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Interview mit Pflanzensoziologe

„Wir löschen gerade die Festplatte der Natur“

RINTELN. Professor Dr. Richard Pott ist Vorsitzender der Reinhold-Tüxen-Gesellschaft, die im Juni wieder ein Symposium in Rinteln abhalten wird. Pott ist Pflanzensoziologe - und findet im Interview mit der SZ/LZ drastische Worte zum Umgang des Menschen mit der Natur.

veröffentlicht am 28.12.2017 um 16:53 Uhr

Riesige Acker mit Monokulturen wie Mais sind ein Faktor im Rückgang der Insektenvielfalt. Symbolfoto: Pixabay
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Autor

Hans Weimann Reporter
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RINTELN. Im Juni nächsten Jahres wird der 12. Tüxen-Preis verliehen und findet wieder ein Symposium mit Wissenschaftler aus aller Welt in Rinteln statt. Die Preisverleihung wie das Symposium organisiert die Reinhold-Tüxen-Gesellschaft e.V. in Hannover, deren Vorsitzender Professor Dr. Richard Pott ist.

Pflanzensoziologie ist eine Wissenschaft, die nicht nur einzelne Pflanzen benennt, sondern sich anschaut, was darum herum wächst und blüht – die ganze Pflanzengesellschaft eben. Und das lässt mehr Rückschlüsse auf Boden, Klima und andere Standortfaktoren zu als die bloße Erkenntnis: Dieses Gewächs ist ein Löwenzahn oder ein Gänseblümchen.

Dass die grüne Kulisse, die uns umgibt, keineswegs statisch und anscheinend nur dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen ist, sondern sich unablässig wandelt, ist mit ein grundlegendes Thema aller Tagungen in Rinteln.

Evolution ist eben kein abgeschlossener Prozess, sondern findet vor unseren Augen statt. Zu aktuellen Entwicklungen hat die SZ/LZ Professor Pott befragt.

Es ist der zwölfte Tüxen-Preis, der im Juni vergeben wird. Gibt es Ideen, das Symposium künftig anders zu gestalten? Oder hält das Konzept nach so vielen Jahren noch immer?

Pott: Wir hatten in allen elf Rintelner Symposien immer aktuelle Themen, die noch heute nachwirken. Nur ein paar Beispiele: 1989 ging es um die Buchenwälder, inzwischen sind die Buchenwälder Europas tatsächlich Weltnaturerbe der UNESCO.

Im Jahr 1991 waren die Wattenmeerküsten und Wattenmeerinseln Europas das Thema, heute ebenfalls Weltnaturerbe.

1993 ging es um die Heidelandschaften Europas mit der heute noch gültigen Frage des Erhalts und Naturschutzes.

Im Jahr 2000 war die Biodiversität von Savannen, tropischen Regenwäldern und Wüsten ein wichtiger Beitrag für die EXPO 2000 in Hannover und Grundlage für die Agenda 2000 der EU.

Im kommenden Jahr geht es um die Lebensräume von Inseln im wahrsten Sinne des Wortes. Der Verlust und die Gefährdung solcher meist einzigartigen Lebensräume ist inzwischen ein globales Problem. Unser Konzept für die Symposien ist also nach wie vor aktuell und hält auch noch nach den vielen Jahren seit dem ersten Nach-Tüxen-Symposium unter meiner Leitung im Jahr 1989.

Das Thema Verschwinden von Arten durch die intensive Landwirtschaft ist mit der aktuellen Glyphosat-Diskussion wieder in die Schlagzeilen gekommen.

Pott: Seit 1970 hat die globale Artenvielfalt um etwa 40 Prozent abgenommen. Erdgeschichtlich ist das vergleichbar mit den Folgen von Naturkatastrophen. Dieses Mal ist es jedoch der Mensch, der durch Ausbeutung natürlicher Ressourcen, durch Lebensraumzerstörung, Flächenversiegelung und Überdüngung das derzeitige sogenannte sechste Massensterben verursacht.

Um auf den drohenden Verlust der biologischen Vielfalt von Pflanzen und Tieren aufmerksam zu machen, hatten die Vereinten Nationen das Jahr 2010 zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt erklärt. Trotzdem verarmt die Natur weiterhin.

Damit sind auch die Lebensgrundlagen der Menschen bedroht. Verloren gegangene Biodiversität lässt sich nämlich nicht wieder herstellen. Der Verlust ist vor allem aus evolutionsbiologischer Sicht irreversibel. Wir löschen gerade die Festplatte der Natur. Das habe ich mehrfach auch so veröffentlicht.

(Zuletzt 2016: „Wenn die Festplatte der Natur gelöscht wird“. Hintergründe der Biodiversitätskrise. Centaur 4, 16-20. Auflage 1 121 715 Exemplare.)

Zum Thema Glyphosat: Die problematischen Aspekte moderner Landwirtschaft werden ebenfalls regelmäßig in Fachzeitschriften diskutiert. Riesige Ackerschläge mit Mais und Getreide oder Soja-Anbau prägen das Bild hoch technisierter moderner Agrarlandschaften auf fast allen europäisch dominierten Kontinenten unserer Erde.

