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Für Fleischer Willi Oppermann ist sein früherer Beruf heute private Leidenschaft

„Wir haben keinen Vegetarier in der Familie“

TODENMANN. Wohl in jeder Familie gibt es ein Mitglied, das man zu festlichen Anlässen besonders gern willkommen heißt. Das kann die Tante sein, die mit ihren Torten manchen Konditor blass aussehen lässt, oder die Schwägerin, deren Party-Mettbällchen längst zur Familienlegende geworden sind. Dass Willi Oppermann in seinem Umfeld zu eben diesen gern gesehenen Gästen gehört, steht völlig außer Frage. Der kann nämlich zum Festessen etwas ganz Außergewöhnliches beisteuern: selbst gemachte Wurst.

veröffentlicht am 09.10.2017 um 15:37 Uhr

Die Mettwurst, die Willi Oppermann im kühlen, verdunkelten Keller zum Reifen aufgehängt hat, sieht echt lecker aus. Foto: cm
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Claudia Masthoff Reporterin
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„Das Fleischerhandwerk habe ich in Bremen Ende der Sechziger noch von der Pike auf gelernt“, schaut der heutige Kirschendorfbewohner zurück. Im Betrieb seines Lehrmeisters, eines schlesischen Schlachters, sei es noch vergleichsweise ruhig zugegangen. „So etwa 30 Schweine und zwei Rinder haben wir dort pro Woche verarbeitet“, erklärt Oppermann. Alles in Handarbeit, selbstverständlich. Im späteren Berufsleben habe er zwar auch die moderne, industrielle Wurstherstellung kennengelernt, doch von ihr scheint der Fleischer aus Leidenschaft wenig überzeugt zu sein: „Wenn die Produktion computergesteuert läuft, vorgefertigte Würzmischungen für den immer gleichbleibenden Geschmack sorgen, bestimmte Lagerbedingungen den Reifungsprozess abkürzen, Räuchern chemisch simuliert wird und alle möglichen Zusatzstoffe für die richtige Konsistenz und Haltbarkeit sorgen, dann geht die eigentliche Kunst meines Handwerks doch verloren.“ Um so glücklicher ist der Rentner, dass er sich entschieden hat, seinen beruflichen Erfahrungsschatz für den privaten Bedarf weiter zu nutzen.

„Am liebsten hätte ich ja eine Betriebserlaubnis zum Hausschlachten erworben. Doch da sind die bürokratischen Hürden und die räumlichen wie technischen Anforderungen mittlerweile so hoch, die kann man privat kaum erfüllen“, bedauert der Fleischer im Ruhestand. Und so begnüge er sich damit, gutes Fleisch einzukaufen, um dieses dann im Keller seines Einfamilienhauses fachgerecht zu allerbester Hausmacherwurst zu verarbeiten.

„Einmal im Herbst und einmal im Februar legen meine Frau und ich los“, erzählt Oppermann. Gerade sei die Mettwurst fertig geworden. Kleinschneiden, durch den Wolf drehen, mit Pökelsalz und den frisch gemahlenen und ganz und gar geheimen („Ich will hier ja nicht alles ausplaudern!“) Gewürzen mischen, in der großen Molle dreimal kräftig durchkneten und dann in Schweinedarm abfüllen, das wären die Schritte, die zum mittlerweile dekorativ an der Wand hängenden Endergebnis geführt hätten.„Jetzt muss sie erst mal vier Wochen reifen,“ erklärt der Fleischer. Und im Februar kämen dann die gekochten Sorten an die Reihe: Leberwurst, Rotwurst und so weiter, im Glas. So einen durch und durch von seinem Metier Begeisterten verlässt die Leidenschaft natürlich das ganze Jahr über nicht: „Wir reisen gern. Mit dem Wohnmobil sind wir in ganz Europa unterwegs. Und wo wir auch sind, überall suchen wir die kleinen regionalen Märkte auf, schauen was es dort an Wurstspezialitäten gibt und fachsimpeln mit den Einheimischen über Herstellungsverfahren und besondere Gewürze. Und wenn uns eine Idee richtig fasziniert, dann experimentieren wir mit ihr auch zu Hause weiter.“

Den zahlreichen Mitgliedern seiner Familie scheinen die Ergebnisse jedenfalls zu munden. „Wir haben keinen einzigen Vegetarier unter uns!“ schmunzelt der Fleischer. Und das wolle in der heutigen Zeit ja schon etwas heißen.

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