weather-image
Gespräch auf dem Marktplatz

Wie geht es der SPD und ihren Kandidaten im Wahlkampf?

OBERNKIRCHEN. Noch eine Woche bis zur Bundestagswahl - wie geht es da den heimischen SPD-Kandidaten? „Der Drops ist noch nicht gelutscht“, sagt Marja-Liisa Völlers. Ein Gespräch mit ihr und Schaumburgs SPD-Chef Karsten Becker.

veröffentlicht am 17.09.2017 um 15:08 Uhr

Marja-Liisa Völlers mit Karsten Becker in der Bergstadt. Foto: rnk
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

OBERNKIRCHEN. Wie darf man sich als politischer Laie die letzten Monate des Schaumburger SPD-Chefs und Landtagsabgeordneten Karsten Becker denn vorstellen? Als eine einzige emotionale Achterbahnfahrt?

Früh im Jahr wird Martin Schulz Kanzlerkandidat der SPD, die Euphorie auf einen Machtwechsel in Berlin ist plötzlich mit Händen zu greifen, die Mitgliederzahlen steigen, dann verliert die SPD ziemlich krachend drei Landtagswahlen, der Schulz-Effekt verpufft, in Hannover kippt eine Grüne eine bislang stabile Ein-Stimmen-Mehrheit und Rot-Grün in Hannover inklusive Becker verlegen die Landtagswahl drei Monate nach vorn, worauf die niedersächsische SPD in den Umfragen erst verliert und dann wieder anzieht?

Nein, sagt Becker, ganz so war es nicht. Zwar stimmen die Fakten, aber man müsse schon deutlich trennen zwischen dem Urnengang auf Bundes- und dem auf Landesebene. Ganz schnell habe die SPD-Fraktion im Landtag nach dem Wechsel von Elke Twesten und dem damit verbundenen Verlust der Mehrheit zu einer verbindlichen Haltung gefunden: Nämlich die Mehrheit des Landtages nicht dem Zufall zu überlassen, sondern vorgezogene Neuwahlen anzusetzen: weil diese neue Mehrheit von den Wählern so nicht gewollt sei.

Aber grundsätzlich gelte: „Es sind zwei getrennte Wahlgänge.“Und vor dem Hintergrund der politischen Ergebnisse sei er für die Landtagswahl „sehr optimistisch“: Die Rahmenbedingungen hätten sich in den letzten fünf Jahre deutlich gebessert, damals habe der Strukturwandel in der Industrie im Landkreis Schaumburg 3000 Arbeitsplätze gekostet, Stichwort Heye, Otis, Alcatel; Rot-Grün habe dann die Stärke der Region gefördert, das Wachstum im Landkreis Schaumburgliege liege heute „deutlich“ über dem in Niedersachsen, die Arbeitslosenquote sei von 14 auf sechs Prozent reduziert worden.

Letzte Frage: Im Moment sieht es so aus, als wäre Rot-Grün in Hannover für eine neue Mehrheit auf die FDP angewiesen. Aber in Niedersachsen können die beiden Kleinen ja gar nicht miteinander, ihre Lager sind betonfest gefestigt und bewegen sich nicht einen Millimeter aufeinander zu. Doch Becker ist zu lange im politischen Geschäft, um über dies hingehaltene Stöckchen zu springen: Er habe keinen Zweifel, sagt er mit Blick auf eine Mehrheitsbildung und meint, in welcher Konstellation auch immer, dass dies gelingen könne.

Am Freitagabend hatte die SPD Obernkirchen zum Dämmerschoppen geladen mit Getränkestand, Schaumburgs Grillmeister und gut angehangenen Live-Oldies, doch bei mageren elf Grad war der Zuspruch jenseits der Genossen überschaubar.

Marja-Liisa Völlers strahlt im Pressegespräch Optimismus aus. Nicht, weil die SPD-Bundestagskandidatin ihre blöde Erkältung endlich überwunden hat, sondern weil sie tagsüber drei Umfragen gehört hat. Und sie wiesen acht Prozent Abweichungen auf, und daher verweist Völler auf die USA, wo im November Hillary Clinton in jeder Umfrage von lag, ehe sich das amerikanische Volk für den tumben Toren Trump entschied. Mit Umfragen, sagt sie mit Blick auf die Bundestagswahl, kann man nichts Konkretes anfangen, daher: „Der Drops ist noch nicht gelutscht.“

Was hat sie denn persönlich in diesem Wahlkampf gelernt? „Ich bin gereift an dieser Herausforderung“, sagt Völlers, und gelernt habe sie, wie unglaublich stark die SPD in Schaumburg sei. Und auch, wie jung.

Jung? Kurz schweift der Blick über den Bergstadt-Marktplatz mit Dämmerschoppen, wo jeder 50-Jährige den Altersdurchschnitt gesenkt hätte, aber Völlers sieht das anderes: Noch heute Morgen habe sie mit drei Mitgliedern Kaffee ausgeschenkt, die allesamt jünger als sie selbst waren, „und ich bin 32.“

Aber Jugend ist ein vielleicht ein gutes Stichwort: In diesem Wahlkampf kamen Themen, die über den Tag hinaus reichen, eher wenig vor, der Klimawandel etwa, die Globalisierung, die Firmen mächtiger als Staaten werden lässt, oder europäische Länder, die als Demokratie schlafen gehen und als Autokratie wieder aufwachen, sieht sie das auch so? Durchaus, bestätigt Völlers, deshalb habe Schulz ja auch ein weiteres TV-Duell gefordert. Es sei ja der CDU geschuldet, dass viele Menschen den Eindruck von einem „einschläferndem Wahlkampf“ hätten: „Sie verweigert sich der Diskussion.“ Bei der Rente, sagt sie, schreite man sehenden Auges in eine mögliche Katastrophe.

Merkel, erklärt Völlers, sei ein „Auslaufmodell“, in vier Jahren werde man über sie nicht mehr diskutieren. Wie meint sie das? Dass Merkel in vier Jahren nicht noch einmal antritt, oder dass sie nicht solange als Kanzlerin durchhält, sollte sie wiedergewählt werden? Völlers überlegt kurz, spätestens in vier Jahren ist für Merkel Schluss, antwortet sie dann, aber sie hoffe natürlich, dass dies schon am nächsten Sonntag der Fall sei.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare