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Vor 70 Jahren: Wie die Propaganda auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitet / Streifzug durch die Schaumburger Zeitung

Krieg der Worte an der „Heimatfront“

Vom Krieg erfahren die Deutschen aus dem Radio. Wer die Sondermeldung in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 verpasst hat, sitzt um zehn Uhr gebannt vorm „Volksempfänger“ und lauscht der Rede Hitlers im Reichstag. „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“, schallt es hunderttausendfach aus dem Äther. In dem Zitat, dem Prolog zum größten Kriegsinferno der Geschichte, ist so gut wie alles erfunden. Nicht mal die Uhrzeit stimmt: Der Überfall erfolgte eine Stunde früher. Und geschossen wird ohne Anlass: Die SS hat die Grenzzwischenfälle inszeniert.

veröffentlicht am 28.08.2009 um 23:00 Uhr

Motiv 1 von 2‹BR›Aufnahmedatum: 01.09.1939‹

Autor:

Frank Werner

Seit Wochen schon produziert die Propaganda Greuelmeldungen wie am Fließband. Der Mythos vom Verteidigungskrieg wirft seine Schatten voraus: In hämmernder Wiederholung wird Polen als Aggressor gebrandmarkt. Der Krieg an der „Heimatfront“ – er wird mit Worten geführt. Vor allem die Tagespresse wird neben Rundfunk und Kino zum Sprachrohr der Propaganda. Die Schaumburger Zeitung bildet keine Ausnahme: Die Schlacht der Schlagzeilen beginnt, ehe der erste Schuss gefallen ist.

Über große Spielräume in der Berichterstattung verfügen die Redaktionen nicht: Die Nachrichtenagenturen sind gleichgeschaltet, und die Propagandaämter wachen über die Einhaltung ihrer täglich verschickten Anweisungen. Kritik artikuliert sich bestenfalls zwischen den Zeilen. Von der SZ indes ist Widerspruch kaum zu erwarten: Sie sichert sich ihre Existenz im Nationalsozialismus durch Anpassung.

Bereits am 8. August berichtet die Zeitung in großen Lettern auf der Titelseite: „Polen droht Danzig zu beschießen. Jetzt aber Schluß mit diesen unerträglichen Provokationen!“ Nur zwei Tage später heißt es: „Polen will Danzig oder den Krieg.“ Und wieder zwei Tage darauf versucht die Überschrift mit statistischer Präzision weiszumachen, wie rücksichtslos der Nachbar die deutsche Minderheit unterdrückt: „In fünf Wochen 204 Überfälle. Erschütternde Beispiele polnischer Brutalität gegen Volksdeutsche.“ Ende August spitzt sich die Kampagne zu, das Vokabular wird drastischer: „Deutschen-Ausrottung durch Seuchen. Satanische Kampfmethoden der Polen gegen die wehrlose Volksgruppe.“

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Wer sich nach dieser Litanei am 1. September immer noch keinen Reim auf das „Zurückgeschossen“ machen kann, dem liefert die Propaganda am Tag des Angriffs den letzten Grund. Auch in der SZ wird der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz als „allgemeiner Angriff polnischer Freischärler auf deutsches Gebiet“ ausgegeben. Der Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug verwandelt sich in nationale Notwehr – eine Mär, die bei den meisten Lesern verfängt.

Die Feindschaft zu Polen muss nicht neu erfunden werden, man kann auf tief im kulturellen Gedächtnis wurzelnde Ressentiments aufbauen. Erst der Anschluss an die Tradition beschert den Meinungsmachern überhaupt Erfolg: Die Propaganda überzeugt vor allem dort, wo sie Altbekanntes neu formuliert.

So ist für die Zeitgenossen historisch verbrieft, dass alles Deutsche dem Polnischen turmhoch überlegen ist. Und tun sich doch Inseln der Kultur auf, findet sich eine plausible Erklärung: „Was in Polen groß ist, schufen Deutsche“, tischt die SZ ihrer wahrscheinlich wenig verdutzten Leserschaft auf. In dieser Deutung ist der Krieg mehr als Notwehr: Er ist eine Form von Entwicklungshilfe.

Nicht nur die Zuspitzung der antipolnischen Propaganda lässt sich – im Nachhinein – als Vorbote des Krieges lesen. Auch eine Meldung aus dem Wirtschaftsleben greift ihrer Zeit voraus. Am 28. August berichtet die SZ, welche Nahrungsmittel künftig nur noch per Bezugsschein zu erwerben sind: Fleisch, Milch, Zucker, Öle und Fette werden rationiert, auch Brot, Mehl und Kartoffeln sind auf den Scheinen bereits vermerkt.

Vor dem Erfahrungshintergrund des Ersten Weltkriegs, der langen Schlangen vor leeren Läden, muss die Rationierung als Fanal des Unheils gelten. Jedenfalls geht die Propaganda davon aus – und steuert mit immer neuen Beruhigungspillen und Durchhalteparolen gegen.

Die Beschneidung des Konsums wird den Zeitungslesern als nationales Meisterstück erklärt: Schon wenige Stunden nach Ankündigung der Bezugsschein-Ausgabe sei jeder Deutsche im Besitz seines Ausweises gewesen. „Eine organisatorische Glanzleistung, die uns kein Volk der Erde nachzumachen versteht“, posaunt die SZ.

