenner schnell offenkundig. Doch in der Frage, wie ein solches Bahnprojekt effektiv verhindert werden kann, gingen die Meinungen auseinander.

Bigtab-Sprecher Thomas Rippke erläuterte die Situation: Auch wenn das Schienenwegeausbaugesetz nur von „zwei zusätzlichen Gleisen“ spreche, sei der erste Entwurf aus dem Bundesverkehrswegeplan 2030 die Variante, die die Bahn und das Bundesverkehrsministerium nach dem Ende des Dialogverfahrens mit größter Wahrscheinlichkeit verwirklichen wollten: Also eine Neubautrasse, die in Achum von der alten Trasse abzweigend südlich des Naturschutzgebiets „Bückeburger Niederung“ am Rethof entlang Richtung Evesen und von dort durch einen Tunnel weiter in Richtung Porta führe, um dort den Jakobsberg mit Tunnel zu durchqueren.

Bedenken nicht

berücksichtigt

Rippke und sein Stellvertreter Reinhard Fromme, Ratsherr in Porta Westfalica, sehen in genau dieser Trasse die Erfahrungen des Bundesverkehrsministeriums aus der Diskussion von vor 15 Jahren destilliert, als schon einmal verschiedene Trassen diskutiert wurden. „Man hat hier den Verlauf gewählt, der am wenigsten Raumwiderstand erwarten lässt“, so Fromme, nämlich knapp am Naturschutzgebiet „Bückeburger Niederung“ und dem FFH-Gebiet bei Nammen vorbei. Darüber hinaus sei gerade mit dieser Route am ehesten die viel beschworene Fahrtzeitverkürzung von acht Minuten zu erreichen. Fromme erinnerte an die vielen Tausend Stellungnahmen, die nach der ersten Veröffentlichung des Bundesverkehrswegeplans von Kommunen, Landkreisen, Verbänden, Organisationen und Bürgern gegen die Neubautrasse formuliert wurden. „Das Ministerium hat rein gar nichts davon im später beschlossenen Gesetz berücksichtigt.“

Um die Neutrasse dennoch zu verhindern, möchten Bigtab und Förderverein das bestehende Naturschutzgebiet „Bückeburger Niederung“ punktuell erweitern, um somit der Bahn an einigen entscheidenden Stellen zwischen Bückeburg und dem Mittellandkanal Steine in den Weg zu legen. Dies jedoch nicht sofort, sondern zunächst in Form einer sogenannten „einstweiligen Sicherstellung“, die für maximal vier Jahre Veränderungen unterbindet.

Deutliche Skepsis bei Kreislandwirt Dieter Wilharm-Lohmann: Auch die Landwirte lehnten eine Neubautrasse entschieden ab, so Lohmann. Sie könnten sich aber mit einer massiven Ausweitung des bestehenden Naturschutzgebiets nicht anfreunden. „Hier geht es um die Wertigkeit von Flurstücken und die Existenzgrundlage landwirtschaftlicher Betriebe.“ Auch mehrere Landwirte sahen die Naturschutz-Option kritisch, befürchteten gar wie der von der möglichen Neubautrasse besonders betroffene Hans-Jürgen Hornung vom Rethof in Scheie „kalte Enteignung“.

Ob denn nicht der geltende Landschaftsschutz und die räumliche Nähe zum bestehenden Naturschutzgebiet einen wirksamen Riegel darstellten, kam als Frage auf den Tisch. „Nein“, so die klare Antwort aus den Reihen des Fördervereins „Bückeburger Niederung“. Die Bahnlinie Hannover-Dortmund sei eine Verkehrsader von internationaler Bedeutung, so dessen Mitglied Erich Hoffmann, und hinter dem trassenfernen Ausbau stünden außerordentlich starke überregionale verkehrspolitische Interessen. „Da müssen wir schwerere Geschütze auffahren, um das zu verhindern.“

Warnung vor

Raumordnungsverfahren

Vereins-Vize Wolfhard Müller warnte erneut davor, der Bund könne mit einem Raumordnungsverfahren und der Festlegung sogenannter „Vorranggebiete für Verkehr“ Fakten schaffen. „Dann haben wir keine Chance mehr, irgendetwas zu verhindern.“

Wieder Ruhe in die teilweise hochemotionale Debatte brachte Landrat Jörg Farr, der nachdrücklich auf die verheerenden Auswirkungen hinwies, die eine ICE-Neubautrasse für die heimische Landwirtschaft nach sich ziehen würde, insbesondere durch die Auswirkungen auf den Grundwasserhaushalt. Darum will der Chef der Kreisverwaltung Landwirte und Naturschützer erneut an einen Tisch bringen, um wirksame Möglichkeiten zu entwickeln, die Bahn auf verwaltungstechnischem Wege auszubremsen. Dabei gehe es nicht darum, die Ängste vor einer Neubautrasse gegen die berechtigten Existenzängste der Landwirte auszuspielen, was auch der Bückeburger Ratsvorsitzende Reinhard Luhmann unterstrich: „Wenn wir uns heute auseinander dividieren, freut sich nur einer, und der sitzt in Berlin.“

Jörg Farr: „Wir sind uns hier in der Region alle einig, dass wir den trassenfernen Ausbau nicht wollen. Das ist das riesige Pfund, mit dem wir gegenüber dem Bund wuchern können.“ Zustimmung von Kreislandwirt Wilharm-Lohmann: „Ich sehe den Ball klar bei der Kreispolitik.“

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