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Wie Thorsten Walter (48) und Marco Jehle (43) am Job-Center-Empfang Menschen begegnen

Menschliches und Allzumenschliches

RINTELN. Wer sich in Empfangsräumen großer Firmen umschaut, merkt, hier soll der erste Eindruck stimmen. Hier wird repräsentiert, geworben, Seriosität und Klasse demonstriert. Doch was tut ein Unternehmen, dem es eher darum geht, seine Besucher möglichst wenig einzuschüchtern? Die Antwort ist spätestens nach einem Besuch im Rintelner Job-Center klar: Es setzt Männer wie Thorsten Walter (48) und Marco Jehle (43) an den Empfangstresen.

veröffentlicht am 11.10.2017 um 18:00 Uhr

Geben dem Eingangsbereich des Rintelner Job-Centers ein menschliches Gesicht: Thorsten Walter (li.) und Marco Jehle. Foto: cm
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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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Diese beiden Männer bringen genau das mit, was bedürftige und ratlose Menschen auf der Suche nach Unterstützung brauchen: Menschlichkeit und Freundlichkeit.

In recht legerem Outfit sitzen die zwei an ihrem Arbeitsplatz. „Es geht uns vor allem um eins: Wir wollen den Hilfesuchenden auf Augenhöhe begegnen“, da sind sich beide einig. „Wir kommen nicht so von oben herab und bemühen uns um eine verständliche Sprache,“ sagt Walter. „Und Höflichkeit ist uns wichtig. Wir begrüßen alle, die wir kennen, mit Namen und wünschen zum Abschied jedem noch einen schönen Tag. Menschen, die bereits Erfahrungen mit einem Job-Center in einer Großstadt gemacht haben, die staunen immer, wie persönlich sie bei uns behandelt werden“, ergänzt Jehle. „Und wir wollen wirklich helfen. Das merken unsere Besucher“, fasst sein Kollege zusammen.

Die Frage, ob sie ihre Befähigung zu solch konstruktivem Umgang mit ihren Mitmenschen wohl in Schulungen erlernt haben, belustigt die beiden Männer ein wenig. Ja, na klar, hätten auch sie Schulungen, etwa zu Deeskalationstechniken, Kommunikation und Gesprächsführung, besucht. Doch seien diese eher eine Bestätigung dafür gewesen, dass sie mit ihrer Art, den Leitungsempfängern des Job-Centers zu begegnen, intuitiv genau auf der richtigen Spur waren. „Wir gehen beide sehr gern mit Menschen um“, beschreibt Walter die gemeinsame Grundhaltung. „Und manche Eigenschaften, die gerade an unserem Arbeitsplatz wichtig sind, wie Offenheit, Toleranz, Empathie und Freundlichkeit, die haben wir schon mitgebracht.“ „Das kann man auch nur in beschränktem Maße erlernen“, vermutet Jehle. „Wir haben eben genau die Aufgabe, die zu uns passt.“

Wer nun glaubt, nett sein allein würde als Qualifikation im Eingangsbereich eines Job-Centers ausreichen, der täuscht sich. Gerade hier wird umfassendes Wissen zu allen Aspekten rund um Leistungsberechtigung, Integration und Wiedereingliederung gebraucht. „Wir wollen die Menschen möglichst wenig herumschicken. Das heißt, wir bemühen uns, viele Fragen selbst zu klären, oder zumindest gleich den richtigen Ansprechpartner, für das spezielle Problem auszuwählen“, erläutern die beiden sympathischen Kollegen. Seit 2012 würden die Akten im Job-Center elektronisch geführt. „Auf diese Dateien haben wir Zugriff und können jetzt Fragen, ob Schriftstücke bei uns eingegangen sind, ob noch etwas fehlt, ob Zahlungen bereits angewiesen wurden, und so weiter, sofort beantworten.“

