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Konzert mit Julia Golkhovaya

Regentropfen, die an mein Fenster klopfen

OBERNKIRCHEN. Wer als Pianist die Préludes op. 28 des polnischen Musikgenies Frédéric Chopin in sein Repertoire aufnimmt, der schickt seinem Publikum eine Botschaft, noch bevor der erste Ton erklingt. Macht euch keine Sorgen, lautet sie, ihr seid bei mir in guten Händen, denn ich weiß sehr genau, was ich tue.

veröffentlicht am 19.06.2017 um 12:45 Uhr
aktualisiert am 19.06.2017 um 15:50 Uhr

Julia Golkhovaya weiß, wie man genialen Melodien unfassbar viele Gefühlsfacetten abgewinnen kann. Foto: rnk
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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Denn die 24 Préludes op. 28 trennen mit ihren heftigen technischen Herausforderungen die wahrhaft Berufenen von den nur begabten Amateuren. Die Préludes sind heute ein Meilenstein des romantischen Klavierrepertoires, 24 Stücke, manche davon nur ein paar Sekunden lang. Klangfarben und Stimmungen wechseln, ebenso Emotionen und Ausdruck, Ekstase, Weltschmerz, Kraft und Zerbrechlichkeit – die Préludes sind ein offenes Angebot, was immer der Hörer hier suchen wird, er wird es auch finden.

Julia Golkhovaya, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Musikhochschule Düsseldorf und schon als Jugendliche mehrfache Preisträgerin von Wettbewerben für Pianisten, demonstriert beim Konzert im fast ausverkauften Stiftssaal, was noch heute an diesen Préludes fasziniert: Zu hören sind Melodien voll echten Gefühls, die in den richtigen Händen dem Klavier eine unglaubliche Fülle an musikalischen Stimmungen entlocken. Das I-Tüpfelchen auf der Unsterblichkeit dieses Werkes ist eine hübsche Zuschreibung. Seine Geliebte, die Dichterin George Sand, brachte das Prélude Nr. 15 in Verbindung mit den Regentropfen, die beim katastrophalen Mallorca-Urlaub auf das Kloster fielen, während ihr Lebensgefährte komponierte – und verhalf so dem Regentropfen-Prélude zu seinem Namen. Das Private wird poetisch, wenn Regentropfen an die Fenster klopfen.

Chopin selbst sah sich mit seinen 24 Stücken eher in der Tradition der Präludien von Johann Sebastian Bach und seinem „Wohltemperierten Klavier“. Bach eröffnet am Sonntag das Programm, die Französische Suite 3 in h-Moll, für seine jungen Ehefrau Anna Magdalena komponiert, was den intimen Charakter des Stückes und die einfache, eher pädagogisch zu nennende Technik erklären mag.

Anschließend folgte die Sonate c-Moll von Franz Schubert, die er ins einem Todesjahr 1828 komponierte, und sie klingt, als habe er noch einmal alle seine Energie zusammengefasst.

Ein deutlicher Hauch von Trauer und Schmerz ist spürbar, der möglicherweise durch eine Todesahnung erzeugt wurde. Die ersten beiden Takte des ersten Satzes beginnen mit einem rhythmisch prägnanten Motiv, das sich durch einen sehr aufgewühlten Charakter auszeichnet, der Hörer kann die Dramatik der Sonate sofort spüren. Pianistin Julia Golkhovaya wühlt sich gleichsam durch die Sonate, arbeitet die Dramatik konsequent heraus, Schubert scheut hier die große und wuchtige Geste nicht.

Mit dieser Sonate holt sie nach dem immer etwas hüftsteifen Bach ihr Publikum ab, das Konzert endet mit langem Applaus und einer etwas verschütteten Erkenntnis, deren Neuaufdeckung gleichermaßen Golkhovaya, Chopin und seinen Préludes geschuldet ist: Die künstlerische Qualität einer Komposition ist keine Frage ihrer Dauer.

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