Dazu kommen noch hochgedüngte, mit Stickstoff überfrachtete große Grünflächen für die Grasproduktion mit entsprechenden Silage- und Biogasanlagen.

Stickstoffeinträge aus direkter Düngung oder atmosphärische Depositionen haben sich während der vergangenen 150 Jahre verdreifacht, und es ist davon auszugehen, dass diese in vielen Ländern Europas, in Nord- und Südamerika sowie in Asien zunehmen.

Das Problem ist dabei: Stickstoffeinträge beeinflussen viele Ökosystemfunktionen. Beispielsweise die Primärproduktion und Nährstoffkreisläufe und somit auch die zwischen Pflanzenarten wirksamen Konkurrenzmechanismen.

Eine durch Stickstoffeinträge verursachte Verschiebung der Konkurrenz um Licht wird heute als eine der wesentlichen Ursachen für Veränderungen im Artengefüge von Ökosystemen angesehen.

Dazu kommt der Ausfall konkurrenzschwacher Sippen in vielen Pflanzengesellschaften zugunsten stickstoffliebender konkurrenzkräftiger Arten. Ein Vorgang der Entspezialisierung, Vereinheitlichung und Vermassung!

Etwa die Hälfte der Fläche von Deutschland wird landwirtschaftlich genutzt mit 30 Prozent Ackerland und 20 Prozent Grünland. Sowohl der Ackerbau als auch die Grünlandbewirtschaftung haben in den letzten 50 Jahren eine rasante Intensivierung erfahren. Dazu gehört auch die Anwendung von Breitband-Pflanzengiften wie Glyphosat, die auf Kosten und zulasten der Vielfalt der Wildpflanzen geht.

Seit den 1950er und 60er Jahren sank die Artenvielfalt auf den Äckern um 71 Prozent von 24 auf sieben Arten im Norddeutschen Tiefland; im Grünland um 30 Prozent von 27 auf 19 Arten. Das alles ist in der Wissenschaft bekannt und wird auch ständig veröffentlicht. Nur, die Medien übernehmen mit Ausnahme der FAZ diese Themen leider nicht; Glyphosat konnte ja sogar in jüngster Zeit zu einem Parteipolitikum werden!

Als Alexander von Humboldt von seiner Tropenreise 1803 heimgekehrt war, entwickelte er seine „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“. Kann man sagen: Unter dem Klimawandel und dem Eingriff der Menschen lösen sich die klassischen Vegetationszonen auf?

Pott: Regionale Klimaänderungen werden auf der Erde beobachtet. Die klassischen Vegetationszonen im Sinne von Alexander von Humboldt und Grisebach lösen sich natürlich nicht auf! An manchen Orten beobachten wir lokale Verschiebungen von Pflanzenarten in der Höhe in den Gebirgen oder nach Norden in der Tundra. Eine echte Kausalität ist aber nicht nachgewiesen, da Landnutzungsänderungen durch Sukzession oder menschliche Eingriffe, nicht auszuschließen sind.

Im TV war in einer Sendung zu sehen, wie in Burkina Faso ein Wald gegen die Ausbreitung der Wüste gepflanzt wird. Kann man so die Ausbreitung der Wüste stoppen?

Pott: Man pflanzt und begrünt in der Sahelzone, oft sogar erfolgreich, wenn man die Flächen einzäunt gegen den Menschen und sein Weidevieh. Das Projekt in Burkina Faso betreut übrigens eine Arbeitsgruppe der Uni Frankfurt mit Professorin Katharina Neumann.

Neophyten (Anm. d. Red: Pflanzen, die sich in Gebieten ansiedeln, in denen sie vorher nicht heimisch waren) gibt es seit der Renaissance, als adelige Pflanzenjäger losgezogen sind, um Exoten für die Gärten der Könige zu finden. Ist da die Aufregung um Neophyten bei uns nicht übertrieben?

Pott: Manchmal sind Neophyten sehr aggressiv und nicht auszurotten: Mimosa pigra in Nordaustralien, die Mimosenart wächst in Windeseile zu dickem dornenreichen Gestrüpp. Rubus anglo candicans in Tasmanien, Südwest-Australien. Beide verursachen dort Millionen-Schäden. In meinem Buch über „Allgemeine Geobotanik“gibt es Beispiele auch aus Deutschland und Europa, wo Neophyten Millionen-Schäden verursachen: Pennisetum auf den Kanarischen Inseln und Hawaii, unser Besenginster (Cytisus scoparius) in Australien und Neuseeland.

Stichwort: Bio-Ökonomie. Man konnte jüngst lesen, in Pilotprojekten soll erforscht werden, ob Löwenzahn für eine alternative Kautschukproduktion taugt. Sind solche Ideen aus ihrer Sicht realistisch?

Pott: Bio-Ökonomie ist ein Zukunftsthema. Conti in Hannover arbeitet schon länger daran, Naturkautschuk aus geeigneten Pflanzen zu gewinnen, das ist ein sehr realistisches Thema und wird sicherlich zum Erfolg führen.

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