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Warum Synchronuhren aus dem Takt geraten

Wenn der Radiowecker 6 Minuten hinterherhinkt …

RINTELN. Seit Anfang des Jahres laufen elektronische Uhren, etwa in Radioweckern oder Mikrowellengeräten, der tatsächlichen Tageszeit hinterher. Grund hierfür ist der Anschluss solcher Synchronuhren genannten Zeitmesser an das Stromnetz.

veröffentlicht am 07.03.2018 um 15:11 Uhr
aktualisiert am 07.03.2018 um 17:30 Uhr

Fällt im Stromnetz die Spannung zu stark ab, gehen elektronische Uhren automatisch nach. Dies ist derzeit der Fall. Grafik: Swissgrid

Autor:

Luis Böhm
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RINTELN. Seit Anfang des Jahres laufen elektronische Uhren, etwa in Radioweckern oder Mikrowellengeräten, der tatsächlichen Tageszeit hinterher. Grund hierfür ist der Anschluss solcher Synchronuhren genannten Zeitmesser an das Stromnetz: Synchronuhren nehmen die nominelle Frequenz der Netzspannung von 50 Hertz als Taktgeber, was von Fachleuten auch als Netzzeit bezeichnet wird. 50 Schwingungen des Wechselstroms entsprechen einer Sekunde der Netzzeit.

Eigentlich halten die Stromproduzenten des europäischen Verbundnetzes die Frequenz im europäischen Stromnetz ziemlich genau bei 50 Hertz. Doch wird zu einem Zeitpunkt mehr Strom verbraucht als eingespeist, fällt die Frequenz unter 50 Hertz; wird weniger Strom verbraucht als produziert, steigt die Frequenz über 50 Hertz.

Meist betragen diese Schwankungen nur ein paar Hundertstel Hertz. Werden die Abweichungen zu groß, gleichen die Versorger aus. So soll jederzeit die „Regelleistung“, also die Versorgung der Kunden mit genau der benötigten elektrischen Leistung gewährleistet werden.

Durch eben diese Frequenzschwankungen der Regelleistung kommt es zu Abweichungen der Netzzeit: Ist die Frequenz niedriger als 50 Hertz, so dauern die 50 Schwingungen etwas länger und eine Sekunde der Netzzeit dauert ebenfalls länger; umgekehrt verhält es sich bei einer Frequenz über 50 Hertz, in dem Fall dauern die 50 Schwingungen kürzer und auch eine Sekunde der Netzzeit vergeht schneller. Die genaue Netzzeitabweichung errechnet sich aus dem Vergleich mit der Weltzeit (UTC-Zeit), die anhand von hochpräzisen Atomuhren bestimmt wird. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels (Montag, 5. März) betrug die aktuelle Frequenz 50,022 Hertz, was eine Abweichung von etwa 350 Sekunden, also fast 6 Minuten bedeutet (!); Synchronuhren gehen derzeit also um bis zu 6 Minuten nach. Erfasst werden diese Werte für das Europäische Verbundnetz durch die Schweizer Firma Swissgrid und sind jederzeit auf deren Website einzusehen.

Grund für das Hinterherlaufen der Netzzeit ist eine seit geraumer Zeit zu geringe Regelleistung. Nach einer Aussage des Verbunds der europäischen Stromnetzbetreiber ENTSO-E (European Network of Transmission System Operators for Electricity) besteht seit etwa Mitte Januar dauerhaft eine deutliche Spannungsabweichung, weil ein (nicht genannter) Betreiber zu wenig einspeise.

Jan Giltmann von den Stadtwerken Rinteln sieht die Probleme jedoch bei der gegenwärtigen Energiewende: „Durch die Umstellung von fossilen Energieträgern und der Kernenergie auf erneuerbare Energien wie Wind und Solar kommt es zu den gegenwärtigen Schwankungen. Durch zu wenig Strom im Netz kommt es zu einem Spannungsabfall und somit zum Abfall der Regelleistung“, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir als Stadtwerke Rinteln können dem derzeit nicht entgegenwirken, dafür sind die uns vorgeschalteten Unternehmen wie Westfalen Weser Netz zuständig. Für den Notfall gibt es aber entsprechende Vorkehrungen.“ Doch ein solcher Notfall ist laut Giltmann derzeit nicht zu erwarten.

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