weather-image
12°
Großes historisches Familiendrama

Nané Lénards Neuling „SchattenZorn“ ist nicht nur Krimi

BÜCKEBURG. An der Windmühle in Rodenberg wird ein steinalter Toter gefunden, erschossen mit Kriegsmunition. Ein Fall für die Bückeburger Polizei und für Nané Lénards Krimikommissar Wolf Hetzer, der in „SchattenZorn“ wieder ran muss. Die Autorin stellte ihren neunten „Schatten“-Roman bei der Langen Nacht der Kultur vor.

veröffentlicht am 03.11.2017 um 15:20 Uhr

Nané Lénard bei der Vorstellung von „SchattenZorn“ bei der Langen Nacht der Kultur. Foto: jp
jp01

Autor

Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

BÜCKEBURG. Neues vom Hetzer: Leicht hat er es im Leben wahrlich nicht, jener von der Bückeburger Autorin Nané Lénard erdachte, einem realen Bückeburger Namen zwar nachempfundene, aber als Person natürlich vollständig fiktive Rintelner Kommissar mit Dienstsitz in Bückeburg.

Nachdem Wolf Hetzer im Vorgängerroman „SchattenGier“ auf äußerst unliebsame Weise Bekanntschaft mit den sadistischen Neigungen eines psychopathischen Triebtäters machen musste, hadert er ein Jahr später – zu Beginn des jetzt erschienenen, neunten Bands „SchattenZorn“ – immer noch mit den schweren körperlichen Folgen dieses Falls. Derweil bekommen es die Kollegen des Kommissariats Bückeburg mit einem besonders mysteriösen Mord zu tun: An der Windmühle in Rodenberg, 1850 erbaut und heute das Wahrzeichen der Deister-Stadt, findet sich ein steinalter Toter, erschossen mit verbotener Kriegsmunition.

Der berühmte Kollege Kommissar Zufall führt Hetzer, der eigentlich gesundheitsbedingt zum reinen Innendienst verdonnert ist, zu einem eigenartigen Fundstück: Einem gravierten Metallschild aus dem 19. Jahrhundert, welches ganz offenkundig in keinerlei Verbindungen zu dem historischen Mühlengebäude steht. Weitere Spuren zeigen nach Bückeburg, aber auch tief in die Vergangenheit Böhmens. Endgültig alarmiert ist Wolf Hetzer, als sich herausstellt, dass auch seine Verlobte in den Fall verwickelt zu sein scheint. Und die ist zu allem Überfluss auch noch spurlos verschwunden. Nun heißt es für Wolf Hetzer und seinen (allem Training in einem bekannten Fitness-Studio in der Bückeburger Kreuzbreite zum Trotz) immer noch ziemlich schwergewichtigen Kollegen Peter Kruse erneut, sich mit Volldampf an die Ermittlungsarbeit zu machen und die grauen Zellen rauchen zu lassen, um den vertrackten Fall aufzuklären.

270_0900_68461_bNaneBuchF2_0211.jpg

Wer Nané Lénards „Schatten“-Krimis kennt, der weiß, dass die Bückeburger Autorin in jedem Band ihrer im Frühjahr 2011 begonnenen Reihe ein besonderes Thema aufgreift und, indem sie es mit der Krimi-Handlung verwebt, den Leser tiefe Einblicke darin nehmen lässt. War es beispielsweise im dritten Band „SchattenGift“ Mobbing am Arbeitsplatz, in „SchattenGrab“ Kindesentführung, in „SchattenWolf“ Internetkriminalität oder in „SchattenSucht“ das äußerst sensible Thema Sterbehilfe, so schlägt der neunte Fall von Wolf Hetzer und Peter Kruse „SchattenZorn“ einen großen Bogen in die Vergangenheit bis ins 19. Jahrhundert und ins Erzgebirge. Zwar sind Zeitsprünge und wechselnde, bisweilen auch bewusst verwirrend angeordneten Zeitebenen für erfahrene Lénard-Leser nichts Neues, hier verbindet die Autorin jedoch erstmals eine Krimihandlung in der Gegenwart mit der großen Tragik einer Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg.

Es ist mit Abstand Lénards persönlichster Roman geworden, denn auch wenn die Krimihandlung mitsamt aller darin agierenden Personen vollständig fiktiv ist, so ist es der Rückblick in die böhmische Vergangenheit nicht: Vielmehr verarbeitet die Autorin darin die wahre Geschichte ihrer Großmutter, deren Ehemann kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs von tschechischen Svoboda-Gardisten gefoltert und erschossen wurde. Anschließend erfolgte die Vertreibung ihrer Familie aus der böhmischen Heimat und die Flucht ins Weserbergland – ein Thema, welches also gerade in diesen Tagen in Deutschland angesichts der Migrationswelle von Kriegsflüchtlingen wieder brandaktuell ist.

Dabei ließ Lénard nicht nur eigene jahrelange Recherchearbeit, unter anderem in Kirchenbüchern der tschechischen Grenzstadt Weipert, in ihren neunten „Schatten“-Krimi einfließen, sondern auch handschriftliche Aufzeichnungen Verstorbener, eidesstattliche Erklärungen von Augenzeugen und Berichte von Zeitzeugen. Mit seinem Zeitsprung beginnend im 19. Jahrhundert, als in Böhmen noch die Pocken grassierten und oftmals unter der einfachen Bevölkerung das nackte Elend herrschte, entfaltet „SchattenZorn“ ein Bild der Vergangenheit, welches jegliche Illusion einer „guten alten Zeit“ Lügen straft. Und doch haben die Gegenwart und die weit zurückliegende Vergangenheit so manches gemeinsam: Denn Eifersucht, Lügen, Verrat und menschliche Abgründe, die zu Verzweiflung, Mord und Tod führen, gab es damals wie heute.

„SchattenZorn“ von Nané Lénard ist als Taschenbuch im Verlag CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln, erschienen. 368 Seiten, ISBN 978-3-8271-9472-5, 13 Euro.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare