weather-image
24°
Michael L. will per Kleinanzeige ein neues Zuhause finden

Obdachloser sucht Wohnung bei Ebay

Ganz Stadthagen spricht über den Mann. Michael L. muss bei eisigen Temperaturen bibbernd draußen übernachten – und viele Menschen scheinen mit dem Obdachlosen zu leiden. Um nicht mehr frieren zu müssen, kam dem 47-Jährigen eine pfiffige Idee: Er inserierte sein Wohnungsgesuch auf Ebay-Kleinanzeigen. Wir haben mit ihm gesprochen.

veröffentlicht am 07.02.2018 um 11:43 Uhr

Michael L. und Hündin Nelly wollen nicht mehr frieren. Das Buswartehäuschen bietet kaum Schutz gegen die Kälte. Er hofft, dass sich jemand auf die Annonce (kleines Bild) meldet. Foto: tbh

Autor:

Tina Bonfert

STADTHAGEN. Wohnraum ist Mangelware, das bekommen auch Wohnungssuchende in Stadthagen zu spüren. Besonders bitter trifft das Michael L. Im Gegensatz zu den meisten Wohnungssuchenden muss er seine Nächte bei eisigen Minusgraden bibbernd auf der Straße verbringen. Der 47-Jährige ist obdachlos. Sein größter Wunsch: Endliche ein Dach über dem Kopf, nicht mehr frieren müssen. Dabei kam dem gebürtigen Hamburger eine pfiffige Idee: Er inserierte sein Wohnungsgesuch auf Ebay-Kleinanzeigen.

„Hallo ich bin der Obdachlose aus Stadthagen“, schreibt er. „Leider kann uns die Stadt Stadthagen durch ein Hundeverbot nicht unterbringen.“ Und genau das ist das Problem erklärt er. Sein Hündin Nelly. Mit ihr schlägt Michael sich seit dem 22. Dezember vergangenen Jahres auf der Straße durch. Zunächst bekam er einen Übernachtungsplatz in der Obdachlosenunterkunft in Stadthagen in Aussicht gestellt. „Daraus wurde aber nichts, weil dort angeblich keine Hunde erlaubt sind“, sagt Michael. Nachdem die SN sich an die Stadt gewandt haben, hat sich kurzfristig eine Lösung gefunden. Michael darf in der Unterkunft an der Herminenstraße übernachten. Hündin Nelly muss aber im Tierheim schlafen. Bürgermeister Oliver Theiß hatte persönlich mit dem 47-Jährigen Kontakt aufgenommen und versichert auch weiterhin bei der Suche nach einer dauerhaften Unterkunft für ihn zu helfen. Währenddessen überschlagen sich die Ereignisse. Als die Stadtverwaltung ihn abholen will die überraschende Nachricht: Michael hat laut Verwaltung vorübergehend privat eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Bleibt abzuwarten, ob sich daraus eine dauerhafte Wohnmöglichkeit ergibt.

Michael hat keine großen Ansprüche: „Ich wünsche mir einfach nur eine Bleibe, wo wir alt werden können.“ Die sieben Jahre alte Hündin ist sein einziger Weggefährte. Sie ist mein seelischer Beistand und mein Schutz.“ Direkt Angst habe er zwar nicht, aber er sei schon froh, dass Nelly auf ihn aufpasse, während er draußen schläft.

270_0900_80611_S_Obdachloser_Stadthagen1.jpg

Alles was er besitzt, hat er in Koffern und Taschen auf einem kleinen Handwagen verstaut. Bis gestern hat er Abend für Abend in einem Buswartehäuschen Unterschlupf gesucht. Das Schlimmste für ihn: „Dass man sich nicht waschen, keine frischen Sachen anziehen kann und immer auffällt, wenn man mit Sack und Pack durch die Gegend zieht.“

Michael ist Ordnung und Sauberkeit ganz wichtig. Auch seinen improvisierten Schlafplatz verlässt er immer akkurat. Er räumt auf, wenn Nelly beim Toben ein Stöckchen zu Sägemehl verarbeitet hat. Auch wenn er an seiner Situation derzeit nicht viel ändern könne, versucht er mit beschränkten Mitteln, dennoch einen guten Eindruck zu hinterlassen. Michael steht nicht gerne im Mittelpunkt. „Ich war schon immer ein Einzelgänger“, sagt er.

