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Urteil erwartet

Kader-Prozess: Nurettin B. zu 14 Jahren Haft verurteilt

HANNOVER. Der wegen des sogenannten „Schleifmordversuchs von Hameln“ angeklagte Nurettin B. (39) aus Eimbeckhausen ist am Mittwochnachmittag um 15.15 Uhr zu 14 Jahren Haft verurteilt worden - wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Zurzeit läuft die Urteilsbegründung. Die Staatsanwältin und der Opfer-Anwalt hatten lebenslange Freiheitsstrafen gefordert, die Verteidigung plädierte auf 14 Jahre Haft. Nurretin B. hatte außerdem die Zahlung von 100 000 Euro Schmerzensgeld angeboten.

veröffentlicht am 31.05.2017 um 12:33 Uhr
aktualisiert am 31.05.2017 um 17:20 Uhr

14 Jahre muss Nurettin B. ins Gefängnis. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Das Medieninteresse ist riesengroß. „Die Welt“, „Der Spiegel“, der „New Zealand Herald“, die „New York Times“ und viele andere haben schon über den sogenannten „Schleifmordversuch von Hameln“ berichtet. Die Nachricht von dem barbarischen Verbrechen hat rund um den Globus für Schlagzeilen, vor allem aber für Abscheu und Entsetzen gesorgt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch am letzten Prozesstag zahlreiche Journalisten und Fotografen in den Schwurgerichtssaal drängen. Jeder fürchtet, keinen Platz mehr zu bekommen. Die Fernsehkameras werden erst auf das Opfer Kader K. (28), die ihr Gesicht mit einem roten Aktendeckel verdeckt, und dann auf den Angeklagten Nurettin B. (39), der an den Händen gefesselt, von zwei Wachtmeistern in den Saal geführt wird, gerichtet. Nurettin B. schaut regungslos in die Kameras, er macht nicht den Versuch, sein Gesicht zu verbergen. Seine Ex-Frau Kader K. leidet immer noch sichtbar an den Folgen der Tat. Oft stützt sie ihren Kopf auf ihre Hand und hört zu. Diplom-Sozialarbeiterin Juliane Frank vom Opferhilfe-Büro Bückeburg weicht ihr nicht von der Seite.

Zu Beginn der Verhandlung nimmt der Verteidiger des Angeklagten Stellung zu dem Antrag des Nebenklagevertreters. Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben hatte vor einer Woche die Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 250000 Euro beantragt. Strafverteidiger Matthias Waldraff bietet an, sich zu verständigen. Sein Mandant sei bereit, sein Haus zu verkaufen und dem Opfer zeitnah 100000 Euro zur Verfügung zu stellen -“ohne Wenn und Aber“. Die Verhandlung wird unterbrochen, sodass Verteidigung und Nebenklage darüber beraten können, ob ein Vergleich möglich ist. Sollte Nurettin B. die Hälfte der von der Nebenklage geforderte Summer akzeptieren und auch bereit sein, für weitere noch nicht absehbare immaterielle Zukunftsschäden aufzukommen, scheint eine Einigung in Sicht. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch signalisiert Zustimmung. „Aus unserer Sicht sind die Beträge, über die Sie hier reden, vernünftig - jedenfalls nach vorläufiger Bewertung der Kammer.“

Nach zweistündiger Beratung hinter verschlossenen Türen schließen Nurettin B. und Kader K. einen richterlichen Vergleich. Der Täter verpflichtet sich, dem Opfer ein Schmerzensgeld in Höhe von 137000 Euro plus Zinsen zu bezahlen und für sämtliche materiellen und immateriellen Zukunftsschäden, die nicht von Dritten übernommen werden, aufzukommen. Ferner wird B. seiner Ex-Partnerin, mit der er nach dem islamischen Glauben verheiratet war, seinen VW Passat im Wert von 12000 Euro übereignen. Es ist das Auto, mit dem sie durch die Südstadt geschleift wurde.

