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Daher: Hausmusik, die sich rechnet

Zu wenig Jazz-Clubs für zu viele Musike

RÖHRKASTEN. Es gibt zwei Gründe, erklärt Pianist Béla Meinberg, warum gleich ein Trio im Wohnzimmer von Beate Josten und Dr. Bernward Bock auftreten und zum Jazzkonzert bitten wird.

veröffentlicht am 26.10.2017 um 13:47 Uhr
aktualisiert am 26.10.2017 um 15:50 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Der eine ist, dass der Jazz boomt. Es wird viel mehr Jazz gehört als noch vor Jahren, und es wird naturgemäß auch viel mehr Jazz gespielt, vor allem jungen Leute, „es gibt so viele Musiker wie nie“, sagt Meinberg.

Aber es gibt zu wenig Clubs. Auf einen freien Termin im Monat, erzählt Meinberg, bewerben sich dann 200 Bands, und selbst wenn das Schicksal mal richtig gute Laune hat, was ja selten genug vorkommt, und die eigene Band diesen freien Auftrittstermin erhält, dann, sagt Meinberg, „hast Du auf der anderen Seite natürlich 199 Bands etwas weggenommen.“ Das will er nicht, also muss man neue Wege gehen, und immer mehr liest man von kleinen, aber feinen Konzerten in Hinterhöfen, an neuen Orten, mit jungen Menschen, die ein paar Euro Eintritt zahlen und entdecken wollen, wie das wirkt, was der große Ulrich Stock vor ein paar Wochen im Zeit-Magazin so wundervoll beschrieben hat: „jenes Schweben der Seele“, wenn der Jazz einen mitreißt – und warum es völlig okay ist, wenn man geht, weil man an diesem Abend mit dem gespielten Jazz nichts anfangen kann. Nur hingehen, das sollte man halt.

Pianist Béla Meinberg, Kontrabassspieler Tilman Oberbeck und Schlagzeuger Jan-Phillip Meyer, die gemeinsam seit zwei Jahren das Meinberg-Meyer-Oberbeck-Trio bilden, haben sich für einen anderen Weg entscheiden, um spielen zu können. Sie geben Hauskonzerte, sie kommen vorbei und spielen, nur eine Bedingung muss erfüllt sein, sagt Meinberg, es muss einen Flügel geben, logisch. Auf diesen Hauskonzerten werden dann Listen ausgelegt, dort kann man sich eintragen, wenn man einem musikalischen Besuch interessiert ist, und wenn die Liste gut gefüllt ist, erklärt Meinberg, dann setzt er sich hin und erstellt einen Art Tourneeplan: Es geht durch ganz Deutschland, am besten eine ganze Woche, ein Konzert folgt dem nächsten. Am Tag zuvor ist er mit seinen beiden Mitspielern in Minden aufgetreten, also einer musikalischen Jazz-Hochburg, am Schluss ging der Hut rum, damit gespendet werden konnte, und was soll er sagen? Es war das finanziell zweiterfolgreichste Konzert, seit sie unterwegs sind.

Denn das ist der zweite Grund für die Hauskonzerte: Sie rechnen sich besser als ein Auftritt im Jazz-Club, erzählt Meinberg, und erklärt es so: Man muss beim Club-Konzert vorher dort üben, es gibt dann zwei Sets, und anschließend, wenn es hochkommt, 50 Euro pro Nase und Auftritt. Dann lieber auf Tournee, dort hat man zudem die Chance, sich eine Fangemeinde zu erspielen, und die Mundpropaganda sollte man auch nicht unterschätzen. In Röhrkasten ist die ehemalige Diele bei Beate Josten und Bernward Bock mehr als gut gefüllt, kein Platz bleibt frei, es ist die Konzertpremiere, weitere sollen und werden folgen, und warum sie hier spielen, ist schnell erzählt, Josten und die Mutter von Meinberg haben im Rahmen ihrer Ausbildung mal zusammen gewohnt, daher hat Béla Meinberg kurzerhand angefragt: Können wir bei euch spielen?

Und das Trio ist schon toll, gefesselt von der Dynamik, dem klanglichen Variantenreichtum und dem Sinn für einen dramaturgisch stimmigen Spannungsaufbau ihres Spiels werden die Zuhörer schnell abgeholt, und wer möchte, kann bei dem jungen Trio etwas heranreifen hören, was im aktuellen Jazz allzu häufig fehlt: Haltung und Eigenständigkeit, Spielfreude und Spaß.

Im Januar erscheint ihre erste CD.

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