Eine andere Propaganda-Botschaft lässt erkennen, wie sehr das Regime um die Stabilität der „Heimatfront“ fürchtet. Die Angst vor sozialen Spannungen wie im Ersten Weltkrieg diktiert das Drehbuch für den Zweiten: Diesmal soll sich die Stimmung nicht an „Kriegsgewinnlern“ entzünden. So wird die Einführung der Bezugsscheine als Existenzbeweis der „Volksgemeinschaft“ interpretiert, in der alle den Gürtel gleichermaßen enger schnallen. Nicht Verknappung führe zur Rationierung, erklärt die SZ, sondern vorbeugende Gerechtigkeit: Die Maßnahme sorge schon jetzt dafür, „daß der größere Geldbeutel in einer Notzeit nicht triumphiert“.

Krieg in der Heimat: Sparen und Verdunkeln

Als der Krieg beginnt, ist die SZ bereits im Druck, nur eine unscheinbare Meldung im Lokalteil geht am 1. September über die Nachrichtenlage vom 31. August hinaus und nimmt Hitlers Vokabular des Tages vorweg: „Die Würfel sind gefallen! Gewalt muß jetzt gegen Gewalt stehen.“

Erst die Samstags-Ausgabe vom 2. September berichtet über den Einmarsch: „Deutschlands Abwehr gegen polnische Übergriffe. Die Wehrmacht über Polens Grenzen hinaus im Vormarsch“, spinnt die erste Kriegsschlagzeile den Verteidigungsmythos fort. Dass es der Auftakt zu einem Weltkrieg ist, können die Zeitgenossen noch nicht wissen.

Erst als England und Frankreich in den Krieg eintreten, wird die Dimension deutlich. „Die Kriegsschuld allein beim britischen Kabinett“, titelt die SZ am 4. September. Doch man vermeidet noch, von Weltkrieg zu sprechen: Noch ist unsicher, wie die Bevölkerung reagiert.

Ab jetzt werden täglich Lageberichte von der Front veröffentlicht. Auch sie zählen zum Arsenal der Propaganda, müssen im Wortlaut gedruckt werden. In den ersten Kriegsjahren zeichnen die Berichte des Oberkommandos der Wehrmacht noch ein halbwegs realistisches Bild, bevor Rückzüge zu „Frontbegradigungen“ werden und der Untergang zum „Heldenkampf“.

In den Lokalspalten beginnt der Krieg als Kurzmeldung. „Die erste Nacht der Verdunkelung“, bilanziert die SZ am 2. September den Beginn der Luftschutzmaßnahmen. „Einzelne Radfahrer, die noch mit vollem Licht durch die Straßen fuhren, wurden schnell angehalten und zur Verantwortung gezogen.“ Die Meldung verdeutlicht, dass der Krieg auch in den Alltag der Provinz schneidet, als Zäsur greifbar wird.

Das gilt auch für die immer wichtiger werdende Verbrauchslenkung. Mit Überschriften wie „Jeder soll satt werden!“, wird Zweckoptimismus verbreitet. Aufrufe zur „Erzeugungsschlacht“ und sparsamen Haushaltsführung begegnen dem Leser nun ebenso häufig wie Lobpreisungen der Kleintierhaltung als Garant der Selbstversorgung. Ein dauerhaftes Thema bleibt zudem die Einübung des Luftschutzes: „Spielereien mit Taschenlampen sind jetzt auch nicht mehr an der Ordnung“, rügt die SZ und gibt „Hinweise für die Hausfeuerwehr“: „Böden räumen, besonders die brennbaren Gegenstände beseitigen, Türen nicht schließen!“

Der Luftschutz ist einer der Bereiche, in dem verstärkt Frauen eingesetzt werden und in neue, mit dem NS-Mutterideal wenig kompatible Rollen schlüpfen. Auch hier befürchtet das Regime subversives Potenzial: Die Propaganda-Kampagne soll nicht nur Frauen mobilisieren, sondern bei Männern Verständnis für „das Mädel hinter dem Eisenbahnschalter, die Frau als Straßenbahnschaffner, die Kriminalbeamtin“ wecken.

In einem selbstverfassten Artikel gibt die Redaktion der SZ jedoch in jeder Hinsicht Entwarnung. Unter der Überschrift „Wir blättern zurück bis 1914. Rinteln in den ersten Wochen des Weltkriegs – und heute?“ kommt Redakteur Walter Maack zu dem Schluss: „Man merkt heute deutlich die größere innere Geschlossenheit und Festigkeit unseres Staatswesens. Ernst und entschlossen erfüllt jeder seine Pflicht. Die Innere Front, in der wir alle stehen, wird nicht versagen, die Heimat wird diesmal aushalten.“

Beschwörungsformeln, die am 29. September einen ersten Dämpfer erhalten. Die SZ druckt die erste Todesanzeige eines Rintelner Soldaten. Auch hier lenkt Propaganda die Feder: Kurz nach seinem 25. Geburtstag sei Rudolf Brandt „in treuer Erfüllung seiner Pflicht für Führer und Volk“ im Osten gefallen.

So sehr der Umfang der SZ im Laufe des Kriegs schrumpft, der Raum für Todesanzeigen wird immer größer.

Nächste Folge der Serie: Schaumburger Zeitzeugen erinnern sich an die ersten Wochen des Weltkriegs.

1. September 1939: Deutsche Soldaten reißen den Schlagbaum zur Grenze nieder, der Überfall auf Polen beginnt. Die SZ berichtet im Propagandaton am Folgetag – am 29. September erscheint die erste Todesanzeige eines gefallenen Rintelner Soldaten.

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