Mit großem Interesse wird das Urteil erwartet. Foto: ube
  • Mit großem Interesse wird das Urteil erwartet. Foto: ube

Dann folgen die Plädoyers. Staatsanwältin Ann-Christin Fröhlich spricht von einer „abscheulichen, widerlichen und grauenvollen Tat“. Das Verbrechen sei - anders als von dem Angeklagten in seinem schriftlichen Geständnis dargestellt - „von Anfang an geplant gewesen“. Nurettin B. hatte behauptet, Kader K. habe etwas gesagt, was ihn zutiefst verletzt hatte. Er sei deshalb völlig ausgerastet und habe dadurch die Kontrolle über sich verloren. Die Staatsanwältin wertet das als reine Schutzbehauptung. Es sei keine Spontantat gewesen. Das Mordmerkmal der Grausamkeit liege vor, die Nähe zu Habgier und Heimtücke sei vorhanden. Nurettin B. habe „gefühllos und unbarmherzig“ gehandelt. „Er wollte sich über sie erheben, er wollte sie demütigen, er wollte ihr körperliche Qualen zufügen. Sein Ziel war es, sie zu töten.“ Während die Staatsanwältin die Verletzungen aufzählt, die das Opfer erlitten hat, muss Kader K. weinen. Nurettin B. starrt derweil weiter Löcher in die Luft; er wirkt teilnahmslos. Am Ende fordert Staatsanwältin Ann-Christin Fröhlich lebenslange Haft für Nurettin B. Auch wenn es ein versuchter Mord war, gebe es keinen Grund, die Strafe für diese „grauenvolle und widerliche Tat“ zu mindern. „Kader K. musste reanimiert werden. Sie war schon tot, sie musste ins Leben zurückgeholt werden.“ Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben schließt sich dem Antrag an. Seine Mandantin sei gebrandmarkt als „geschleifte Frau“. Sie ist nicht mehr die Frau, die sie einmal war.“ Nebenklägerin Kader K. wünsche sich, dass der Täter lebenslänglich bekomme, sagte der Anwalt. Er wünsche sich, dass das Gericht ein Signal setze für die Rechte der Frauen. Opfer-Anwalt Raban Funk spricht von einer „menschenverachtenden Tat“, von „Verachtung, Hass, Gier und dem Sinnen nach Exekution“. Das Verbrechen erinnere ihn an ein IS-Video aus Syrien. Da werde ein Journalist mit einem Auto zu Tode geschleift. Mit solchen mittelalterlichen Hinrichtungsmethoden müsse sich Nurettin B. zumindest gedanklich auseinandergesetzt haben. Lebenslange Haft sei eine gerechte Strafe.

Freilich sieht das Nurettin B.s Verteidiger Matthias Waldraff anders. Aus Rücksicht auf das Opfer habe sein Mandant sich während des gesamten Prozesses ruhig und devot verhalten, alles schweigend ertragen, Reue, Einsicht und tiefes Bedauern gezeigt. „Er ist nicht nur dieser widerliche grausame Verbrecher. „Es gibt auch einen anderen Nurettin B.“ Er sei ein fleißiger Mann, der einen Beruf erlernt habe. Sein Mandant sei ein Familienmensch, kinderlieb, sozial integriert und beliebt.“ Waldraff hält 14 Jahre Haft für tat- und schuldangemessen. Sein Verteidiger-Kollege Bastian Quilitz schlägt in dieselbe Kerbe. Nurettin B. habe sich nach der Tat sofort bei der Polizei mit den Worten „Ich war’s“ gestellt und vor Gericht ein umfassendes Geständnis abgelegt, „weil er sich der Verantwortung stellen wollte“. Dass Nurettin B. grausam gehandelt hat, bezweifelt der Verteidiger. Zeugen hätten geglaubt, Kader K. sei „nicht mehr da gewesen“. Quilitz spricht nicht aus, was er meint: Wer eine Bewusstlose oder Tote durch die Stadt schleift, handelt aus seiner Sicht im juristischen Sinne nicht grausam.

Der Angeklagte hat wie immer das letzte Wort. „Es tut mir unendlich leid, was ich Dir und unserem Sohn angetan habe“, sagt er.

Das Urteil wird eine Stunde später verkündet: 14 Jahre Haft wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Opfer Kader K. kann nicht glauben, was sie hört. Sie ist enttäuscht. Die Verteidigung ist zufrieden. Bevor Nutettin B. gefesselt wird, winkt er noch seinen Angehörigen zu. Er wirkt erleichtert.

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