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Franziska Müller verlor ihren Sohn an die Drogen

Mutter über Drogensucht ihres Sohnes: „Ich wollte ihm glauben“

Franziska Müller (Name geändert) hat ihren Sohn an die Drogen verloren – dieses Gefühl beschleicht die an sich fröhliche 52-Jährige manchmal. Es sind dunkle Momente, denen sie sich nicht gerne stellt. Dabei kifft ihr heute 23-jähriger Sohn heute gar nicht mehr so oft – nur bleibt er beinahe gänzlich unfähig, sein Leben zu handhaben. Im Gespräch mit der SZ/LZ erzählt sie wie es sich anfühlt, das eigene Kind nicht mehr erreichen zu können.

veröffentlicht am 09.02.2018 um 11:29 Uhr
aktualisiert am 09.02.2018 um 14:50 Uhr

Mit einer derartigen „Bong“ rauchte Joachim Müller Marihuana. Foto: jak
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Eigentlich wollte Franziska Müller keine verkrampfte Nörgel-Mami sein. Ein gutes Verhältnis mit ihren Kindern war ihr immer wichtig. Aber bei ihrem Sohn Joachim (Name geändert) ist sie mit ihrem Latein am Ende. „Ich erinnere mich an einen Abend, als ich meinem damals sechzehnjährigen Sohn sagte, dass ich es nicht mehr aushalte. Ich war traurig, fast verzweifelt. Wir redeten ja nicht zum ersten Mal über seine Kifferei, seinen Marihuanakonsum. Ständig fand ich selbst gebastelte „Bongs“ in seinem Zimmer – mit denen kann man sich eine volle Dröhnung verpassen.“

Zu diesem Zeitpunkt kiffte Joachim schon seit Jahren regelmäßig. Er schwänzte ständig die Schule, stand kurz davor, erneut von der Schule zu fliegen. Selbst für kleinste Erledigungen konnte man sich nicht auf ihn verlassen. Sein Zimmer versank im Chaos – nicht der normalen Unordentlichkeit anderer Teenager, sondern im Messie-Chaos von jemandem, der sein Leben nicht mehr im Griff hat.

„Ich konnte einfach nicht mehr“, berichtet Franziska Müller, „er würde von der Schule fliegen, wenn er weiterhin mit seinen Freunden schon vor der Schule einen Joint raucht. Er sagte dann immer, das mit der Schule und die anderen Probleme, sie lägen nicht am Kiffen. Er würde doch gar nicht so viel rauchen.“

Es sind beinahe die lehrbuchwürdigen Ausflüchte von jemandem, der ein Drogenproblem hat. Doch Müller ließ sich – rückblickend ist alles immer viel leichter – zu lange einlullen. Sie vertraute darauf, dass ihr an sich freundlicher, intelligenter Sohn irgendwie seinen Weg finden würde. Sie wollte auch nicht den Familienfrieden in ohnehin angespannten Situation aufs Spiel setzen. „Er hat mir immer erklärt, es läge am Umzug nach Rinteln, daran, dass sein Vater nie zu Hause sei, daran, dass er eigentlich gar nicht hier sein wollte, und ich müsste verstehen, dass ein bisschen Marihuana ihm das Leben erleichtere.“

Oft erzählte Joachim seiner Mutter Anekdoten, wie sie seine Freunde bestimmt lustig gefunden hätten. Wie er und seine Kumpels sich kringelig gelacht hätten über einen Mann, der seinen widerspenstigen kleinen Hund durch den Blumenwall hinter sich herzog; wie seine beste Freundin behauptete, sie merke gar nichts vom Kiffen, und dann vier Nutellabrötchen hintereinander weg fraß; auch, wie schön es sei, an der Weser zu sitzen und sich einen Joint zu teilen.

„Anfangs glaubte ich ihm“, erinnert sich Franziska Müller, „Und irgendwie gönnte ich ihm das sogar. Ich habe das Kiffen ja sowieso nie verteufelt, auch wenn es mir selbst gar nichts bedeutet. Außerdem hatte ich natürlich Schuldgefühle ihm gegenüber, weil es in der Luft lag, dass sein Vater und ich uns trennen würden, und insgesamt, ich wollte kein Drama draus machen, zumal sein Vater aus der Ferne verlauten ließ, das sei nur eine Phase, die in dem Alter jeder mal mit Alkohol oder Kifferei durchmache.“

Und irgendwie glaubte ihm Franziska Müller. Im Nachhinein klingt das verantwortungslos und naiv, findet Müller. „Wie oft wusste ich eigentlich, dass er schon wieder bedröhnt ist?“

Dabei versuchte Müller durchaus, sich Hilfe zu holen. Sie war gemeinsam mit ihrem Sohn in der Drogenberatung in Stadthagen. Sie gingen zum Schulpsychologen. Sprachen mit einer Frau aus der Familienberatung. „Aber das brachte uns alles nicht weiter.“ Joachim spielte die Situation herunter, fälschte einen Drogentest und weigerte sich schlussendlich, weitere Beratungen mitzumachen.

„Die Schwierigkeit ist einfach, wenn die eigenen Kinder mit etwas Probleme haben, womit man selber keine Erfahrung hat“, beschreibt es Müller. Zu lange habe sie das Drogenproblem ihres Sohnes nicht ernst genug genommen.

Seit dem Abend, an dem sie Joachim erklärte, dass sie es nicht mehr aushält, sind mehr als fünf Jahre vergangen. Ausgehalten sie es immer irgendwie. „Mir wird klar, dass ich viel früher und konsequenter durchgreifen hätte müssen“, findet Müller heute. „Ich bin zu oft der Versuchung erlegen ,heile Welt‘ zu spielen.“

Es gab gute Phasen, in denen Joachim berufstätig war. Momente, in denen es so wirkte, als käme er aus dem Sumpf heraus. Doch immer folgte die Ernüchterung. „Das Problem ist, dass es so ein Tabuthema ist“, sagt Müller. Mit anderen Müttern, mit Lehrern oder Freunden über das Thema offen zu sprechen „das kam mir lange Zeit wie ein Verrat an meinem eigenen Sohn vor.“

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