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Berufungsverhandlung gegen Marcus W.: Holocaust-Überlebende im Internet verhöhnt

Neonazi-Prozess mit starker Polizei-Präsenz

Bückeburg (rd). Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat gestern vor dem Landgericht in Bückeburg die Berufungsverhandlung gegen den Lindhorster Neonazi Marcus W. (27) begonnen.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 08:12 Uhr

Polizeibeamte laufen Streife vor dem Landgericht in Bückeburg. F

Der vorbestrafte Lindhorster gilt als führender Kopf der "Nationalen Offensive Schaumburg" (NOS). Vorgeworfen wird ihm Volksverhetzung. In erster Instanz hatte das Stadthäger Amtsgericht gegen den Angeklagten neun Monate Haft verhängt. Weil zwischenzeitlich nicht nur W. Berufung eingelegt hat, sondern auch die Bückeburger Staatsanwaltschaft, ist nun im Fall einer erneuten Verurteilung eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr möglich. Darüber hinaus könnte dem 27-Jährigen der Widerruf einer laufenden Bewährung drohen. Ende Januar war auf der NOS-Homepage ein Artikel erschienen, in demÜberlebende des Holocaust unter anderem als "Volksschädlinge" verhöhnt wurden, deren Nachkommen als "Mischpoke". Bereits in der Überschrift hatte der Autor vor dem Hintergrund der Diskussion über ein NPD-Verbot gefragt, wann Holocaust-Überlebende verboten würden, bevor er in der Forderung gipfelte: "Schmeißt die Bande endlich raus." Verfasst hat Marcus W. den Text offenbar nicht. Doch als Domain-Inhaber und Verantwortlicher für die Seite soll der 27-Jährige den Artikel ins Internet gestellt haben, wo jeder die Hasstiraden lesen konnte. Anfang Februar hatten Polizisten die Lindhorster Wohnung des Neonazis durchsucht und Computer sichergestellt. Die Auswertung führte zu einer "lückenlosen Beweiskette", wie es im erstinstanzlichen Urteil hieß. Vor der Berufungskammer des Landgerichts erklärte W. gestern noch einmal, unschuldig zu sein. Er will lediglich seinen Namen hergegeben haben und nannte als "verantwortlichen Betreiber" einen Gesinnungsgenossen aus Obernkirchen, der strafrechtlich bisher vergleichsweise selten in Erscheinung getreten ist. Für den Prozess hat die Justiz ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Ungefähr eine Stunde vor Beginn trafen mehrere Dutzend Mann einer Hundertschaft der Polizei ein, die aber überwiegend im Hintergrund blieben. Weitere Kräfte hielten sich bereits vor dem Gebäude oder darin auf. Alle Besucher mussten durch eine Schleuse und wurden nach Waffen durchsucht. Der Schwurgerichtssaal war fast voll besetzt, dennoch blieb es ruhig. Bei den Zuhörern handelte es sich offenbar vor allem um Neonazi-Gegner. Im Vorfeld hatte die Antifa dazu aufgerufen, nach Bückeburg zu kommen. Rechtsradikale waren augenscheinlich kaum vertreten. Zu Zusammenstößen beider Gruppen kam es nicht. Weil die Verteidigung während der Vorbereitung einen Teil der Akten nicht erhalten hatte, verzögert sich der Prozess. Obendrein hat Verteidiger Stefan Böhmer (Erlangen) gestern Morgen den falschen Zug nach Bückeburg genommen, wo er mit zweistündiger Verspätung eintraf. Die Verhandlung wird fortgesetzt.

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