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Tag des bürgerschaftlichen Engagements

Neue Heimat Schaumburg

LANDKREIS. Kann Schaumburg für tausende Menschen, die in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge hierher gekommen sind, eine neue Heimat werden – und wenn ja, wie? Dieser Frage sind Haupt- und Ehrenamtliche beim 2. Schaumburger Tag des Bürgerschaftlichen Engagements in der Flüchtlingshilfe im Landkreis nachgegangen.

veröffentlicht am 18.06.2017 um 17:48 Uhr

Karl-Hinrich Manzke (l.) und Olaf Strübing diskutieren die Perspektiven von Flüchtlingen. Foto: col

Autor:

Mira Colic
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Karl-Hinrich Manzke ist überzeugt, dass es dafür einen langen Atem braucht. Gemeinsam mit Olaf Strübing vom Flüchtlingsrat Niedersachsen hat der Landesbischof des Schaumburg-Lippischen Landeskirche Entwicklungen und Perspektiven für Neuzugewanderte dargestellt. Eingeladen zu der Veranstaltung hatten der Awo-Kreisverband, das Diakonische Werk und der Landkreis.

Manzke blickte als erstes nach Afghanistan und auf den Anschlag auf die Deutsche Botschaft in Kabul, in der er selbst häufig zu Besuch gewesen sei. Könne vor diesem Hintergrund verantwortet werden, weiterhin Menschen in dieses Land zurückzuschicken? Strübing erläuterte, dass durch die teilweise Zerstörung der Botschaft Rückführungen dorthin aktuell aus logistischen Gründen nicht möglich seien.

Allerdings sinke seit 2015 (77 Prozent) die Anerkennungsquote immer weiter: von 60 Prozent im Jahr 2016 auf aktuell 46 Prozent. Dies gehe darauf zurück, dass das Bundesinnenministerium Kabul und Masar-e Scharif als sicher und damit als inländische Fluchtalternative eingeschätzt habe. „Wir fordern einen Abschiebestopp nach Afghanistan wie in Schleswig-Holstein“, so Strübing.

Kritik äußerte er auch an der Vorgehensweise, immer mehr Syrern nur subsidiären Schutz statt die Anerkennung nach der Genfer Flüchtlingskonvention zu erteilen. Damit verhindere der Bund, dass die Menschen ihre Familien nachholen. Strübers Tipp: „Versuchen Sie den Klageweg, dafür gibt es beispielsweise bei ProAsyl Rechtsbeihilfe.“

Der Experte vom Flüchtlingsrat warnte ausdrücklich davor, wieder die gleichen Fehler zu machen wie bei den Gastarbeitern. „Heute würden wir von einer schlechten Bleibeperspektive sprechen und damit grandios falsch liegen, genauso wie bei den Wirtschaftsflüchtlingen in den achtziger und neunziger Jahren.“ Flüchtlingen, denen eine schlechte Bleibeperspektive attestiert werde, würden Integrationskurse verweigert, sie dürfen nicht arbeiten und nach einer aktuellen Gesetzesänderung jetzt auch bis zu zwei Jahre in einer Erstaufnahmeeinrichtung „festgehalten werden“. Es fände keine Einzelfallprüfung statt.

Manzke erinnerte daran, wie die politische Reaktion auf die hohe Zahl der Flüchtlinge Deutschland Respekt eingebracht habe. Für Strübing ist aber nach der Willkommenskultur Anfang 2015 die „Stimmung gekippt, Pegida kam auf und die AfD wurde immer stärker, kam in jeden Landtag, der neu gewählt wurde“. Seiner Meinung nach ist die Gesellschaft gespalten. „Aber die Veranstaltung heute zeigt ja, dass es auch die andere Seite noch gibt.“ Auch die Arbeitsagenturen und Jobbörsen täten viel, um Flüchtlingen Arbeitsmaßnahmen zu verschaffen.

Auch die Landkreise, Polizei und THW hätten viel geleistet, ergänzte Manzke, bevor er die Teilnehmer in die einzelnen Workshops entließ.

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