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Nora S.kämpft seit Jahren gegen Diskriminierung in Rinteln

Transsexuell in Rinteln: „Mein Vater wäre stolz, wenn ich dich umbringen würde“

Nora S. fällt nicht besonders auf. Sie schminkt sich, färbt sich die Haare und geht genauso gerne feiern wie viele ihrer Gleichaltrigen. Sie ist verlobt und freut sich auf eine Hochzeit im kleinen Kreis, sobald sie ihren Schulabschluss nachgeholt hat. Doch Nora S. hat einen langen Leidensweg hinter sich. Sie ist transsexuell, ließ ihren Personenstand vom Mann zur Frau ändern. Im Gespräch mit der SZ/LZ berichtet sie, wie schwer es war, in Rinteln als transsexueller Mensch aufzuwachsen. Erst vor einer Woche wurde sie im Bus aufs Heftigste beleidigt und angegriffen – doch niemand schritt ein.

veröffentlicht am 16.02.2018 um 11:24 Uhr
aktualisiert am 16.02.2018 um 16:20 Uhr

Nora vor ihrem Outing als Transfrau im Jahr 2012 und heute, nach Monaten der Hormonbehandlung. Fotos: pr

Autor:

Maurice Mühlenmeier
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Ich habe als Kind oft davon geträumt, warum ich nicht als Frau geboren wurde. Das konnte ich natürlich gar nicht einordnen damals.“ Trotzdem verbrachte Nora ihre Kindheit in relativer Normalität, damals noch als Junge. Anzeichen gab es trotzdem – sich schminken und verkleiden, das tat Nora schon als Kind sehr gerne. Erzieherinnen sagten ihr schon damals, dass „man so was als Junge nicht tut“.

Erst als die Pubertät anfing, begann auch Nora zu merken, dass etwas an ihr anders ist, als an ihren Altersgenossen. „Ich habe gemerkt, dass ich kein Interesse an Frauen hatte“ – daraus entwickelte sich der Gedanke, homosexuell zu sein. Das versuchte Nora dann auch auszuleben – mit fatalen Folgen in ihrem Alltag. Von „harmlosen“ Sticheleien und Schimpfwörtern, die man ihr an den Kopf warf, über Gelächter und Lästereien hinter vorgehaltener Hand, denen sich die damals 12-Jährige täglich ausgesetzt sah. Bis hinzu traurigen Höhepunkten, wenn man sie verprügelte, im Klo einsperrte und drangsalierte, jeden Tag aufs Neue.

Nora floh vor diesem täglichen Terror. „Zu Hause hatte ich meine Ruhe, also habe ich geschwänzt.“ Darunter litt natürlich die Schule, sie bekam wegen andauernden Schwänzens sogar einen Bußgeldbescheid von der Stadt, den sie nicht bezahlen konnte, und musste sich dann mit Gerichten auseinandersetzen, die den Bußgeldbescheid letztendlich fallen ließen – eben aufgrund Noras besonderer Umstände und dem jahrelangen, exzessiven Mobbing.

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Als Nora 16 Jahre alt wurde, begann sie zu begreifen, dass sie eben kein schwuler Mann ist „Ich habe mich gar nicht als Mann gefühlt, ich habe nichts typisch Männliches gemacht und habe mich auch nie männlich gefühlt.“ Gerade der Austausch mit anderen Transsexuellen habe ihr geholfen, ihre eigene Verwirrung zu verstehen und sich bewusst zu werden über das, was sie innerlich zumindest schon immer war – eine Frau. Aus diesem Grunde betreibt sie heute selbst eine Facebookgruppe mit einigen Hundert Mitgliedern, in denen sich Betroffene austauschen und Rat einholen können.

Über 2 Jahre hinweg besuchte sie eine Begleittherapie, um sich entsprechende Atteste für den nächsten, nötigen Schritt zur Frauwerdung zu sichern. Ebenso wie zahlreiche ärztliche Untersuchungen, um auszuschließen, dass Nora eine intersexuelle Person ist. Also jemand, der sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist. Nachdem auch diese Hürden genommen waren, konnte ein Endokrinologe ihr Hormone verschreiben, die ihr Brustwachstum anregten und ihre Haut weicher machten. „Hätte ich früher die Erkenntnis gehabt, hätte ich sogenannte Pubertätsblocker nehmen können.“ Diese verhindern, dass die männliche Pubertät einsetzt und dann mit der weiteren Gabe von Hormonen, eine Pubertät ähnlich der weiblichen beginnt.

Seit sie volljährig ist, nimmt Nora nun diese Hormone. Seitdem geht es ihr deutlich besser. „Ich wusste ja nie, wer oder was ich eigentlich bin.“ Dennoch – die Übergriffe hörten nicht auf. „Ich habe es den Leuten ja auch nicht leicht gemacht“ räumt sie selbst ein. Ihr Auftreten umschreibt sie selbst mit dem Begriff „Femme fatale“. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich selbst erkannt habe, dass eine Frau auch dann eine Frau ist, wenn sie keinen Minirock und Highheels trägt.“ Doch gerade das zog natürlich eine Menge Hass auf sich. Hass von Leuten, denen Noras Auftreten suspekt war und die keine bessere Methode fanden, als ihn über sie auszuschütten. Hass, den sie ohne ihre Freunde wohl nicht ausgehalten hätte.

Denn auch in ihrer Familie erhielt Nora nicht immer nur Zustimmung und Zuspruch, zu großen Teilen hat sie keinen Kontakt mehr. Ein Umstand, der sie traurig, aber nicht mutlos macht. „Es ist ja mein Leben und ich muss mit mir zufrieden sein.“ Und heute ist sie das auch. Sie fühlt sich endlich angenommen und akzeptiert – zumindest meistens. Vor einem Jahr erhielt Nora ihre Personenstandsänderung. Das bedeutet, dass ihr Geschlecht und ihr Name auf allen offiziellen Stellen und Papieren geändert wird, von männlich in weiblich. Ein gewaltiger, bürokratischer Akt, der mit 5000 Euro zu Buche schlug. „Vor allem war es viel Rennerei.“ Weitere finanzielle Belastungen liegen in der Zukunft, Nora ist fest entschlossen innerhalb der nächsten Jahre die geschlechtsangleichenden Operationen anzugehen. Gesicht, Brust und Genitalbereich, insgesamt über 30 000 Euro. Kosten, die die Krankenkasse nur unter vielen Voraussetzungen übernehmen wird. Das sind Hürden, die Nora nehmen will, um endlich die Person zu werden, die sie innerlich schon immer war.

Mit der Namensänderung ließen auch die Übergriffe sukzessive nach. Nora selbst vermutet, dass das auch damit zusammen hängt, dass sie mittlerweile ihren Stil gefunden hat und nicht mehr aus der Menge heraussticht und sich auch viele in der Region mittlerweile an sie gewöhnt haben.

Doch ereignete sich am 9. Februar ein Vorfall, der die 22-Jährige dennoch stark verunsicherte. Sie befand sich im Bus nach Hause, als vier weitere Personen im Alter von 17 bis 20 Jahren an der Haltestelle des Rintelner Gymnasium zustiegen. „Zwei Deutsche und zwei Syrer“, wie sie vermutet. Sie ließen sich im hinteren Teil des Busses nieder. Ab diesem Zeitpunkt hätten sich elf Personen im Bus befunden. Sie berichtet, bereits nach kurzer Zeit ihren alten Namen, der immer wieder halblaut geraunt wurde, gehört zu haben. Als Nora sich umdrehte und bereits leicht entnervt fragte, ob es ein Problem gibt, schlug ihr eine Art der Abneigung entgegen, die sie bereits seit Jahren nicht mehr in der Form erlebt hat. „Ich habe doch niemanden etwas getan, ich saß nur dort und habe an meinem Handy gespielt.“

Bemerkungen, über die vermeintlichen, präferierten, sexuellen Vorlieben der 22-Jährigen wurden ebenso farbenfroh erörtert, wie der angebliche „Transengestank“, den sie verbreite. Ein junger Mann mit offenbar ausländischen Wurzeln habe freimütig verkündet; „Mein Vater wäre stolz, wenn ich dich umbringen würde!“ Die Situation habe sich schnell hochgeschaukelt und Nora sei auch körperlich bedroht worden. Wenn sie in Bückeburg aussteige, würde sie zusammengeschlagen, wie „sie es verdiene“.

Über 20 Minuten ließ Nora die Bedrohungen und wüsten Beleidigungen stumm über sich ergehen – nicht ohne eine gewisse Angst zu haben. „Als ich ausstieg, hab ich hinter mich geschaut, aber sie sind mir nicht gefolgt.“ Als sie zu Hause ankam, war sie mit den Nerven am Ende.

Besonders schockiert hat sie der Umstand, dass sie von anderen anwesenden Fahrgästen nicht unterstützt wurde. „Vorne saß ein Mann, der das alles mit anhörte. Er hat mich nur angelächelt.“ Ein ebenfalls im Bus anwesendes Mädchen hätte sie nach dem Vorfall angeschrieben und berichtet, dass sie geweint habe, als sie zu Hause war. „Aber ein 17-jähriges Mädchen muss mich auch nicht verteidigen“, findet Nora.

Dennoch stellt sich durchaus die Frage, warum weder Busfahrer oder andere Anwesende die Jugendlichen nicht zur Ordnung riefen, einschritten, oder die Polizei informierten. Ein Schritt, den Nora auf jeden Fall noch unternehmen will. „Ich gehe definitiv zur Polizei“, sagt sie entschlossen.

Große Hoffnungen macht sie sich nicht, die Namen der Personen sind ihr nicht bekannt und der Bus verfügte ihrem Wissen nach über keine Sicherheitskameras. Außerdem bleibt natürlich die Sorge über eine erneute Begegnung auf der Buslinie.

Mitleid braucht Nora nicht, so der Eindruck im persönlichen Gespräch. An den Strapazen der letzten Jahre ist sie zweifellos gewachsen, auch der zurückliegende Vorfall wirft sie nicht aus der Bahn. Anerkennung verdient sie zweifellos, über zehn Jahre konsequent einen sehr schweren Weg, zum Unverständnis vieler, weiter zu verfolgen. Sie sieht auch kein grundsätzliches Problem der Transsexuellenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft: „Die ist schon viel offener geworden“.

Allerdings erkennt sie einen deutlichen Unterschied im Verhalten von Bürgern mit Migrationshintergrund aus muslimisch geprägten Ländern und Einheimischen. Erstere seien meist deutlich aggressiver in der Äußerung ihrer Ablehnung. Verallgemeinern will sie das aber nicht: „Die haben halt einen anderen kulturellen Hintergrund“ Sorgen macht sie sich angesichts der jüngsten Zuwanderung nicht, sondern pochte darauf, dass das ebenfalls zur Integration gehöre. Dass man lerne, auch Menschen wie sie zu akzeptieren. Sie fügt lakonisch hinzu: „Scheißmenschen gibt es überall.“

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