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Großeinsatz beim Moorbrand: Wir haben die Feuerwehrleute und THW-Helfer besucht

Schaumburger im Kampf gegen den unsichtbaren Feind

MEPPEN/LANDKREIS. Es wird Nacht im Moor. Rauchschwaden vereinen sich mit Nebelbänken zu gespenstisch aussehenden Gebilden. Der Mond hat einen Hof, er wird immer wieder von Wolken verdeckt. Ingo Waltemathe schwingt sich auf den Fahrersitz, dreht den Zündschlüssel um und startet den 131 PS starken Motor des blauen THW-Unimogs. Der Motor brummt gleichmäßig. Waltemathe drückt aufs Gaspedal. Für den THW-Helfer aus Rinteln beginnt jetzt eine Zwölf-Stunden-Schicht.

veröffentlicht am 29.09.2018 um 11:15 Uhr

Achtung! Lebensgefahr! Feuerwehrleute löschen nur dort, wo Kampfmittelexperten grünes Licht gegeben haben. Foto: leo
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Leonhard Behmann Volontär zur Autorenseite
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Er hat eine wichtige Aufgabe. Ohne ihn würde beim Moorbrand in Meppen keine Pumpe laufen. Mit seinem Lastwagen fährt der ehrenamtliche THW-Helfer die Einsatzstellen ab. „Die vielen Lösch- und Hochleistungspumpen, Stromaggregate und Fahrzeuge haben Durst – sie brauchen Dieselkraftstoff“, sagt er und lacht. Neben ihm auf dem Bock sitzt Henning Fuchs. Gemeinsam fahren die beiden THW-Helfer heute die Ostroute.

Es sind Männer wie Waltemathe und Fuchs, die dafür sorgen, dass Pumpen rund um die Uhr Löschwasser aus der Ems und der Nordradde ins Moor fördern können und Feuerwehrfahrzeuge nicht liegenbleiben. Waltemathe steuert den schweren THW-Lastwagen von einer Panzerstraße, die sich auf dem von der Öffentlichkeit streng abgeschirmten 200 Quadratkilometer großen Waffentestgelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 bei Meppen liegt.

Sein Ziel ist der Ort Groß Stavern. Dort stehen zwei große Hochleistungspumpen – und die brauchen dringend Treibstoff. Auf der Ladefläche des Unimogs steht eine Dieselbombe. Sie fasst 900 Liter Kraftstoff. Waltemathe parkt seinen Lastwagen neben der Pumpe ein.

Ohne ihn und seine Dieselbombe läuft nichts – der Rintelner Ingo Waltemathe vom THW Bückeburg liefert Treibstoff aus. Foto: leo
  • Ohne ihn und seine Dieselbombe läuft nichts – der Rintelner Ingo Waltemathe vom THW Bückeburg liefert Treibstoff aus. Foto: leo
Herr der Feldbetten – Zugführer Felix Blohm vom THW Stadthagen sorgt dafür, dass erschöpfte Helfer zur Ruhe kommen. Foto: leo
  • Herr der Feldbetten – Zugführer Felix Blohm vom THW Stadthagen sorgt dafür, dass erschöpfte Helfer zur Ruhe kommen. Foto: leo
Unterstützung aus der Luft – mit einem großem Transporthubschrauber werden Brände gelöscht. Foto: leo
  • Unterstützung aus der Luft – mit einem großem Transporthubschrauber werden Brände gelöscht. Foto: leo

Dann rollt er einen Schlauch aus. Sein Kollege Fuchs aus Leer hilft ihm dabei. Die beiden kannten sich vor dem Moorbrand nicht. Nun sind sie ziemlich beste Freunde. „Der Einsatz schweißt zusammen. Alles klappt super“, sagt Waltemate, während er die Zapfpistole in die Tanköffnung der Riesenpumpe schiebt. Waltemathe gibt seinem Kollegen ein Zeichen und schon fließt leise gluckernd Diesel in den Tank.

Der Rintelner füllt den Tank, während die Hannibal-Pumpe auf Hochtouren läuft. Anders geht es nicht. „Sonst läuft kein Löschwasser durch die Schläuche ins schwelende Moor“, sagt der 50-Jährige.

Waltemathe, der hauptberuflich bei der Straßenmeisterei Rinteln arbeitet, engagiert sich in seiner Freizeit ehrenamtlich beim THW in Bückeburg. Beim Moorbrand zu helfen, ist für ihn selbstverständlich. Froh ist er, dass sein Chef ihn dafür vom Dienst freigestellt hat. „Mein Meister hat gesagt: Fahr nach Meppen – Moorbrand löschen geht vor“, erzählt Waltemathe. Nach wenigen Minuten ist die Pumpe vollgetankt. Der THW-Schirrmeister rollt den Dieselschlauch wieder ein. Der Pumpmaschinist bekommt noch eine Tankquittung. „Papierkram eben“, meint Waltemathe. „Muss sein.“ Dann besteigt das Tank-Team den Unimog und fährt zur nächsten Pumpe.

Zeitgleich, 18 Kilometer südwestlich, sind andere Helfer aus dem Schaumburger Land im Einsatz. THW-Helfer aus Stadthagen haben in Meppen die Sporthalle der Berufsbildenden Schulen zu einem Feldlager umgebaut. 400 Feldbetten hat der Zugtrupp aus Stadthagen aufgestellt. Helfer aus Rinteln und Stadthagen haben sie von Garbsen ins Emsland gebracht. Sportunterricht findet hier nicht mehr statt. Zugführer Felix Blohm ist gemeinsam mit Thomas Gralki, Maximilian Boldt und Handan Genç für den Massen-Schlafplatz verantwortlich. In der beheizten Turnhalle ruhen sich Feuerwehrleute aus ganz Niedersachsen aus. „Tagsüber löschen die Freiwilligen im Moor, nachts schlafen sie in unserem Fünfsterne-Hotel Hilton Meppen“, macht Blohm Spaß und lächelt dabei. Und tatsächlich – an der Tür zur Sporthalle klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Fünfsterne-Hotel Hilton“. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Die THW-Helfer wollen die erschöpften Feuerwehrleute aufmuntern. Auch deshalb denken sie sich jeden Tag einen Spruch des Tages aus. Heute lautet er: „Es gibt nichts Schlimmeres für einen Feuerwehrmann, als das Feuer nicht zu sehen“. Der Spruch spielt auf den unterirdischen Schwelbrand im Moor an. „Es sind die kleinen Sachen, die aufmuntern“, sagt der THW-Zugführer. Sein Kollege Thomas Gralki verteilt gerade Bilder auf den Feldbetten – die haben Kinder aus dem Emsland für die Einsatzkräfte gemalt, als Dankeschön. „Das ist wirklich eine tolle Geste. Erfahrene Feuerwehrleute haben Tränen in den Augen, so berührt sind sie. Das ist ganz großes Kino“, meint Blohm, den die Dankeswelle überrollt hat. Berührt sind die Helfer auch von der Hilfsbereitschaft im Emsland. Bürger haben sich zusammengetan, um den Helfern etwas Gutes zu tun. „Angefangen hat es damit, dass eine Frau an der Sporthalle vorgefahren ist und gefragt hat, ob jemand mal mit anfassen kann. Sie hatte den ganzen Kofferraum voll mit Lebensmitteln – für die Helfer von THW und Feuerwehr“, erzählt der 30-Jährige aus Meerbeck. Mittlerweile beteiligen sich auch Unternehmen an der Aktion, kommen jeden Tag mehrere große Lieferungen mit Süßigkeiten, Obst, Backwaren, Getränke und vieles mehr. Bewegung kommt auf. „Besonders schnell sind Energy Drinks vergriffen“, verrät Blohm und grinst. „Die halten nämlich wach.“ Feuerwehrleute aus der Wesermarsch treffen in der Sporthalle ein. Zugführer Blohm begrüßt sie, zeigt ihnen den Weg zu den Feldbetten. Man sieht den Brandschützern die Erschöpfung an.

THW-Helfer haben ein Hausmeisterbüro zur Einsatzzentrale umfunktioniert. Über Funk kommt gerade die Meldung rein, dass weitere Feuerwehrleute kommen werden. Um 8 Uhr geht die 12-Stunden-Schicht der vier Helfer aus dem Schaumburger Land vorerst zu Ende. In anderthalb Stunden werden sich auch Waltemathe und Fuchs aufs Ohr legen. Die Turnhallen-Nachtschicht liegt da schon flach. Am Abend werden die heimischen Helfer wieder Dienst schieben. „Das, was wir hier erleben ist schon beeindruckend. Auch wenn wir nicht direkt an vorderster Front beim Feuer sind, sind wir ein wichtiger Teil des großen Ganzen“, sagt Blohm. THW-Mann Waltemathe sieht das auch so. „Ich bin ziemlich kaputt, aber happy“, meint er als die Sonne den Mond am Firmament verdrängt. Während der Rintelner ins Bett geht, fängt für weitere Einsatzkräfte aus dem Schaumburger Land erst der Dienst an. Die Feuerwehrleute helfen mit einem Wassertransportzug beim Löschen des Moorbrandes. Mit Tanklöschfahrzeugen aus Exten, Bückeburg, Meinsen-Warber-Achum, Gelldorf und der Kreisfeuerwehr pumpen die Schaumburger Einsatzkräfte im Sperrgebiet Wasser zu einem Speicherbecken im Moor. „Dort kann die Bundeswehr-Feuerwehr das Löschwasser entnehmen und dann das Moor fluten“, sagt Peter Kipper. Der Bückeburger leitet den Wassertransportzug. Die Motoren und Pumpen der Tanklöschfahrzeuge brummen gleichmäßig. Schläuche liegen auf dem sandigen Feldweg, sie führen ins nirgendwo. Das Gelände ist nicht kartiert, Google Maps zeigt nur eine grüne Fläche. Kipper überprüft den Druck an der Pumpe. „Alles läuft rund“, sagt er und nickt zufrieden. Mit den Pumpen der fünf Tanklöschfahrzeuge erhöhen die Freiwilligen den Druck in den oberarmdicken Leitungen, damit das Wasser auch in dem einige Hundert Meter entfernten Moor ankommt. Das Team um Kipper arbeitet die ganze Nacht durch. Trotzdem sind alle frohen Mutes. „Wir freuen uns, dass wir helfen können“, sagt Kipper. THW-Helfer aus Stadthagen bauen zur gleichen Zeit im unwegsamen Gelände mit einem Radlader provisorische Wege, damit die Bundeswehr auch dort löschen kann. Mit Lastwagen bringen sie Kies ins Moor und beseitigen Schlaglöcher und Spurrillen. Wie lange der Einsatz, an dem Helfer aus ganz Deutschland teilnehmen, noch geht – niemand kann das sagen. „Das kann sich noch über ein paar Wochen hinziehen“, meint ein Bundeswehr-Feuerwehrmann im zarten Morgenlicht der aufgehenden Sonne. Aber letztlich könne das niemand vorhersagen.




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