weather-image
15°
Drei Jahre Haft: Heimischer Reichsbürger wegen illegalem Handel mit gefährlichem Giftmüll verurteilt

Reichsbürger vermittelt Millionenbetrug mit illegalem Quecksilberhandel

KALLETAL/RINTELN. Christian Prado (Name geändert) ist ein gewiefter Geschäftsmann – das stellte sogar das Landgericht Essen fest. Allerdings einer mit „hoher krimineller Energie“, der „quasi mafiöse Strukturen“ aufgebaut habe. Und der in Rinteln tätige Geschäftsmann denkt, dass die Bundesrepublik noch immer ein besetztes Land ist: Laut Gericht ist der 61-Jährige ein Reichsbürger. Allerdings habe er sich auf Anraten seines persönlichen Wahrsagers zu einer „konventionellen Verteidigungsstrategie“ entschieden, so das nicht rechtskräftige Urteil. Das heißt, er zweifelte bei den Verhandlungen nicht die Legitimität des Gerichts an.

veröffentlicht am 20.06.2017 um 17:21 Uhr
aktualisiert am 21.06.2017 um 12:23 Uhr

473 Tonnen reines Quecksilber wurde – als „quecksilberhaltiger Abfall“ getarnt – in die Schweiz geschmuggelt. Foto: dpa
DSC_8809

Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Insgesamt 1,5 Millionen Euro soll der im Kalletal lebende Geschäftsmann sich bei einem gigantischen Wirtschaftsbetrug erwirtschaftet haben. Prado wird allerdings kein Betrugsdelikt vorgeworfen, sondern „unerlaubtes Verbringen von gefährlichen Abfällen“ sowie Steuerhinterziehung.

Er soll der in Bad Oeynhausen ansässigen Entsorgungsfirma „Dela GmbH“ geholfen haben, 473 Tonnen hochgiftiges Quecksilber illegal in die Schweiz zu schmuggeln und dort an „Air Mercury“ zu verkaufen, so das nicht rechtskräftige Urteil des Landgerichts. Als einer von vier Angeklagten wurde Prado zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Vier Monate saß Prado bereits in Untersuchungshaft. Er bezeichnete die Zeit der Inhaftierung als wertvolle Lebenserfahrung, die er nicht missen wolle und in der er zahlreiche Kontakte zu interessanten Mitgefangenen geknüpft habe. Er wurde unter anderem zum Gefangenensprecher gewählt.

Quecksilber wurde mit Erde bedeckt und per Lkw über die Grenze geschmuggelt

Der illegale Schmuggel des hochgiftigen Quecksilbers verlief wie im Film. Auf je zwei Tonnen reines Quecksilber in Spezialbehältern wurden schlicht und einfach etwa 100 Kilogramm Erde geschüttet. Dann deklarierte die Dela den so getarnten reinen Giftmüll als „quecksilberhaltige Abfälle.“ Kontrollierte nun etwa der Zoll sah er: harmlose Erde.

Aufgrund der chemischen Eigenschaften von Quecksilber blieben beide Schichten getrennt. Laut Landgericht konnte in der Schweiz die Erde im Anschluss ganz einfach per Hand entfernt werden. Im Anschluss verkaufte Air Mercury das reine Quecksilber legal in die gesamte Welt. Durchschnittlicher Verkaufspreis pro Tonne: 53 860 Euro.

Wesentlicher Beweggrund dürfte das seit 2011 gültige Exportverbot von Quecksilber außerhalb der EU gewesen sein. Damit wollte die Europäische Union auf die „globalen Bedrohung“ durch den hochgiftigen Sondermüll reagieren und das Angebot verringern. Dadurch sank der Preis für Quecksilber innerhalb der EU massiv, außerhalb der EU stieg er dagegen. Der illegale Export von Quecksilber wurde also zum höchst profitablen Geschäft.

Wegen seiner zahlreichen Kontakte ins Ausland wandten sich die beiden Geschäftsführer der Dela an Siegfried Prado. Dieser war freundschaftlich verbunden mit dem Geschäftsführer von Air Mercury. Ein erstes konspiratives Treffen fand am 16. Mai 2011 am Flugplatz von Porta Westfalica statt.

Prado kam dabei nach Ansicht des Gerichts die Rolle eines Mediators und Mittelsmanns zu. Denn die Dela-Geschäftsführer hielten den Air-Mercury-Geschäftsführer für eine „egozentrische Persönlichkeit“, zu der sie keinen Zugang fanden und nicht vertrauten. Prado dagegen war mit ihm, wie auch mit den Dela-Verantwortlichen, vertraut.

Air Mercury erwirtschaftete mit dem geschmuggelten Quecksilber einen Gewinn in Höhe von 17,6 Millionen Euro.

Davon stand Prado nach Absprache ein Anteil von 1,5 Millionen Euro zu. Etwa 700 000 Euro flossen an Prado oder sein direktes Umfeld. Er verteilte es weiter an seine Familie, aber auch an zumindest einen amtsbekannten Reichsbürger. Außerdem ist Prado nach Informationen unserer Zeitung Vorsitzender eines Vereins, der eindeutig der Reichsbürgerszene zuzuordnen ist.

Prado hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Gegenüber unserer Zeitung wollte er offiziell keine Stellungnahme abgegeben. Er verwahrte sich aber gegen die Bezeichnung „Reichsbürger“.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare