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Marlene Dietrich Thema im Prinzenhof

Kultur zur Teezeit: Das schöne Traumbild wird zur Totenklage

RINTELN. Marlene Dietrich hasste Sex. Sie erdrückte ihre Tochter mit egozentrischer Liebe. Als sie im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Soldaten mit Liedern wie „Lili Marleen“ unterstützte, gab sie später mit halb erfundenen Fronterlebnissen an. So jedenfalls beschreibt die Tochter Marie Riva ihre berühmte Mutter – und so auch stellten Dagmar Dreke und Cat Lustig die Schauspielerin und Sängerin dar in ihrem Programm aus Lesung und Gesang: „Marlene! Glanz und Schatten im Leben der Dietrich“.

veröffentlicht am 13.03.2018 um 16:38 Uhr
aktualisiert am 13.03.2018 um 17:50 Uhr

Dagmar Dreke und Cat Lustig im Prinzenhof. Foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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RINTELN. Es war ein durchaus faszinierender Nachmittag der Reihe „Kultur zur Teezeit“ im Prinzenhof. Dagmar Dreke kann auf eine Weise singen, die sofort Bilder von Marlene Dietrich aufsteigen und fast deren Stimme hören lässt: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, oder „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre. Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz allein“, oder „Sag mir, wo die Blumen sind“. Dreke liest auch wunderbar vor, die anklagenden Texte der Tochter aus dem Buch „Meine Mutter Marlene“ (1993), und Auszüge aus Marlene Dietrichs Tagebüchern.

Doch je weiter der Vortrag der Texte voranging, desto stutziger musste man werden über das Bild, das die beiden Künstlerinnen von der Leinwandlegende nachzeichnen. Zunächst wirkt es einfach skurril, dass Marlene Dietrich mit ihren unzähligen leidenschaftlichen Affären in Wirklichkeit kein Interesse an Sex gehabt haben soll. Dass sie gar nicht liebesfähig gewesen sein soll und die Tochter bis ins hohe Alter am eigenen Leben gehindert hätte, auch das kennt man ja von großen Stars. Doch als man dann aus dem Buch der Tochter hört, Marlene Dietrich habe sich später mit ihren Frontauftritten in Szene gesetzt, als sei sie vier Jahre im Krieg gewesen, obwohl sie tatsächlich nur ab und zu mal bei den Soldaten aufkreuzte und ansonsten ein Luxusleben führte – da beginnt man darüber nachzudenken, ob dieser Sturz vom Thron nicht ein bisschen arg ungerecht ist.

Von Beginn an hatte sich Marlene Dietrich gegen die Nazis gewendet, 1939 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und aufrüttelnde Reden gehalten. Immer unterstützte sie großzügig verfolgte Flüchtlinge und Künstler, finanziell und beruflich. Obwohl ihr ungeheuer viel Geld angeboten wurde, weigerte sie sich, nach Deutschland ins Naziregime zurückzukehren. Um ein Haar wäre sie von den Deutschen gefangen genommen worden. Sie war eine mutige, kluge Frau, die für „das andere Deutschland“ stand und sich dafür von vielen auch lange nach dem Krieg noch als „Verräterin“ beschimpfen lassen musste. Da mag es schon etwas befremdlich erscheinen, eine so einseitige Sicht wie diejenige ihrer verbitterten Tochter in den Vordergrund zu stellen.

Ja, man wurde mitgezogen von dem Programm, dass einen gewissermaßen hinter die Kulissen einer Ikone blicken ließ. Doch entließ es die Gäste im Prinzenhof mit der Beschreibung eines zum Schluss dem Alkohol, Schmerztabletten und kranker Einsamkeit überlassenen Menschen. Das war hart. Aber vielleicht auch ein Weg, in Marlene Dietrich nicht nur den überhöhten Star zu sehen, sondern einen Menschen unter Menschen. Auf ihrem Grabstein liest man: „Hier steh ich an den Marken meiner Tage“. Das ist ein Satz aus einem Gedicht von Theodor Körner. In dem Gedicht heißt es weiter: „ Viel gold’ne Bilder sah ich um mich schweben; das schöne Traumbild wird zur Totenklage. Mut! Mut!“

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