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Bewegend: Die Feier zum Volkstrauertag auf dem Ehrenfriedhof an der Paschenburg

Wir fliehen nur vorm Schietwetter

Auch mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Erinnerung bewegend und wichtig. „Frieden ist nicht selbstverständlich“, mahnten Landrat Jörg Farr und der Europaparlamentsabgeordnete Burkhard Balz am Sonntag am Ehrenmal an der Paschenburg.

veröffentlicht am 19.11.2017 um 17:33 Uhr

Am Volkstrauertag werden von verschiedenen Institutionen Kränze am Ehrenmal niedergelegt. Foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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RINTELN. Zwei junge Soldaten stehen rechts und links neben dem Gedenkstein auf dem Ehrenfriedhof an der Paschenburg. Unbeirrt von den Feierlichkeiten des Volkstrauertages blicken sie starr, das Maschinengewehr in der Hand, als seien sie Teil des Denkmales. Vor etwas mehr als 70 Jahren wären sie Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewesen.

Ihre stumme Gegenwart in Uniform mit Helm gibt dem Gedenken und der Kranzniederlegung etwas zusätzlich Bedrückendes, und zugleich kann es Berührung auslösen, dass die beiden jungen Männer hoffentlich niemals ausrücken müssen, um „für Volk und Vaterland“ zu sterben.

„Die Friedenssituation ist angesichts von Terror, Krieg und Gewalt zerbrechlich“, mahnte Landrat Jörg Farr. Der Friede sei keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis eines Verständigungsprozesses, dessen man sich stets gegenwärtig sein müsse.

Landrat Jörg Farr (r.) spricht beim Volkstrauertag. Foto: cok
  • Landrat Jörg Farr (r.) spricht beim Volkstrauertag. Foto: cok

Diesen Punkt hob auch der Europaparlamentsabgeordnete Burkhard Balz (CDU) in seiner Rede hervor. „Für junge Menschen ist es schwer vorstellbar, dass es einst ‚Erbfeindschaften‘ zwischen Frankreich und Deutschland, Polen und Deutschland gab, und die Länder Europas ständig kriegerisch übereinander herfielen“, sagte er. Umso wertvoller sei das geeinte Europa, das man niemals infrage stellen sollte, Konflikten und Krisen rund um Brexit, Flüchtlingsabkommen und VW-Skandal zum Trotz.

Erst seit 1949 herrsche in Deutschland eine gefestigte Demokratie, die im Osten sogar noch viel jünger sei. Aufgrund der demokratischen Grundwerte könne man hier ein Leben in Frieden und Freiheit führen.

Balz erinnerte daran, dass man nicht nur für den Erhalt eines friedlichen Europas Verantwortung zu tragen habe, sondern auch zur Solidarität mit Menschen in Ländern verpflichtet sei, die wie in Syrien, im Jemen, in Myanmar aktuell unter Krieg, Hunger und politischer Verfolgung zu leiden hätten. Auch die Feier des Volkstrauertages sei ein Ausdruck dieser Solidarität.

Bis auf Schüler der Stadthäger Schule am Schlosspark und der Kreisjugendmusikschule fanden sich überwiegend ältere Menschen zur Gedenkfeier vom Kreisverband Volksbund deutsche Kriegsgräber ein. Unmittelbar betroffen vom Kriegsgeschehen im 20. Jahrhundert sind sicherlich eher die Älteren, deren Großeltern oder Eltern die Weltkriege miterlebten oder in ihnen zugrunde gingen, sei es als Soldaten, zivile Opfer oder als vom Naziregime Verfolgte.

„Ja, wir heute fliehen höchstens vorm norddeutschen Schietwetter“, so Balz. „Doch sind wir umgeben von Flüchtlingen und leben in einer keineswegs friedvollen Welt.“

Als die Bläser der KJM melancholische Melodien spielten und der Männerchor Enzen-Hobbensen Leonhard Cohens „Halleluja“ intonierte, waren die insgesamt knapp hundert Gedenkenden – darunter Bürgermeister, Mitglieder der Bundeswehr Heeresflugplatz Bückeburg und Kirchenvertreter – spürbar berührt. Nur die jungen Soldaten rechts und links neben dem Mahnmal zeigten keine Regung – auch nicht, als die Kränze quasi zu ihren Füßen niedergelegt wurden. Es wirkte fast, als müssten sie aktuell trauern. Und in gewisser Weise muss man das ja auch.

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