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„Wahlstadt“-Projekt – ein Erfolg?

Wie der TV-Sender RTL seine Wahl-Besuche in Rinteln bewertet

RINTELN. Knapp sechs Wochen ist die Bundestagswahl nun her, der Anlass, aus dem der Privatsender RTL die Weserstadt zu seiner „Wahlstadt“ gemacht hatte, ein einmaliges Projekt in der Sendergeschichte. Anlass für unsere Zeitung, nachzuhaken: Wie zufrieden sind die Redakteure? Was wird ihnen in Erinnerung bleiben?

veröffentlicht am 01.11.2017 um 17:38 Uhr
aktualisiert am 01.11.2017 um 18:10 Uhr

Die Redakteure Irma Neves und Kai Räuker im RTL-Büro in Hannover. Sie haben das „Wahlstadt“-Projekt inhaltlich betreut. Foto: mld
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Marieluise Denecke Redakteurin / Online zur Autorenseite
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Vor allem die Offenheit der Menschen, erzählt Redakteurin Irma Neves. An den Berufsbildenden Schulen zu drehen habe beispielsweise reibungslos geklappt, genauso wie die Zusammenarbeit mit dem DRK, und der Bürgermeister habe Drehgenehmigungen teils minutenschnell ausgestellt. Das hätte in Hannover nicht funktioniert.

„Ich hänge immer noch an Goldbeck“, erzählt Redakteur Kai Räuker beinahe schwärmerisch. Dort habe es ausgesehen wie im Alpenvorland, „ein schönes Stück Deutschland“, ebenso das Kloster Möllenbeck. Geschichten wie der Goldbecker Dorfladen lassen den Redakteur nicht los, ebenso wie das Schicksal eines ärmeren Ehepaares, das Räuker bei der Recherche über die „Tafel“ kennenlernte.

Generell sei das Projekt auch gut gewesen, um dem Vorwurf entgegenzuwirken, Journalisten lebten in einer Blase. Diesbezüglich unternehme RTL sowieso schon viel, so Neves. Doch die Konzentration auf eine Kleinstadt bringt Redakteure und Interviewpartner noch einmal ganz anders zusammen.

„Viele Redaktionen hatten Interesse am Projekt“, erzählt Räuker. Auf Rinteln war die Wahl gefallen, da die Demografie der Stadt ungefähr dem Bundesdurchschnitt entspreche. Idee war, die Themen des Wahlkampfs dem Zuschauer anhand Rintelner Beispiele zu verdeutlichen. Doch: Der Wahlkampf habe sich anders entwickelt als gedacht. Vor allem die Kandidaten Merkel und Schulz hätten im Vordergrund gestanden. Um Inhalte sei es weniger gegangen. „Das war anders als in den letzten beiden Wahlkämpfen“, erinnert sich Räuker.

Und so wurden die möglichen Themen, die von ihm und Neves vorab recherchiert wurden, von der RTL-Hauptredaktion in Köln weniger nachgefragt als erwartet. In der Redaktion gab es im abschließenden Resümee daher ein „geteiltes Echo“.

Daher ist es wohl nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Rintelner – sofern keine RTL-Zuschauer – vom Projekt vielleicht nichts mitbekommen hat. Einige Beiträge und sogenannte Schalten aus der Weserstadt gab es: Stimmungsberichte vor der Wahl sowie Berichte am Wahlabend, außerdem Serien für „Nachtjournal“ und „Punkt 12“.

Wer das RTL-Team hautnah erleben wollte, konnte zu einer der vier offenen Veranstaltungen kommen. Im „Mosquito“ fanden sogenannte Public Viewings statt, bei denen man in großen Gruppen Sendungen zur Bundestagswahl sehen konnte – RTL-Sendungen, versteht sich. Die Resonanz fiel allerdings gemischt aus. Die Veranstaltungen seien aus fernsehrelevanten Gründen jedoch bewusst nicht an die große Glocke gehängt worden, erläutern die Redakteure.

Und der abschließende Eindruck von Rinteln? „Hier ist alles noch ziemlich idyllisch“, sagt Neves. In anderen Städten gebe es ganz andere Probleme. Doch: Manche Themen seien ihm vorher nicht so präsent gewesen, erzählt Räuker. Beispiel: Wie stark es das Leben in einem Ortsteil beeinflusst, wenn Ärzte, Gaststätten und Bäcker nicht mehr vorhanden sind, und der Bus nur unregelmäßig fährt.

„Soll man dann im hohen Alter seinen Führerschein abgeben und dafür auf die Teilhabe am Leben verzichten?“, fragt der Redakteur rhetorisch.

„Das Ehrenamt ist hier stark ausgeprägt“, schildert Neves ihren Eindruck. Daher werde weniger auf Lösungen durch die Politik gehofft, sondern selber angepackt.

Mit den Menschen in Rinteln sei man „im Guten verblieben“ – weitere Berichterstattung ist daher nicht ausgeschlossen. Interessant werde zum Beispiel sein zu sehen, was sich bei den Interviewpartnern in zwei Jahren nach der Wahl verändert hat. „Das Projekt war für uns ein Geschenk“, resümiert Neves.

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