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„Abordnungen ein Akt der Hilflosigkeit“

Wenn Lehrer Mangelware sind

LANDKREIS. „Die planerische Inkompetenz des Kultusministeriums und der Landesschulbehörde ist nicht zu überbieten!“ Mit diesen Worten kommentierte der Vorsitzende des Philologenverbandes Niedersachsen, Horst Audritz, die Situation an vielen niedersächsischen Schulen.

veröffentlicht am 12.09.2017 um 16:06 Uhr

Im Jahr der 200-Jahr-Feier muss das Gymnasium Ernestinum in Rinteln zum ersten Mal Lehrer an die Grundschule abordnen. Foto: PEB

Autor:

Peter Blaumann
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LANDKREIS. „ Im Kampf gegen die schlechte Unterrichtsversorgung an den Grundschulen müssen jetzt Gymnasiallehrer aushelfen. Die volle Unterrichtsversorgung an Grundschulen muss gewährleistet sein, weil es hier den Anspruch auf eine verlässliche Betreuung bis 13 Uhr gibt. Der Philologenverband Niedersachsen spricht von 1000 Fällen, in denen Gymnasiallehrer vorübergehend an Grundschulen unterrichten müssen. Der Verband der Elternräte legt die Zahl von 10 000 Lehrerstunden nach, die durch diese Abordnungen an Gymnasien verloren gehen. Gymnasien müssen auf Anweisung des Kultusministeriums auch dann abordnen, wenn sie selbst Lehrermangel haben. Im Landkreis Schaumburg müssen die fünf Gymnasien ebenfalls Lehrer abordnen. „Insgesamt 147 Stunden“, rechnet Friedrich Lenz, Vorsitzender des Kreisverbandes Schaumburg der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), vor. „Unverhältnismäßig stark betroffen sind das Wilhelm-Busch-Gymnasium in Stadthagen mit 49 Wochenstunden und das Gymnasium Adolfinum in Bückeburg mit 62 Wochenstunden. Das Gymnasium Ernestinum in Rinteln muss 14 Stunden abordnen, das Gymnasium in Bad Nenndorf 12 und das Ratsgymnasium in Stadthagen 10 Stunden. Außer den genannten Gymnasien müssen die Oberschulen in Lindhorst und Stadthagen insgesamt 53 Stunden abordnen – jeweils eine ganze Planstelle mit 26,5 Stunden.“

Abgeordnet wird an sieben Grundschulen im Landkreis. An der Gerda-Philippsohn-Schule in Sachsenhagen unterrichten Gymnasiallehrer und Oberschullehrer 60 Stunden, an der Grundschule Auetal in Rehren A.O. Gymnasiallehrer 44 Stunden, an der Julius-Rodenberg-Schule in Rodenberg Gymnasiallehrer 14 Stunden, an der Grundschule am Kammweg in Obernkirchen Gymnasiallehrer 18 Stunden, an der Grundschule am Sonnenbrink in Stadthagen Gymnasiallehrer 20 Stunden, an der Berlin-Schule in Bad Nenndorf Gymnasiallehrer 12 Stunden und an der Magister-Nothold-Grundschule in Lindhorst Gymnasiallehrer 10 und Oberschullehrer 22 Stunden. „Die Abordnungen sind ein Akt der Hilflosigkeit einer planlosen Ministerin“, so der Vorwurf von Audritz.

Audritz beklagt auch, dass viele Gymnasiallehrer fachfremd oder gar für Zusatzaufgaben wie Pausenaufsicht, Förderunterricht, Arbeitsgemeinschaften oder Hausaufgabenhilfe sowie als Zweitkraft in Sprachlernklassen eingesetzt würden. „Da werden wertvolle Unterrichtsstunden verplempert.“ Nicht zu akzeptieren sei auch die Tatsache, dass die Anweisungen zur Abordnung sehr kurzfristig geschehen seien, so Audritz. Erst am Ende der Sommerferien haben die Gymnasien die Anweisungen auf den Tisch bekommen. Stundenpläne mussten neu geschrieben werden.

Kaum nachvollziehbar sei die Tatsache, dass Kultusministerin Frauke Heiligenstadt schon im Mai die Landesschulbehörde angewiesen habe, Maßnahmen zu ergreifen, das Problem der drohenden Unterrichtsausfälle an Grundschulen zu lösen, die Landesschulbehörde aber erst Ende Juli reagiert habe.

Eine neue Bertelsmann-Studie rechnet vor, dass im Jahr 2025 in ganz Deutschland rund 8,3 Millionen Kinder zur Schule gehen werden, das sind 1,1 Millionen mehr als von der Kultusministerkonferenz berechnet. Gründe dafür sind eine steigende Geburtenrate und eine Zuwanderung, die nicht nur durch die Flüchtlinge steigt, sondern auch, weil immer mehr Ausländer Deutschland als künftige Heimat wählen.

„Für den akuten Lehrermangel an Grundschulen gibt es viele Faktoren“, sagt Eberhard Brandt, Vorsitzender der GEW Niedersachsen. „Es gibt im Augenblick einen hohen Ersatzbedarf, weil überdurchschnittlich viele Lehrer pensioniert werden. Flüchtlingskinder, Ganztag, Inklusion und Sprachförderung fordern einen hohen Zusatzbedarf.“

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