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Zeitreise auf der Landpartie“

Lebensgier, Bubikopf und Flapperkleid

BÜCKEBURG. Viele Tausend Besucher wurde am Wochenende auf der Landpartie auf Schloss Bückeburg gezählt. Besonders bestaunt wurden diejenigen, die das Motto der Veranstaltung ernst genommen und sich im Stil der „Goldenen Zwanziger Jahre“ gekleidet hatten.

veröffentlicht am 18.06.2017 um 14:54 Uhr
aktualisiert am 18.06.2017 um 17:10 Uhr

Christina Constanze Wagner (25) aus Hamburg im Kreis der „Flapper-Girls“ Wanda Mandelsloh, Fernanda Weber, Annika Haever und Alexandra Leibbrandt. Foto: jp
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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BÜCKEBURG. Es muss wirklich eine wilde Zeit gewesen sein, diese Ära der „Goldenen Zwanziger“, als die man die Phase zwischen 1924 und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 bezeichnet: Frauen zogen erstmals Hosen an, rauchten in der Öffentlichkeit ultralange Zigaretten, tanzten Charleston, bis die Absätze qualmten und trugen kürzere Flapperkleider als jemals zuvor – alles Dinge, die speziell im prüden, stockkonservativen kaiserlichen Deutschland bis zum Ende des Ersten Weltkriegs undenkbar gewesen wären. Wieder einmal hat sich die Landpartie auf Schloss Bückeburg nach den 50er-Jahren im Jahr 2011 und den 70erJahren 2015 einer kulturellen Epoche der Vergangenheit gewidmet.

Und obwohl weder ein Besucher noch einer der Aussteller oder Organisatoren diese Jahre bewusst selbst wird miterlebt hat, war ein historisches Thema selten so greifbar und spürbar wie in diesem Jahr. Bewirkt haben dürften das vor allem die vielen Besucher, die „dressed like the twenties“ zur Landpartie kamen und dafür freien Eintritt erhielten.

Ein wahres El Dorado ist das Thema für Christina Constanze Wagner. Schon seit sechs Jahren kommt die junge Hamburgerin zusammen mit ihrer Mutter Susanne Wagner aus Lauenhagen zur Landpartie, und schon immer kleidete sich die 25-Jährige dabei ganz stilecht. Was ihr unter anderem in diesem Jahr – mal wieder – den Sieg bei der täglich stattfindenden Hutprämierung einbrachte.

Sabine Christel aus Bückeburg präsentiert auf der historischen Modenschau die Kleidung der Zwanziger. Foto: jp
  • Sabine Christel aus Bückeburg präsentiert auf der historischen Modenschau die Kleidung der Zwanziger. Foto: jp

Seit ihrem 16. Lebensjahr ist sie von den „Zwanzigern“ fasziniert, nicht nur wegen der fulminanten Veränderungen in Kleidung und Mode, sondern vor allem wegen der sozialen, künstlerischen und kulturellen Umwälzungen, die diese Epoche mit sich brachte: „Es war eine wilde, kreative Zeit der explosiven Befreiung der Gedankenwelt“, so Christina Wagner. „Vor allem für die Frauen: Sie durften wählen, fuhren Auto, und trugen kurze Haare und Hosen.“ Vieles ergab sich dabei aus den Folgen des Ersten Weltkriegs, auch ganz Skurriles: „Frauen trugen erstmals in der Öffentlichkeit Nagellack, und dieser Nagellack war ein Abfallprodukt aus der Rüstungsproduktion des Weltkriegs.“ Auch sexuell war es eine Zeit der Befreiung: „In Berlin entstanden die ersten Schwulen- und Lesben-Cafés. Dort tobte sich das Leben aus, als gäbe es kein Morgen.“ Ihr Fazit: „Die Zwanzigerjahre sind auch aus heutiger Sicht noch eine unglaublich moderne Zeit, mehr als jedes andere Jahrzehnt danach. Erst die Gegenwart mit ihren Umwälzungen durch das Internet kommt da heran.“

Zum ersten Mal als Aussteller auf der Landpartie, und das ganz speziell wegen des Themas, sind Janet Seifert und Kai Unger aus Wiesbaden. Am Stand ihrer Firma „Vecona Vintage“ im gelben Salon des Bückeburger Schlosses präsentieren sie Kleidsames und Stilvolles aus dieser Zeit. Wie auch Besucherin Wagner treibt Janet Seifert seit Jahren die Leidenschaft für diese Epoche um, was sie 2009 zu dem Entschluss führte, ihren Beruf in der Computerbranche aufzugeben und sich mit „Vecona Vintage“ selbstständig zu machen. Wobei es dort auch Mode aus den 1930er- und 1940er-Jahren zu erwerben gibt.

Warum gerade aus diesen drei Jahrzehnten? „Die Mode der 1950er-Jahre wird von sehr vielen Anbietern beackert, die der Jahre davor hingegen kaum. Wir haben diese Lücke geschlossen.“ Für Janet Seifert waren speziell die Zwanzigerjahre eine Wahnsinnszeit. „Wenn man in der Großstadt lebte und Geld hatte, dann gab es praktisch keine Grenzen.“ In den 1950er-Jahren sei das dann mit der Rückkehr in die Beschaulichkeit von Heim und Herd und zum klassischen Rollenbild von Mann und Frau wieder zurückgedreht worden. „Da haben die Jugendlichen zwar Rock ’n’ Roll getanzt und sich aufsässig gegeben, aber hinterher doch alle ihr Reihenhaus gekauft.“ Und sieht sie auch wie Christina Wagner die Parallelen zur Gegenwart? Weniger: „In den Zwanzigern wurde wirklich alles neu entdeckt. Heute werden Trends allenfalls wiederentdeckt.“

Diese Zeit steht auch ganz im Fokus bei Dina Brockhaus: Die junge Illustratorin aus Bückeburg präsentiert bei ihrem ersten Landpartie-Auftritt im großen Festsaal diverse Illustrationsideen im Stil dieses Jahrzehnts, darunter Postkarten, Notizhefte, Tassen, Taschenspiegel und Kunstdrucke.

Nachdem sie am Gymnasium in Minden ihr Abitur unter anderem im Leistungskursfach Kunst absolvierte, strebt die 20-Jährige ein Studium im Fach Illustration an. Schon jetzt kann man aber ihre Werke auf diversen Veranstaltungen und auch über das Internet erwerben.

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