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Nach monatelangem Vorgeplänkel geht es im April 1974 los

„Schildbürgerstreich!“: Der Bau des Brückentorkomplexes beginnt

Aufdringlich, hässlich, eine Bausünde: der Brückentor-Komplex. Sein Bau vor mehr als 40 Jahren schlug hohe Wellen. Heute hat man sich an den Anblick des Hotelturms gewöhnt, genießt die Promenade am Ufer der Weser. Wir werfen in einer mehrteiligen Serie einen Blick zurück auf den Bau, der mit der erneut aufgeflammten Diskussion über eine Umgestaltung des Komplexes wieder für Schlagzeilen sorgt. Hier nun Teil 2.

veröffentlicht am 13.03.2018 um 17:25 Uhr
aktualisiert am 13.03.2018 um 18:00 Uhr

Der noch unvollendete Brückentorsaal, abgebildet in einer Ausgabe unserer Zeitung, kurz vor Fertigstellung. Repro: momo

Autor:

Maurice Mühlenmeier
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Tatsächlich dauerte es noch 272 Tage, bis erste Baumaßnahmen begannen. Fast schon freudig erregt liest sich die Meldung in unserer Zeitung vom 18. April 1974: „Es dauerte lange und kaum noch jemand glaubte daran, aber jetzt geht es nun endlich wirklich los!“

Die Bagger rückten an und legten den Kiosk in Schutt und Asche, Parkplätze entstanden dort, wo sich heute das Parkhaus an der Hartler Straße befindet. Die Bauarbeiten wurden dann eingestellt, da die Rintelner Maimesse begann und die Flächen rund um den Pferdemarkt wurden ein letztes Mal als Parkplätze für die zahlreichen Besucher bereitgestellt. Und sie ruhten auch danach weiter, ganze vier Monate. Ein Dorn im Auge der wütenden Bürger, die sich über den ständig von der Baustelle herüberwehenden Staub und über die brachliegende Ruine beschwerten.

Ein Leserbrief von Armin Rohde in der Schaumburger Zeitung vom 5. August 1974 lässt kein gutes Haar an der Stadtverwaltung: Von einem „Schildbürgerstreich“, der der Stadt da gespielt wurde, ist die Rede, von einem „Schandfleck“, der nun im Norden der Altstadt vor sich hin staube. „Jemand hat der Stadt etwas ganz Schönes und Großes versprochen; man gab diesem ‚Jemand‘ ohne viel Überlegungen und Zusicherungen die Genehmigung, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen!“ Zur Diskussion stand damals die Einrichtung einer Fußgängerzone auf dem für Autos noch immer freigegebenen Marktplatz, Rohde warnte mit den Worten: „Erspart den Bürgern der Stadt ein zweites Brückentor-Projekt in Form einer Fußgängerzone!“

Aussagen wie diese sind ein Zeugnis der verhaltenen Meinung der Bürger, die sich von Beginn bis zum Ende der Baumaßnahmen nicht änderte. Dampferfahrten auf der Weser, die sich großer Beliebtheit erfreuten, konnten über Monate nicht von Rinteln aus stattfinden, da der Bootsanleger von der Baustelle blockiert wurde. Auch das heizte die Stimmung weiter auf.

Gertrud Hagen brachte ihren Unmut über die Zerstörung der „Weserterrasse“, wie die Gegend am Ufer der Weser rund um den heutigen Brückentorsaal im Volksmund genannt wurde, ebenfalls in einem Leserbrief zum Ausdruck: „Es kamen andere Zeiten und es kamen andere Gärtner. Sie kümmerten sich nicht um unsere schöne Weserterrasse, sie kümmerten sich nur um ihre Neuanlagen. Heute ist die Weserterrasse Parkplatz.“

Über 19 Monate zogen sich die Bauarbeiten, weitgehend unbeachtet vom Tagesgeschäft der Rintelner Bürger, hin. Erst als sich der Bau dem Ende zuneigte, keimte das öffentliche Interesse langsam wieder auf.

Am 23. Oktober 1975 eröffnete dann endlich der Woolworth als erstes Teilstück des gesamten Komplexes. Einen knappen Monat später folgte der COOP. Heinz Ingo Hilgers, bekannter Winnetou-Darsteller der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg, kam zu diesem Anlass nach Rinteln.

Es wurden aber nicht nur die Kinder der zur Eröffnung kommenden Rintelner Bürger mit Süßigkeiten und Luftballons bedacht, „Winnetou“ machte auch einen Abstecher in den Sonderkindergarten der Lebenshilfe. Für diesen stiftete der COOP „ganze Berge von Apfelsinen“ und einen „großen Sack mit Luftballons und Bonbons“. Natürlich nicht an die Kinder selbst, dem zu erwartenden Zuckerschock entgegenwirkend nahm die Kindergartenleitung den Sack an sich.

Am 5. Dezember dann folgte das Richtfest mit prächtigem Blumenkranz auf dem Dach des Hotelturms. Einige Gäste waren geladen, sich bei einem Umtrunk den Komplex und die neue Aussicht über die Weserstadt anzuschauen. Dabei wurde der Termin der endgültigen Fertigstellung auf Mitte März des kommenden Jahres festgesetzt.

Der Bau wurde eilig fortgesetzt, dennoch musste das Eröffnungsdatum von Mitte März auf den 8. April 1976 verschoben werden. Dann schließlich öffnete der Brückentorsaal endgültig seine Pforten, Hotel, Saal und Restaurant folgten den beiden Verkaufshäusern nach. Vergessen waren all die Sorgen, die der Bau den Bürgern der Stadt so lange bereitet hat. Angesichts des imposanten Saals, dessen Ausmaß einigen anderen Städten durchaus Neid machen konnte, des modernen Hotels und der neuen Einkaufsmöglichkeiten mit COOP und Woolworth verstummten schnell auch die letzten Kritiker. Es folgte die feierliche Einweihung mit zahlreichen geladenen Gästen aus Prominenz und Politik, Reden wurden gehalten, in denen man den Mut des Bauherren Schneidewind lobte, allen Unkenrufen zum Trotz bis zum Ende an dem Projekt festgehalten zu haben. Nach 19 Monaten Bauzeit, einem Jahr und elf Monaten seit Beginn der Abbrucharbeiten, konnte das Bauwerk endlich den Rintelner Bürgern übergeben werden.

Die erste Großveranstaltung ließ nicht lange auf sich warten, am 25. April lud der Motor-Club zum ADAC-Ball – der bis dahin größte Ball in der Geschichte Rintelns mit über 400 geladenen Gästen.

Den dritten Teil unserer kleinen Brückentor-Serie lesen Sie in einer der nächsten Ausgaben.

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