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Die vergessenen Toten

Künftig Hinweistafeln im größten Urnenfeld Südniedersachsens?

KRANKENHAGEN. Viele kennen es, aber nur die wenigsten kennen seine Geschichte: Die Rede ist vom Urnengrab in Krankenhagen. Ortsbürgermeister Gerald Sümenicht will deshalb im Rahmen des Dorferneuerungsplans Hinweistafeln an der historischen Grabstätte aufstellen lassen.

veröffentlicht am 06.11.2017 um 16:59 Uhr
aktualisiert am 06.11.2017 um 18:00 Uhr

Ortsbürgermeister Gerald Sümenicht will an der historischen Grabstätte in Krankenhagen Hinweistafeln aufstellen. Foto: leo
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Leonhard Behmann Volontär zur Autorenseite
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KRANKENHAGEN. Schilder sollen Bürger und Touristen über die Geschichte und die Funde aufklären. „Ich finde es wichtig, dass Besucher mehr über diesen mystischen Ort erfahren“, erklärt Sümenicht im Gespräch mit unserer Zeitung.

Doch welche Geschichte steckt hinter den fast vergessenen Gräbern? Der mehrere Tausend Jahre alte Friedhof liegt auf dem „Knickbrink“, nordwestlich von Krankenhagen, direkt am Ortsrand. Der Friedhof wurde in den 1930er-Jahren von Jürgen Erdniß bei Bauarbeiten entdeckt. Dieser meldete es seinem Vater Paul Erdniß, der damals Pfleger für Bodenaltertümer war. Der Archäologe untersuchte die Urnengräber.

„Im Jahr 1938 wurden insgesamt 40 Brandbestattungen ausgegraben und dokumentiert“, erklärt Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf. Weitere Funde wurden 1965 gemacht und geborgen. Außerdem sei ein Platz mit zahlreichen Holzkohleresten und kleinen verbrannten Knochenstücken gefunden worden. „Das deutet auf einen Scheiterhaufen für die Verbrennung der Toten hin“, sagt Wulf.

Viele solcher Urnen wurden auf dem „Knickbrink“ damals gefunden. Im Museum sind die restaurierten Fundstücke ausgestellt. Foto: pr
  • Viele solcher Urnen wurden auf dem „Knickbrink“ damals gefunden. Im Museum sind die restaurierten Fundstücke ausgestellt. Foto: pr
Bild rechts: Paul Erdniß (li.) untersucht die Urnengräber in Krankenhagen. Fotos: Archiv
  • Bild rechts: Paul Erdniß (li.) untersucht die Urnengräber in Krankenhagen. Fotos: Archiv

Keramikgefäße, die ebenfalls entdeckt wurden, lassen darauf schließen, dass der Friedhof in der sogenannten Vorrömischen Eisenzeit um die Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus angelegt worden ist. Einige Gräber enthielten kleine Beigefäße aus Ton. Die meisten Urnen waren mit einer Tonschale verschlossen. Nur in zwei Gräbern fanden sich Reste von Bronzeschmuck. „Man hat eine Nadel und einen Armring gefunden“, sagt Wulf.

„Die anthropologische Untersuchung der verbrannten Knochen, der sogenannten Leichenbrände, ergab, dass hier Menschen aus allen Altersstufen bestattet wurden. In zwei Fällen konnte nachgewiesen werden, dass hier eine Mutter und ihr Neugeborenes gemeinsam bestattet worden sind“, erzählt der Archäologe und Referatsleiter des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Neben dem erhaltenen Gräberfeld auf dem „Knickbrink“ wurde in den 1930er Jahren noch ein zweiter Friedhof entdeckt. „Dieser Urnenfund wurde auf dem Nottberg im Bereich einer Sandkuhle gemacht“, berichtet Wulf. Der Urnenfriedhof ist jedoch wieder verfüllt worden und wird heute als Sportplatz genutzt. „Von beiden Plätzen sind weitere archäologische Funde von der Jungsteinzeit bis in das 1. Jahrtausend nach Christus bekannt“, erklärt Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf. Keramik-Fragmente und Tonscherben würden belegen, dass es hier Siedlungen gegeben hat – auch am „Knickbrink“.

„Die Siedlungen lagen ganz in der Nähe von solchen Friedhöfen – sie waren meist nur 200 Meter bis 400 Meter weit entfernt“, erläutert der Archäologe. „Wir beobachten deshalb jede Baugrube in Neubaugebieten, auf der Suche nach Siedlungsspuren“, sagt Wulf.

Zwar wurden auch in anderen Orten Urnengräber gefunden. Aber ein Ort mit dermaßen vielen Urnen sei „schon sehr selten“, sagt Wulf. „Wir freuen uns immer, wenn wir einen solchen Fund machen.“ Bei dem uralten Friedhof am „Knickbrink“ handelt es sich wohl um das größte jemals in Südniedersachsen entdeckte Urnenfeld. Hinweisschilder, wie sie Gerald Sümenicht vorschlägt, findet Friedrich-Wilhelm Wulf „sehr gut“. „Ziel ist es, die Bevölkerung zu informieren. Hinweisschilder helfen dabei“, sagt der Bezirksarchäologe.

Übrigens: Funde aus Krankenhagen werden im Rintelner Universitäts- und Stadtmuseum aufbewahrt und können dort von Besuchern bestaunt werden.

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