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Gedenktafel für „Mamsell Storch“?

Märchenerzählerin von „Tischlein deck dich“ stammt aus Rinteln

RINTELN. „Mamsell Storch“ war unverheiratet, schnupfte Tabak und besaß Humor. Sie lieferte den Brüdern Grimm das Märchen vom „Tischlein deck dich“ und erfand dabei die biestige Ziege, welche drei brave Brüder aus dem Vaterhaus vertreibt, und das rätselhafte Wort „Bricklebrit“, mit dem man dem Goldesel die Dukaten entlockt. Was jetzt entdeckt wurde: Die fantasievolle Märchenerzählerin hieß Eleonore Storch und wurde 1750 in Rinteln geboren.

veröffentlicht am 09.02.2018 um 14:55 Uhr
aktualisiert am 09.02.2018 um 15:50 Uhr

Einritt ins Dorf mit dem Goldesel. Repro: pr
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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RINTELN.Es ist durchaus etwas Besonderes, wenn man herausbekommt, wer genau es war, der ein Märchen an die Brüder Grimm weitergab. Das erklärt der Grimmforscher Prof. Dr. Holger Ehrhardt von der Universität Kassel, der ein leidenschaftlicher Sammler solcher Informationen ist. Mit viel Geduld durchforstete er Tauf- und Geburtsregister, um einer kleinen Notiz auf die Spur zu kommen, die Wilhelm Grimm der Aufzeichnung des Märchens beigefügt hatte. Seine Märcheninformantin Jeanette Hasselpflug hatte nämlich erwähnt, das sie „Tischlein deck dich“ im Jahr 1812 von einer gewissen „alten Mamsell Storch b. Henschel“ erzählt bekommen habe. Bei den Henschels handelte es sich um die später sehr bekannte Unternehmerfamilie Henschel. Also sichtete der Professor auch deren Familienarchiv. Und wurde in beiden Bereichen fündig.

Eleonore Storch war die älteste Tochter des Rintelner Schwertfegers Johann Friedrich Anton Storch. Sie wurde im Haus Bäckerstraße Nummer 4 geboren, wo ihr Vater eine gut gehende Schmiede-Werkstatt führte, die sich hauptsächlich mit der Endmontage und dem Gießen von Waffenteilen beschäftigte. 1749 hatte Eleonores Vater das Rintelner Bürgerrecht erhalten – das weiß Eulenburg-Museumsleiter Stefan Meyer –, spätestens 1763 zog Storch mit seiner Familie nach Kassel, um dort eine Werkstatt als „landgräflich-hessischer Stück- und Rotgießer“ zu eröffnen.

Die Verbindung zur Familie Henschel entstand durch Georg Christian Carl Henschel, der in Storchs Werkstatt Lehrling war und sich in die jüngere Tochter Christine Wilhelmine verliebte. Die beiden heirateten und nahmen die ältere, unverheiratete Eleonore in ihren Hausstand auf. Sie führten ein offenes Haus, in dem nicht nur jede Menge Kinder heranwuchsen, sondern auch Feste mit vielen Gästen gefeiert wurden. Unter diesen Gästen befand sich auch Märchensammlerin Jeanette Hasselpflug. Wer weiß, vielleicht war sie direkt dabei, als Eleonore Storch ihren Neffen und Nichten das „Tischlein-deck-dich“-Märchen erzählte.

Schnupftabak für die Damen: Eleonore Storch (re.) und die Witwe Christine Juliane. Repro: pr
  • Schnupftabak für die Damen: Eleonore Storch (re.) und die Witwe Christine Juliane. Repro: pr
Eleonore Storchs Geburtshaus, Bäckerstraße 4. Foto: jan
  • Eleonore Storchs Geburtshaus, Bäckerstraße 4. Foto: jan

Eine einfache Form des Märchens gab es damals schon in der Sammlung des Italieners Giambattista Basile. Es handelt vom dummen Antuono, der als Lohn für seine Arbeit einen Goldesel erhält, welcher ihm von einem Wirt gegen einen normalen Esel ausgetauscht wird, der dann leider nur Mist statt Gold hervorbringt. Eine spätere Variante erzählt von drei Brüdern, die ein Tischlein-deck-dich, einen Goldesel und den „Knüppel aus dem Sack“ besitzen. Wieder will ein Wirt ihnen diese Dinge austauschen, doch der jüngste Bruder mit seinem Knüppel kann das verhindern.

In diesen Varianten wäre das Märchen sicher niemals so weltberühmt geworden wie Eleonores Fassung des „Tischlein deck dich“. Die gute Frau, der im Henschel-Nachlass ein „scherzhaftes Wesen“ bescheinigt wird, und von der es eine lustige Zeichnung gibt, wie sie mit einer Freundin Tabak schnupft, brachte eine nimmersatte, bösartige Ziege ins Märchen ein. Führen die Brüder diese Ziege auf die Weide, spricht sie: „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt“; fragt der Vater zu Hause nach, ob es ihr auch gut gehe, behauptet sie dann dreist: „Ich sprang wohl über Gräbelein, und fand kein einzig Gräselein.“ Sie ist der Grund dafür, warum der Vater seine Söhne verjagt.

Nicht nur die Ziege, die schließlich der Lüge überführt wird, machte das Märchen so berühmt, sondern auch das Zauberwort, das den Goldesel dazu bringt, vorne und hinten Dukaten fallen zu lassen. In der italienischen Urfassung muss man „arre caucare“ ausrufen, ein ziemlich derber Ausdruck, der so viel bedeutet wie: „Scheiß Gold!“ Das verstieß anscheinend gegen Eleonore Storchs Feingefühl, und so erfand sie das lautmalerische Wort „Bricklebrit“, das genau so in viele, viele Übersetzungen übernommen wurde. Was es direkt bedeutet, weiß man nicht. Es soll wohl den Klang auf den Boden fallender Münzen nachahmen, meint Prof. Holger Ehrhardt.

Der Grimmforscher hat bereits die Quelle für das Märchen von Aschenputtel herausgefunden. Es war eine Marburgerin, an deren Wohnhaus die Stadt nun stolz eine Gedenktafel anbrachte. Genau das sollte auch Rinteln für seine Eleonore Storch tun, schlägt Holger Ehrhardt vor, und trifft damit bei Rintelns Museumsleiter auf offene Ohren. Es gibt ja bereits Messing-Gedenktafeln an Häusern prominenter Rintelner. Eleonore Storch dürfte zu denjenigen Bürgern gehören, die geradezu weltweite Wirkung erreichten. Fast jeder, dem so eine Tafel in der Bäckerstraße 4 erläutern würde, was es mit ihr auf sich hat, wird sagen: „Ah, ja, natürlich, das Märchen kenne ich – und die kommt also aus Rinteln!“

Die Familie Storch hatte noch weitere Wirkungsmächtigkeit. Johann Friedrich Antons Werkstatt in Kassel kann als Keimzelle der großen Henschelwerke mit ihrem Maschinen- und Lokomotivenbau gelten. Darüber nächstens mehr in unserer Zeitung.

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