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Immer mehr Senioren rutschen in die Alkoholabhängigkeit / Sozialarbeiter spricht Klartext

Wege aus der Sucht

BÜCKEBURG. Wer von den Drogen wegkommen will, der ist in den Beratungsstellen des Diakonischen Werkes Schaumburg in Rinteln und Stadthagen richtig. Das machte Diplom-Sozialarbeiter Cord Koller in seinem Vortrag beim Gesprächskreis „nachgefragt“ deutlich. Mit dem Willen zur Veränderung stünden die Chancen, sich von der Sucht zu befreien, sehr gut.

veröffentlicht am 08.02.2018 um 16:56 Uhr
aktualisiert am 08.02.2018 um 17:40 Uhr

Vergleichsweise „harmlos“ ist nach Einschätzung von Sozialarbeiter Cord Koller der Genuss von Cannabis. Foto: gn

Autor:

Gabi Nachstedt
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Der Museumsverein und die Gesellschaft für Sicherheitspolitik hatten zu diesem Gesprächskreis einen Referenten eingeladen, der locker, teilweise flapsig, zum Thema „Drogen – Mittel zur Flucht“ Auskunft gab. Aber dennoch weiß Cord Koller aus seiner täglichen Arbeit, wie viel Leiden diese Drogen, die zu einem Suchtverhalten führen, bei den betroffenen Menschen und ihren Familien auslösen.

Es gilt absoluter
Vertrauensschutz


Oftmals hätten Abhängige, die sich an die Beratungsstellen wenden, schon einige kleinere Straftaten begangen, um an den „Stoff“ zu kommen. Für sie gelte absoluter Vertrauensschutz. Der Drogenberater gibt dieses Wissen nicht an die Polizei oder die Staatsanwaltschaft weiter. Wichtig sei allein der Wille zur Veränderung, so Koller. „Das ist der Schlüssel zur weiteren Hilfe.“

Alle, die Drogen nehmen, eine der Wunsch, mit einem Rausch der Wirklichkeit und den individuellen Problemen zu entfliehen. Oftmals fühlten sie sich allein und hätten keinen Ansprechpartner, der ihnen genau zuhört. Leider führe dieser Rausch zu einer vermehrten Ausschüttung von Dopamin im Gehirn. Dadurch entstünden Glücksgefühle, die der Körper wiederholen wolle. Von dort zur Sucht sei nur ein kleiner Weg, denn schon bald unterliege die Steuerung des Drogenkonsums nicht mehr dem eigenen Willen.

Vergleichsweise „harmlos“ ist nach Einschätzung Kollers der Genuss von Cannabis. Er führe zu keiner körperlichen Abhängigkeit. Cord Koller: „Wenn die Kiffer aufhören wollen, werden sie nur unausstehlich.“ Auf Nachfrage befürwortete er eine Legalisierung von Cannabis, dem in der Medizin bereits deutliche Heilungserfolge zugeschrieben werden. Allerdings mit deutlichen Auflagen, wie die Abgabe nur an volljährige Personen mit Namensangabe und in staatlich kontrollierten Shops. Das würde eine Entkriminalisierung der Beschaffung ermöglichen.

Heroin ist eine Droge, die laut Koller eigentlich out ist. Ihr Aufstieg begann in den späten Sechzigerjahren mit der Flower-Power-Bewegung. Die Konsumenten wollten mit der „Scheißwelt“ nichts mehr zu tun haben. Hauptsächlich Männer spritzen sich Heroin, und die sind inzwischen um die 60 Jahre alt. 118 Konsumenten sind im Landkreis Schaumburg in einem Methadonprogramm mit begleitender Beratung. Methadon sorgt nicht für einen Ersatz-Rausch, sondern dämpft nur die Entzugserscheinungen.

Der Ausstieg aus der Alkoholsucht ist mit einem körperlich harten Entzug verbunden. „Ich habe in meinem Schreibtisch im Büro immer einen Flachmann liegen und kann im Notfall dem Patienten einen kleinen Schluck geben, etwa, wenn er einen Krampf bekommt“, so Koller.

Inzwischen rutschen immer mehr Senioren in die Alkoholabhängigkeit. Wenn beim Eintritt in den beruflichen Ruhestand die Tagesstruktur nicht mehr da ist und die Gesprächspartner fehlen, bleibt für viele inzwischen nur der Griff zur Flasche, um mit dem Alltag klarzukommen.

Gegenwärtig werden laut Koller im Landkreis Amphetamine, die sogenannten „Partydrogen“, am meisten konsumiert. Sie sollen zunächst „Power“ geben, um vor Prüfungen wacher zu bleiben oder auf Feiern „besser drauf“ zu sein. Doch inzwischen werden diese Drogen vielfach auch zur Leistungssteigerung im Beruf genommen – mit der großen Gefahr, in der Abhängigkeit zu landen.

Wenn ein Drogenabhängiger sich nach einem Beratungsgespräch zu einem Entzug entschließe, sei dieses ein sehr langer Prozess. In den ersten sechs Monaten werde nach dem körperlichen Entzug weitergearbeitet in Therapieeinrichtungen. Hier werde nach Erfolgserlebnissen für jeden Einzelnen geschaut, sei es „Kühemelken“, Kunst oder die Arbeit in der Natur; in jedem Fall etwas, das ihm das Gefühl der Befriedigung gebe.

Daran schließe sich eine jahrelange Nachsorge in Selbsthilfegruppen an, wo die Teilnehmer gegenseitig „aufeinander aufpassen“.

Auf die Frage, ob ihn das Schicksal der Menschen, die sich von ihm beraten lassen, nicht emotional belaste, antwortete Cord Koller: „Es ist ein Spagat zwischen Wärme und Distanz, den ich hinbekommen muss, denn Mitleid ist das Schlimmste, was ich meinen Patienten antun kann, weil ich dann nicht mehr professionell helfen kann.“

Klaus Suchland von der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und Museumsleiterin Dr. Anke Twachtmann-Schlichter bedankten sich bei dem Referenten für seinen sehr aufschlussreichen Vortrag mit einem kleinen Geschenk.

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