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Probe der Schaumburger Bühne

Selten passte eine Frage so gut: „Was wird hier gespielt?“

OBERNKIRCHEN. Am 24. November feiert die Schaumburger Bühne Premiere mit ihrem neuen Stück, „Was wird hier gespeilt“ heißt es, geschrieben hat es Theo Lingen. Wir waren am Probenwochenende dabei.

veröffentlicht am 06.11.2017 um 16:09 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Ulrich Brill hat sich im letzten Jahr den „Eingebildeten Kranken“ angesehen, das aktuelle Stück der Schaumburger Bühne, und er war von ihrer Version des Molière-Klassikers ehrlich begeistert. Als er im Herbst-Programmheft der Volkshochschule nun das Angebot sah, dass das Laienensemble immer neue Mitspieler sucht, hat er sich entschlossen: „Da will ich mitmachen.“

Ein paar Wochen später sitzt Brill im Foyer des Schulzentrums, während auf der Bühne geprobt wird, das neue Stück stammt aus der Feder von Theo Lingen, es trägt den ziemlich pfiffigen Titel „Was wird hier gespielt?“ Zehn Sätze wird Brill im Stück auf der Bühne sagen, es ist eine kleine Rolle, klar, ist ja seine Premiere, und auch schauspielerische Riesen haben bekanntlich mal klein angefangen. Brill sitzt im Foyer und lässt alles auf sich wirken, „ich hätte nie gedacht, wie viel Arbeit hinter einem Theaterstück steckt“, sagt er, und wenn man so möchte, kommt an diesem Tag sein großer Auftritt erst am späten Nachmittag: Dann muss alles wieder abgebaut werden, dann hilft er, und auch im Theater gilt: viele Hände, schnelles Ende.

Der Schaumburger Bühne ist es in den letzten zwölf Monaten recht gut gegangen, erklärt Regisseur Jürgen Morche, das Moliere-Stück lief gut, und mit ihren drei Stücken rund um den „Tatortreiniger“ wurde das Ensemble nicht nur zu den niedersächsischen Theatertagen auf Baltrum eingeladen, sondern ist damit sogar auf eine Tournee gegangen: Meppen, Quakenbrück, Bad Münder und Minden; das ist vielleicht nicht die ganz große Theater-Welt, aber Tournee ist Tournee.

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Oliver Beckers, der vor einem Dutzend Jahren auf der Bühne ganz kleine Rollen spielte, in denen er ein Stichwort gab, damit ein Gag aufgebaut werden konnte und der heute Hauptrollen stemmt, hat die Titelrolle gespielt, den „Schotty“, der als Tatortreiniger den letzten Dreck wegmacht und dabei in den kammerspielartigen Episoden stets auch die ganz großen Fragen des Lebens verhandelt.

Beckers war es auch, der das Drehbuch von Lingen fand, eher zufällig, denn in den entsprechenden Internetforen war es nicht als Komödie gelistet, sondern als „Kriminalstück“, das immerhin einen schönen Vorteil aufweist: Es gibt darin sehr viele Frauenrollen, was der Schaumburger Bühne entgegenkommt, weil das Ensemble überwiegend weiblich ist und die Frauen auch spielen wollen. Meistens ist es in der Theaterliteratur umgekehrt, nehmen wir Hamlet als Beispiel: Es gibt mit Ophelia und Gertrude zwei Frauenfiguren, die restliche Welt rund um den Dänenprinzen ist männlich und ziemlich testosterongeladen.

Morche gefällt das Lingen-Stück, weil es eine Hammerpointe am Schluss aufweist und, weit wichtiger, zum Träumen und Staunen einlädt, denn der Stückschreiber Lingen offenbart doch das eine oder andere Geheimnis aus der Theaterwelt, er erlaubt einen Blick hinter die berühmten Kulissen, er zeigt, wie es dort zugeht, wo die Bretter die Welt bedeuten.

Lingen macht die große Kiste auf, sagt Morche, ein Mann, eine Frau und schließlich der Geliebte, der sich im Schrank – wo auch sonst? –, verstecken muss. Gezeigt wird auf der Bühne das Stück „Doppeltes Spiel“. Wir sehen zunächst Teile der ziemlich missglückten Generalprobe und dann die Premiere, die abgebrochen werden muss, weil der Hauptdarsteller plötzlich verschwunden ist. Ein anwesender Kriminalkommissar hat den Verdacht eines Verbrechens und ermittelt vor den anwesenden Zuschauern auf der Bühne.

Geschrieben hat das Stück also Theo Lingen, besonders beliebt als Darsteller einer nasalen Witzfigur: Kellner, Sekretär, Kammerdiener oder leicht angetrottelter Lehrer, wie in den Lümmel-Filmen der späten Sechzigerjahre als altmodischer Oberstudienrat Taft, während die verständnisvollen Lehrer von Günther Schramm, Hans Clarin, Gerlinde Locker sowie Peter Alexander dargestellt wurden.

Dabei hatte Lingen als Charakterdarsteller begonnen, in den berühmten Zwanzigerjahren, er spielte als Tragöde neben Gustav Gründgens und gehörte zum Kern von Bertold Brechts Theaterexperimenten. Auf der großen Leinwand überzeugte er mit starken Nebenrollen in Fritz Langs Klassikern „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und in „Dr. Mabuse“. In der Nazi-Zeit spielte sich Lingen nach oben, mit einem Arbeitseifer, der seinesgleichen suchte, er wurde zum gefeierten – und damit unantastbaren – Film- und Bühnenstar, dem seine Prominenz Schutz bot. Der war auch bitter nötig, denn Lingen hatte die ältere Opernsängerin Marianne Zoff geheiratet, aus Sicht der NS-Behörden ein Mischling 1. Grades. Die Tochter von Zoff, die einer Beziehung mit Brecht entsprang, adoptierte Lingen; eine Scheidung lehnte er ab.

Die Schaumburger Premiere von „Was wird hier gespielt?“ ist wie gewohnt am letzten November-Wochenende im Foyer der Schule am Ochsenbruch, am Samstag, 24. November, hebt sich der Vorgang im 19.30 Uhr. Karten kosten 11 bis 15 Euro.

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