Während Walter, Jehle und eine weitere Kollegin einen Großteil ihrer Beratungsarbeit im ziemlich öffentlichen Raum des Job-Center-Eingangs erledigen, gibt es jedoch auch eine Aufgabe, bei der sie sich mit ihren Besuchern zurückziehen. „In unseren Zuständigkeitsbereich gehört das Erstgespräch. Hier werden alle Daten aufgenommen, es wird erklärt, welche Unterlagen gebraucht werden, und wir händigen die Antragsformulare aus“, erklärt Walter. So ein Gespräch dauere oft eine Stunde und länger. Das könne man am Tresen, wo schon die Schlange der nächsten Ratsuchenden wartet, natürlich nicht leisten. „Auch aus datenschutzrechtlichen Gründen brauchen wir dafür einen separaten Raum“, ergänzt Jehle.

Auf die Frage, ob die Arbeit ihren Blick aufs Leben verändert hat, werden beide nachdenklich. „Ja, manche Schicksale gehen einem schon nahe“, meint Walter. „Die nimmt man dann gedanklich auch mal mit nach Hause.“ „Die Flüchtlingswelle beispielsweise. Die kennen viele Leute halt nur aus den Nachrichten“, fügt sein Kollege hinzu. „Und bei mir sitzt dann ein Mann aus Syrien, der immer so zuckt, und der, als ich ihn besorgt frage, ob alles in Ordnung ist, anfängt zu erzählen, dass er im syrischen Gefängnis mit Elektroschocks gefoltert worden ist. Das ist dann schon heftig.“

Gerade nach solchen erschütternden Begegnungen sei der Austausch mit den anderen Kollegen eine große Hilfe. „Ich bin sehr froh, dass ich mit Thorsten Walter zusammenarbeite. Uns verbindet mittlerweile eine richtige Freundschaft“, meint Jehle, und Walter nickt zustimmend.

Herzerwärmend ist die zweite Geschichte, die Jehle als besonders wichtige Begegnung einfällt. „Im Gespräch mit einem der Flüchtlinge, die bei uns Unterstützung erhalten, stellte sich kürzlich heraus, dass seine und meine Tochter zusammen in eine Klasse gehen. Da wurde mir auf einmal klar, dass wir alle, ob Sachbearbeiter oder Leistungsempfänger, doch zusammen in einer Welt leben.“

Und dann fällt beiden noch eine Begebenheit ein, wo ihnen ihr eigenes Verhalten im Nachhinein peinlich gewesen ist. Walter erzählt: „Es passierte in einem Gespräch mit einer supernetten Besucherin. Wir waren richtig gut im Kontakt und es entstand so viel Vertrauen, dass sie mir erzählte, sie sei schwer krank. Ich wurde schon etwas hellhörig, denn bei manchen Erkrankungen kann ein Sonderbedarf geltend gemacht werden. Und als sie dann im Verlauf des Gesprächs noch einmal auf ihre Krankheit zu sprechen kam und erwähnte, dass sie Darmkrebs hat, platzte ich doch glatt mit einem spontanen ‚Super!‘ heraus. Bei diesem Leiden gibt es nämlich Zulagen für besondere Ernährung! Wir schauten uns an, und mussten beide lachen.“

An einen ähnlichen Fauxpas erinnert sich auch Jehle. „Zu mir kam eine Frau, deren Mann gerade verstorben war. Sie war noch ganz durcheinander, und ich bemühte mich sie zu beruhigen: ‚Sie müssen das nicht heute erledigen. Machen Sie sich keine Sorgen. Damit können wir noch ein wenig warten. Lassen Sie erst mal Gras über die Sache wachsen …‘“ Kaum, dass er diesen Satz ausgesprochen hatte, sei er, das hätten ihm später Kollegen berichtet, knallrot angelaufen. „So was Peinliches. Zum Glück hat mir auch diese Dame meine ziemlich unpassende Redewendung nicht übel genommen!“

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