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Kleiner Bürger, große Justiz

Säulen der Macht: Im Amtsgericht wurde bis 1972 geurteilt

OBERNKIRCHEN. Wer sich vor hundert Jahren dem Amtsgericht näherte, dem wurde gleich verdeutlicht, was er ist: Nicht mehr als ein kleiner Bürger mit einem Anliegen.

veröffentlicht am 27.10.2017 um 11:44 Uhr

Zurück zur Natur: Ein kleiner optischer Vorgeschmack auf das, was dem Gebäude ohne eine Nachnutzung blühen könnte.
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Schon der Aufstieg draußen verkleinert den Menschen: Steile Stufen führen nach oben, man legt den Kopf in den Nacken und schaut buchstäblich zur Justiz auf, Ehrfurcht stellt sich automatisch ein, Kafka lässt grüßen, und innen folgen große Säulen, mächtige Treppenstufen, grundsolide schmiedeeiserne Geländer, Deckenverzierungen und Amtsstuben, in denen ein Gitter einst den anliegenbewegten Bürger mitten im Büro ausbremsen: Stopp, bis hierher, und keinen Schritt weiter.

„Das Gericht wollte den Bürger klein machen“, umschreibt es Timo Goldmann. Der Oberamtsanwalt führt durch das vierte und vorletzte Angebot des Obernkirchen-Projektes „Strull & Schluke“, gezeigt und erklärt werden Aspekte der Stadtgeschichte, die nicht ganz so bekannt sind, Hauptkommissar Jürgen Milde hatte die Genehmigung für das Gebäude besorgt, der Polizeibeamte hatte jahrelang in diesem Haus gearbeitet.

Das ehemalige Amtsgericht existiert seit Jahrzehnten nicht mehr: Nur bis zum 1. Januar 1972 wurde hier Recht gesprochen, dann wurde der Amtsgerichtbezirk Obernkirchen Bückeburg zugeschlagen, nur die Polizei blieb hier. Und ein Saal, aber dazu gleich mehr.

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Auch die Polizei war hier mal untergebracht.
  • Auch die Polizei war hier mal untergebracht.

Die Geschichte der Justiz reicht zurück bis in das Jahr 1571, als Graf Otto IV. zu Holstein-Schaumburg Obernkirchen die freiwillige Gerichtsbarkeit überließ. Das ehemalige königlich-preußische Amtsgericht wurde ab 1911 erbaut, und die zentrale preußische Behörde in Berlin ließ der Provinz die Freiheit, Elemente der Region beim Bau mitaufzunehmen, daher der Sockel aus Obernkirchener Sandstein, unverwüstlich, aber heute doch ein bisschen feucht.

1913 war das Gebäude fertiggestellt, und bis die Gebietsreform neue Grenzen zeichnete, wurde unter dem Dach, im obersten Geschoss, Gericht gehalten und, nun ja, Recht gesprochen. Wer mit dem Gesetz in Konflikt kam, konnte hier auf einen menschlichen Richter hoffen, erklärt Goldmann, schnell war in solchen Fällen vom „Obernkirchener Landrecht“ die Rede, die Urteile fielen ein bisschen milder aus als in den umliegenden Städten.

30 Gäste folgen der Führung durch den Oberamtsanwalt, und was sie im ehemaligen Gerichtssaal sehen, ist schlicht a-tem-be-rau-bend: Massiv, edel, bunte Glasfenster von einer Berliner Firma, eine große Empore, auf der neben den Richtern auch Platz für Schöffen war, und selbst das Podest streicht noch einmal deutlich heraus, dass der Bürger dort unten ist, was ein jeder im Lande ist: ein Rechtsunterworfener; Augenhöhe mit dem Richter ist hier von vornerein nicht eingeplant.

Wie auch das Gebäude zuvor, lobt Goldmann den Saal und seine Schönheit über den sprichwörtlichen grünen Klee. Und nennt ein paar Gerichte in der näheren und weiteren Umgebung, die nicht ganz so schön daherkommen. Und als Betrachter denkt man sich, was für eine Verschwendung es doch ist, dass dieser Saal nicht mehr kulturell genutzt wird.

Die meisten Bürger werden das Gericht nicht kennengelernt haben, weil über sie gerichtet wurde, sondern weil sie ein Anliegen hatten: Nachlass, Grundbuch. Register, Entmündigungen, und sie alle wurden auf den Amtsstuben durch einen Zaun gestoppt, wie alte Bilder zeigen. Dahinter Stehpulte und Schränke, und im letzten längst ausgeräumten Zimmer konnte der einstige Benutzer aus sage und schreibe 23 Steckdosen auswählen.

Und wem vor dem Richter seine Freiheit genommen wurde, der kam ins Gefängnis, das neben der eingeschossigen Gerichtsdienerwohnung liegt: zweigeschossig, emporragend, mächtig. Besichtigt werden kann es nicht, es besteht Einsturzgefahr.

Das gleiche Schicksal droht wohl dem gesamten Gerichtsgebäude, aber Timo Goldmann findet dennoch ein kleines Stückchen Hoffnung: Das Amtsgericht Rinteln befand sich einst in einem ähnlich desolaten Zustand, ehe die Schaumburger Sparkasse den gesamten Prinzenhof aufkaufte, sanierte und damit erhielt.

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