Zwei Tage vor Weihnachten musste er aus seiner Wohnung in einem kleinen Ort bei Ratzeburg in Schleswig-Holstein ausziehen. Vier Jahre hatte er dort gelebt, nachdem er 2013 Stadthagen verließ. Der Mieter hatte erst Eigenbedarf angemeldet und den 47-Jährigen nach eigenen Worten dann nach und nach „rausgemobbt“. Erst fiel die Heizung aus, dann gab es kein Wasser mehr. Weil er von 2010 bis 2013 in der Obdachlosenunterkunft an der Herminenstraße untergebracht war, ist er nun erneut nach Stadthagen gekommen.

Der 47-Jährige ist seit 1998 Obdachlos. „Mit 18 habe ich entdeckt, wie man Versandhäuser betrügen kann.“ Er bestellte, zahlte aber nicht. So türmten sich Schulden auf. Heute bereut er seine Taten, lebt von Hartz IV, zahlt Strafgebühren mit einem Monatsbeitrag ab. Wie hoch seine Schulden insgesamt sind, weiß er nicht.

Die Hoffnung, dass er noch einmal in ein normales Leben zurückfinden kann, habe er mit knapp 50 Jahren aufgegeben. Er ist an Rheuma erkrankt, kann keine körperlich schweren Arbeiten annehmen. „Man verdrängt vieles, denkt von Tag zu Tag“, sagt er auf seine Zukunftsperspektiven angesprochen. Im Moment will er einfach nur wieder ein Dach über dem Kopf, einen Ort wo er nicht mehr frieren muss, wo er sich mit Hündin Nelly zurückziehen kann, um nicht mehr auf der Straße leben und auffallen zu müssen.

Die Reaktionen auf seine Annonce waren bislang jedoch nicht erfolgversprechend. So manche unseriöse Nachricht war auch dabei. „Es gibt schon Männer, die aus Hannover kommen und mich abholen wollten. Da müsste ich auch keine Miete zahlen, mich aber anderes erkenntlich zeigen“, deutet er die unmoralischen Angebote mancher Herren an.

Aber auch wenn es bislang kein konkretes Angebot gab, hat das Inserat eine Welle der Sympathie ausgelöst. Viele Menschen halten an wenn sie Michael in seinem Behelfsquartier, einem Buswartehäuschen in dem er Abend für Abend Unterschlupf sucht – sehen. Sein freundliches Auftreten lässt die Menschen schnell mit ihm ins Gespräch kommen. Viele geben ihm ein paar Euro oder fragen, ob sie ihm etwas zu essen kaufen können. Vor allem für Nelly wird viel gespendet. „Ich habe manchmal 20 Kilogramm in der Woche“, sagt er. Auch Anakin Szabo gibt ihm ein paar Euro, fragt, ob er ihm etwas zu essen kaufen kann. Der 32-Jährige hat auf seinem Heimweg von der Arbeit angehalten. Auch ihm tut Michael leid. Aus seiner Sicht sind die Städte und Kommunen seien in der Pflicht dafür zu sorgen, dass Menschen nicht auf der Straße schlafen und frieren müssen.

Über Facebook haben ebenfalls viele auf die Wohnungssuche des Stadthäger Obdachlosen aufmerksam gemacht. Und auch bei den SN melden sich immer wieder Leser, die ihm helfen wollen. Doch das ist nicht so einfach. Das Jobcenter würde zwar eine Wohnung bis zu 50 Quadratmetern bezahlen, aber dafür müsste jemand bereit sein, Michael und Nelly bei sich einziehen zu lassen.

Die Annonce gibt es unter: m.ebay-kleinanzeigen.de/s-anzeige/obdachlos-mit-hund-stadthagen/802467110-203-2499. Dort können Vermieter auch mit Michael Kontakt aufnehmen.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare