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Geschichte eines Facebook-Eintrags

Von „Asylant“ bedrängt: Was ist dran an diesem Facebook-Post?

OBERNKIRCHEN. Der Eintrag in der Facebook-Gruppe klingt dramatisch: Eine Frau sagt, sie sei von einem „schwarzen Asylanten“ angesprochen und bedrängt worden. Sie habe sich losreißen können. Die Polizei habe jedoch nicht eingreifen können. Was ist dran an dieser Meldung?

veröffentlicht am 21.11.2017 um 16:01 Uhr
aktualisiert am 22.11.2017 um 11:52 Uhr

Nicht immer werden über die sozialen Medien Wahrheiten verbreitet. Und das ist sehr vorsichtig formuliert. Foto: Pixabay
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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

OBERNKIRCHEN. Der Eintrag in der Facebook-Gruppe „lebendiges Obernkirchen“ stammt vom Montagabend, 20.29 Uhr, und er liest sich dramatisch, es ist eine Warnung, sie kommt von einer Frau: „Lasst eure Kinder bei Dunkelheit nicht mehr alleine raus. Ich bin heute um kurz nach 17 Uhr schon das zweite Mal von einem schwarzen Asylanten angesprochen worden, ob ich mitgehen und ein bisschen Spaß haben will mit ihm, und als ich verneinte, packte er mich am Arm und wollte mich mitziehen, aber ich hab mich losreißen können und so getan, als ob ich in das nächste Haus rein wollte, da ist er schnell abgezogen, also bitte, Frauen und Kinder, geht nicht mehr alleine im Dunkeln.“

Der Eintrag wird sehr viel kommentiert und geteilt, später macht die Frau deutlich, dass sie bei der Polizei war, den Vorfall also angezeigt hat. Im Wortlaut: „Klar hab ich bei der Polizei vorgesprochen, aber die können leider erst eingreifen, wenn etwas passiert.“ Im Laufe der Nacht werfen viele Mitleser und Kommentatoren die obligatorische Empörungsmaschinerie an, aber sehr viele verweisen besonnen auch darauf, dass man einen derartigen Vorfall auf jeden Fall bei der Polizei melden müsse.

Die naheliegende Frage: Ist da was dran? Und wenn ja, was?

Axel Bergmann arbeitet für die Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg, er ist zuständig für die Presse-und Öffentlichkeitsarbeit, er könnte seine wesentliche Aussage auf einen Satz beschränken: „Aus polizeilicher Sicht ist dieser Vorfall nicht bekannt“, sagt er. Soll heißen: Die Frau hat weder bei der Polizei vorgesprochen oder in anderer Form Kontakt aufgenommen, sie hat also auch nicht angerufen, und Anzeige hat sie schon gar nicht erstattet. Bergmann hat für diese Aussage bei den Kollegen der Polizeistationen Obernkirchen und Bückeburg nachgeragt sowie interne Rechner durchstöbert: nichts, sagt er, „nicht einmal ansatzweise.“ Dabei gebe es genügend Wege, um Vorfälle bei der Polizei zu melden, bis hin zur Online-Anzeige, die ganz bequem vom eigenen Sofa aus erstattet werden könne.

Generell, so der Polizeisprecher, gehe man „tiefenentspannt“ mit den sozialen Medien wie Facebook um, denn die Erfahrung habe gezeigt, dass bei Vorfällen, an denen etwas dran sei, auch das Telefon klingele oder der Geschädigte selbst auf der Dienststelle erscheine: „Wenn an einem Sachverhalt etwas dran ist, dann erfahren wir das.“ „Die Polizei“, sagt er mit Blick auf Facebook oder Twitter, „muss nicht auf jedes Gerücht aufspringen.“ Die Frage, ob der Eintrag für die Frau Konsequenzen habe werde, verneint Bergmann: „Es ist ja nichts passiert.“

Die Recherche geht weiter mit einem Anruf bei Hans-Ludwig Deppmeyer, der bei der Arbeiterwohlfahrt Schaumburg zuständig ist für die Organisation und die Personalangelegenheiten. Die Awo ist für die dezentrale Flüchtlingssozialarbeit zuständig und erster Ansprechpartner, da es sich hier um einen „Asylanten“ gehandelt haben soll.

Deppmeyer ist der Vorfall nicht bekannt, aber den Facebook-Eintrag hat er schon gestern Abend gelesen. Ihm stelle sich natürlich auch zuerst die Frage, ob die Frau zur Polizei gegangen sei und Anzeige erstatte habe, immerhin handle es sich um einen Angriff mit Körperkontakt; immer vorausgesetzt, dass der Vorfall sich so abgespielt habe, wie die Frau ihn schildere. Er werde der Frage intern nachgehen. Wenn der Vorfall stimme, dann gehe er fraglos zu weit.

Generell halte er den Eintrag aber für „grenzwertig“: Er verursache eine Stimmung, „die sehr ungünstig für unsere Arbeit ist“.

Awo-Kreisgeschäftsführerin Heidi Hanauske sieht es so: Grundsätzlich könne es Frauen in Deutschland passieren, dass sie unerwünscht angesprochen würden, das sei Fakt, aber dies sei keine Frage der Hautfarbe. Doch egal, ob Weiße, Gelbe, Schwarze, sagt sie, man sollte Anzeige erstatten, dann habe der Staat Mittel und Wege, um dies zu verfolgen. Wenn sich nun gezeigt habe, dass der Facebook-Eintrag wohl einfach erfunden sei, dann könne man über die Motive nur spekulieren: Vielleicht sollten Ressentiments, Vorurteile, geschürt werden.

„Derartige Beiträge haben keine soziale Qualität“, sagt sie, „sie sind antidemokratisch.“

Heute, sagt Hanauske, sei Sicherheit etwas Objektives, an diesem Fleck – und damit meint sie den Landkreis – lebe man so sicher wie nie zuvor, doch gefühlt werde dies anders. Da stelle sich die Frage, woher das komme, sagt sie, und eine Antwort weiß sie auch: „Durch solche erfundenen Geschichten, durch solche Lügen.“

Mein Standpunkt
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Von Frank Westermann

Der Vorteil des Internets ist, dass dort jeder seine Meinung sagen und niederschreiben darf. Der Nachteil des Internets ist, dass dies dort auch jeder tut. Und leider muss man jeden Fall, der dort erzählt wird, auf seinen Wahrheitsgehalt abklopfen. Das ist man der Wahrheit schuldig. Und der Internet-Kultur ebenfalls.

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