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Weniger Schnee gleich weniger Hochwasser?

Wann kommt es?

RINTELN. Januar bis März waren bisher die „normalen“ Hochwassermonate für die Weser. Im Sommer oder Herbst waren Hochwasser seltener. Für unsere Altvorderen galt: Weserhochwasser kommen, wenn der Schnee schmilzt. Ist das heute noch immer so?

veröffentlicht am 14.02.2017 um 16:30 Uhr
aktualisiert am 14.02.2017 um 17:20 Uhr

2011: An der Drift haben THW und Feuerwehr einen Damm gebaut. Foto: Archiv
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Hans Weimann Reporter
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RINTELN. Januar bis März waren bisher die „normalen“ Hochwassermonate für die Weser. Im Sommer oder Herbst waren Hochwasser seltener. Für unsere Altvorderen galt: Weserhochwasser kommen, wenn der Schnee schmilzt. Das Weserhochwasser mit einem Pegel von 7,38 Metern, das man heute noch als „Jahrhundertflut“ bezeichnet, rauschte im Februar 1946 durch die Weserstadt.

In den folgenden Jahren pendelten sich die Höchststände der Weser um die Sechs-Meter-Marke ein. Und seit Januar 2003 hat Rinteln kein Hochwasser mehr erlebt, das nachhaltige Schäden in der Stadt hinterlassen hat. Mit ein Grund dafür ist, dass nach dem Hochwasser 1995 der Hochwasserschutz deutlich verbessert worden ist.

Stellt sich die Frage: Wie sehen die Wasserstände in Zukunft aus? Wo sind die Risiken? Lässt sich das überhaupt abschätzen? Wir haben dazu unseren Wetter-Experten Reinhard Zakrzewski gefragt und Achim Stolz, Pressesprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).

Hochwasser-Simulation für Rinteln bei einem sogenannten „100-jährigen Hochwasserereignis“.
  • Hochwasser-Simulation für Rinteln bei einem sogenannten „100-jährigen Hochwasserereignis“.

Zakrzewski sagt: Tatsache ist, dass die Schneedeckentage in Norddeutschland seit Anfang der 1990er-Jahre geringer geworden sind, da die Winter in den letzten Jahrzehnten im Schnitt milder und damit schneeärmer wurden.

Von 2006 bis 2010 waren die jährlichen Schneemengen in der Weserregion gegenüber dem 30-jährigen Klimamittel (1961 bis 1990) normal. Seit 2011 sind allerdings alle Jahre durchweg um 15 bis 30 Prozent zu trocken.

Zakrzewski sieht hier als Ursache die Tendenz zu immer mehr meridionalen Großwetterlagen seit 2010. Dabei stellen sich vorwiegend nördliche oder südliche Luftströmungen mit viel Hochdruckeinfluss ein, während die regenbringenden zonalen westlichen Strömungen immer seltener werden. Hinter dieser Zirkulationsumstellung vermuten Klimawissenschaftler die globale Erwärmung.

Die Gefahr einzelner „Starkregenereignisse“, die sich im Wesentlichen auf die Gewitterzeit der Sommermonate beschränkt, bliebe davon unberührt, sagt Zakrzewski. Doch dies seien kleinräumige Ereignisse und führten in der Regel nur zu lokalen Überflutungen kleinerer Gewässer.

Das kennt man in Rinteln. Im Jahr 2011 hat im Juni ein Wolkenbruch in der Nordstadt viele Keller in der Kendal-Straße unter Wasser gesetzt und in Exten liefen Sturzbäche von den Äckern auf den Wachtelweg. Gefahr droht bei solchen Wetterlagen auch von der Exter. Während man an der Weser am Pegel in Hann. Münden ablesen kann, was in den nächsten Tagen auf Rinteln zukommt, baut sich in der Exter nach einem sintflutartigen Wolkenbruch im Lipperland in Stundenfrist eine Hochwasserwelle auf. Wie im Juli 2002, wie im August 2007, wo auf der Mittelstraße das Wasser 1,50 Meter hoch stand.

Zakrzewskis Fazit: Die Beobachtung, dass es schon länger keine großen Hochwasser der Weser mehr gegeben hat, habe aus der Sicht der Wetterbeobachtung einen realen Hintergrund.

Achim Stolz, Pressesprecher des Niedersächsischer Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), geht davon aus, dass man in Rinteln auch in Zukunft mit Überschwemmungen wird rechnen müssen: „Auswertungen des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hannoversch Münden zum Hochwasser 2011 haben ergeben, dass 2011 ein deutlich geringerer Wasserabfluss vorlag als 1995. Dennoch lagen die Wasserstände 2011 um drei Zentimeter höher als 1995.“

Zum anderen wurde der Ortskern von Rinteln mit dem Doktorsee, Teilen der Hartler Straße sowie der Ost-Contres-carpe 1999 als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen. Eine Überarbeitung der Berechnungen im Jahr 2012 habe aber dann ergeben, dass das 1999 ausgewiesene Überschwemmungsgebiet zu klein war und entsprechend angepasst werden musste.

Als Überschwemmungsgebiet werden die Gebiete ausgewiesen, die bei einem 100-jährigen Hochwasserereignis überflutet werden. Das bedeutet, dass diese Flächen statistisch gesehen einmal in 100 Jahren überschwemmt werden. Das bedeutet beispielsweise auch, dass bei einem zehnjährigen Hochwasser zehn Jahre in Folge dieses Hochwasserereignis eintreten kann und anschließend 100 Jahre gar nicht.

Sollte doch noch einmal eine außergewöhnliche Hochwasserwelle durch Rinteln rollen, ist die Stadt inzwischen gewappnet.

Bereits 1999 ist die Umsiedlung des Marktkaufs an die Extertalstraße dem Hochwasserschutz zum Opfer gefallen. Stattdessen wurde der neue Marktkauf an die Konrad-Adenauer-Straße gebaut.

An der Ostcontrescarpe, wo das Wasser in manchen Häusern im Wohnzimmer stand, ist ein Wall aufgeschüttet worden.

An der Drift, wo Keller abgesoffen sind, gibt es einen Hochwasserdurchlauf unter die Dauestraße.

2004 erhielt das THW ein 180 Meter langes mobiles Stauwandsystem. Die Feuerwehr wurde mit mehr Pumpen ausgerüstet, im Bauhof steht eine Sandsackfüllmaschine. Außerdem hat man geübt, wie man Big-Packs verbauen kann.

Das Freibad erhielt bei der Sanierung eine Edelstahlwanne. Im alten Becken waren nach jedem Hochwasser Fliesen von den Wänden geplatzt.

Die Parkpalette am Pferdemarkt hat eine Notausfahrt für den Hochwasserfall.

Die Westumgehung ist übrigens nicht hoch gebaut, sondern tiefergelegt worden, damit sie nicht wie ein Damm wirkt.

2015 ist eine Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie verabschiedet worden.

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