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Zurück ins Leben

Nach OP: Rintelner erhält Prognose, vielleicht nicht mehr laufen zu können

RINTELN. Seine erste Erinnerung nach der OP. Martin Meier weiß nicht einmal, ob die stimmt. Menschen stehen um ihn herum und sehen auf ihn herab: seine Frau, Schwestern, Ärzte. Auch seine Mutter war da, obwohl die überhaupt nicht hätte dort sein können. Dann der zweite Gedanke: „Ich hätte gedacht, dass der Gehirntumor weg ist“, erinnerte sich der Rintelner heute, zweieinhalb Jahre später.

veröffentlicht am 02.02.2018 um 15:35 Uhr

Im Februar feiern Tanja und Martin Meier 20. Hochzeitstag. Foto: tol
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Marieluise Denecke Redakteurin / Online zur Autorenseite
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RINTELN. Doch der Tumor hinter seinem rechten Ohr war nicht weg. Es gab Komplikationen, Martin Meier erlitt eine Luftembolie, wurde einen Tag lang in ein künstliches Koma versetzt.

Also folgte fünf Tage später die zweite Operation, über zwölf Stunden lang, doch auch hier Schwierigkeiten: Das Hirnwasser lief nicht ab. Mittlerweile wird es über einen Schlauch aus dem Kopf in den Bauchraum geleitet.

Den größten Einschnitt in sein Leben aber merkt Martin Meier schnell: Er kann sich nach der OP kaum mehr bewegen. Und das Risiko, sagten die Ärzte, sei hoch, dass er vielleicht überhaupt nicht mehr laufen können würde.

„Der Tumor ist schnell gewachsen und hat den Hirnstamm verdrängt“, erklärt seine Ehefrau, Tanja Meier. Es habe das „Locked-in-Syndrom“ gedroht: Der Körper ist fast vollständig gelähmt, doch der Geist ist bei Bewusstsein.

Nach vier Wochen Krankenhausaufenthalt ging es für den heute 55-Jährigen in die Reha. Er konnte nicht laufen, nicht schreiben, nicht greifen, Teile des Gesichts waren gelähmt. Langsam, mühsam, musste Meier alles wieder lernen.

Doch nach fünf Wochen sagte er: Genug. Er wollte nach Hause. Neun Wochen Krankenhaus und Reha, „so lange war ich noch nie von meiner Frau getrennt“, erzählt Martin Meier. Zu Hause, das ist in Deckbergen. Geboren wurde er in der Nordstadt. Das Heim ist jedoch voller Treppen. Schwierig für jemanden, der bis vor wenigen Wochen nicht einmal seine Beine bewegen konnte? Ja.

Doch Meier ist niemand, der sich von den Umständen kleinkriegen lässt. Er nimmt sie an und macht das Beste aus ihnen. „Ich bin immer wieder aufgestanden“, sagt er, will kein „Meckerer“ sein.

Nach einer Woche zu Hause ging es in den Urlaub – „den hatten wir schon lange vor der OP gebucht“, erzählt der Rintelner. Keine Frage, dass der nicht abgesagt wird. Reha- und Therapiestunden gibt es stationär auch dort, und einige Übungen kann der ausgebildete Ergotherapeut mit eigener Praxis selber machen.

Ein halbes Jahr nach der OP gab es das ärztliche Okay fürs Autofahren. „Als ich das erste Mal an meinem Auto wieder Eis kratzen durfte, habe ich gepfiffen und gesungen vor Freude“, erzählt er schmunzelnd. Das „Gefühl der Freiheit“ sei mit dem Autofahren zurückgekommen.

Im Herbst 2016 stieg er allmählich wieder in die Arbeit ein, mit Bürotätigkeiten, zwei Stunden pro Tag. Er führt eine Ergotherapie-Praxis in der Engen Straße. Während seiner Genesung sorgten seine Frau sowie die sechs Angestellten dafür, dass alles weiterlief. Sowieso, seine Frau: Während Martin Meier sich von der OP erholte, kümmerte sich Tanja Meier um die Praxis, beendete die eigene Homöopathie-Ausbildung und verpflegte ihren Mann. Während Martin Meier dies aufzählt, merkt man ihm seine Bewunderung an. Bewunderung auch fürs Praxisteam: „Die standen komplett hinter mir.“

Als „heilsam“ bezeichnet es Tanja Meier, in dieser schwierigen Zeit schwer beschäftigt gewesen zu sein – denn so hat man weniger Zeit für die eigenen Sorgen und Gedanken. Im Februar feiert das Ehepaar den 20. Hochzeitstag.

Was jedoch schwierig zu bewältigen war: die Gerüchte. Gerade in einer Kleinstadt machen die schnell die Runde. Es hieß nach der OP, dass Meier seine Praxis schließen würde. Es hieß, dass er tot sei. Neuanmeldungen blieben plötzlich aus. Erst, als er sich wieder in der Stadt sehen ließ – im Rollstuhl –, hörte dies auf.

Heutzutage benötigt Martin Meier einen Rollstuhl nur noch für längere Strecken. Die Nachfolgen der OP merkt er allerdings noch: Seine rechte Hand will nicht so wie er, auch hat er noch Probleme mit dem Gedächtnis oder beim Sprechen. Doch er ist optimistisch, dass der Heilungsprozess weitergehen wird, dass er vielleicht bald keine Gehhilfen mehr benötigt. Mittlerweile nimmt Meier wieder eigene Patienten an. Auch der Beruf hat ihm beim Gesundwerden geholfen: „Ich habe einfach Spaß an meiner Arbeit.“

Doch vor allem war eines wichtig für seinen Heilungsprozess: „Ich wollte kein Pflegefall für meine Frau werden“, sagt Martin Meier. Mit gewisser „Selbstverständlichkeit“ sei er davon ausgegangen, dass er wieder gesund werde, erzählt seine Frau. „Ich arbeite mich langsam ins Leben zurück“, resümiert Meier.

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