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Rechnen wie damals: Pfarrer in der Mathematik

Wegen falscher Rechnung in Schutzhaft

OBERNKIRCHEN. Pastoren und Geistliche haben schon immer viel geforscht. Dass sie auch einen wichtigen Beitag zur Mathematik geleistet haben, wissen allerdings nur die wenigsten. In einem Referat der Reihe „Rechnen wie damals“, hat sich Inge C. Rudowski diesem Thema („Pfarrer in der Mathematik: Leben und Wirken“) gewidmet.

veröffentlicht am 13.08.2017 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 14.08.2017 um 11:32 Uhr

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Autor

Michael Grundmeier Reporter
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Mit der Mathematik stehen viele Menschen auf Kriegsfuß. Mengenlehre, Logarithmen – was für eine Relevanz hat das im Alltag? Der ein oder andere Zahlen-Legastheniker mag bis heute den Verdacht hegen: gar keine. Dass Mathe nicht nur nützlich, sondern auch schön sein kann – das war jetzt in der Stiftskirche zu sehen.

Auf einem kleinen Tisch standen zahlreiche Maschinen und Modelle, darunter: das Planetenmodell von Johannes Kepler, der sich mit der Frage der „Weltharmonik“ auseinandergesetzt hat. Wer das Modell betrachtet, wird zunächst einmal seine Ästhetik bewundern, Kepler wählte eine fast schon künstlerische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Dabei geht es auch hier um eine streng mathematische Frage: Lassen sich die fünf platonischen Körper (also etwa das Tetraeder oder das Hexaeder) mit den mittleren Entfernungen der Planeten zur Sonne übereinbringen? Um es gleich vorwegzunehmen: Wenn man Kepler ist , dann ja, lassen sie sich in Kongruenz bringen.

Und zwar in einer geordneten, idealen Weise, die für Kepler nur einen Schluss zuließ: Hier ist Gott am Werke. Ein bisschen ist das – übrigens leicht zurechtgebogene Modell – für Kepler auch ein „Gottesbeweis“.

Inge C.Rudowski
  • Inge C.Rudowski

Es ist also sicher kein Zufall, dass sich auch andere Geistliche immer wieder mit Zahlen und der Mathematik beschäftigt haben. Denn Zahlen haben etwas Ideales – man kann ihnen eine Bedeutung zumessen, wie Inge Rudowski ausführte. Die 1 konnte beispielsweise für Einzigartigkeit oder Einigkeit stehen, die 3 für die Dreifaltigkeit und die 6 für Unvollkommenheit. Und es gibt noch einen anderen Grund, warum so viele Pfarrer zugleich Mathematiker waren. „Damals gab es einfach nicht so viele Menschen, die lesen und schreiben geschweige denn rechnen konnten, außerdem bot der Beruf eines Pfarrers die Möglichkeit für den Lebensunterhalt“, berichtet Inge Rudowski.

Viele Mathematiker seien deshalb im Hauptberuf Pfarrer gewesen. Mit Mathematik nebenbei beschäftigt – „das war eine Art Hobby“. Wie eng Kirche und Mathematik verknüpft waren, zeigt schon bei frühen „Vorläufern“: Beda Venerabilis oder Christoph Clavius. Venerabilis hat sich um die Berechnung des Osterdatums verdient gemacht – Clavius half beim Gregorianischen Kalender. Mindestens ebenso spannend ist die Berechnung der Zahl „Pi“, die schon Archimedes 250 vor Christus, umgetrieben hat. Archimedes berechnete den Kreisumfang mithilfe eines 96-Ecks, das er um den Kreis legte. Aus heutiger Sicht war er relativ nah dran.

Dass die Mathematik, wenn sie falsch verstanden wird, auch Unheil bringen kann, musste Michael Stifel einsehen – ein Augustinermönch und Pfarrer, der von 1486 bis 1567 lebte. Der Zahlenmystiker hatte für 1533 den Weltuntergang vorausgesagt. Und seine Gemeinde dazu angehalten, ihr Hab und Gut zu verkaufen.

Aber am Morgen des 19. Oktobers 1533 blieb alles ruhig: Die Sonne ging auf, stand 12 Stunden am Himmel und ging wieder unter. Stifel war blamiert – seine Gemeinde sauer. Das ging so weit, dass der Pfarrer vorsorglich in Schutzhaft genommen wurde. Wahrscheinlich keine schlechte Idee.

Allerdings ist Stifel mehr als nur ein Scharlatan: Er hat unter anderem den Begriff „Exponent“ in die Welt der Mathematik eingeführt. Leider war Stifel auch ein großer Fan der Zahlenmystik und -akrobatik, also der Richtung, die der Zahl an sich eine Bedeutung beimessen. So wurde aus der Zahl 666 beispielsweise der Satz „Id bestia Leo Papst X“, also etwa: diese Bestie Papst Leo, der 10. „Man kann sich das schönrechnen, bis es schließlich passt“, erläutert Rudowski das zugrundliegende Prinzip.


HINWEIS: Wer mehr wissen möchte, dem sei ein Buch von Eckart Roloff empfohlen: „Göttliche Geistesblitze: Pfarrer und Priester als Erfinder und Entdecker.“

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