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Aktionen seit August

90 Jahre Wildnis - So wird im Wisentgehege gefeiert

WESERBERGLAND. Im Wisentgehege Springe steigt an diesem Wochenende (15./16. September) die große Feier zum 90. Geburtstag. Bereits seit Anfang August gab es Aktionen zum Jubiläum und auch in den nächsten Wochen und Monaten ist noch einiges geplant. Wir haben mit Wisentgehege-Chef Thomas Hennig gesprochen.

veröffentlicht am 15.09.2018 um 07:30 Uhr

Die Wisente sind nicht nur Namensgeber für den Wildpark, sondern ihr Erhalt stellt auch einen Teil der Arbeit des Wildparks dar. Foto: MISCHER/ HENNIG
Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite
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Feste soll man feiern, wie sie fallen. Und ein 90. Geburtstag, das ist schon was. Andererseits: Wäre das Wisentgehege ein Mensch, wäre es schon lange im Ruhestand. Davon ist der Wildpark am Rande der Sauparkmauer aber weit entfernt – obwohl ihm der Landesrechnungshof jüngst eine öffentliche Rüge wegen zu hoher Ausgaben erteilt hat: Der Geburtstag soll gefeiert werden. Das Programm ist bunt – die Wildpark-Manager denken schon weiter.

Thomas Hennig kennt den Park zwar nicht von Anfang an – aber fast. Als sein Vater Joachim Hennig 1972 das Forstamt Mühlenbrink übernimmt – und damit auch für das im Entstehen begriffene Wisentgehege verantwortlich wird, war Hennig acht Jahre alt. „Natürlich gibt es sentimentale Momente. Die hängen nicht unmittelbar mit unserem Jubiläum zusammen, sondern mit Erinnerungen an meinen Vater, meine Kindheit“, sagt Hennig. Bei der Weiterentwicklung des Geheges müsse er manchmal „Dinge verändern oder gar abschaffen, die in der Zeit meines Vaters innovativ, vorbildlich und erfolgreich waren“ – sich heute aber überholt hätten.

Ich habe das große Glück, das erleben zu dürfen, wovon die Initiatoren des Wisentgeheges nur träumen konnten.

Thomas Hennig, Wisentgehege-Chef

Bei der Freiflugvoliere war es der Sturm, der eine Kompletterneuerung notwendig gemacht hat. Der Neubau kann sich sehen lassen und ist so etwas wie ein Geburtstagsgeschenk des Fördervereins für das Wisentgehege: Kostenpunkt rund 80 000 Euro, die Arbeiten sind so gut wie abgeschlossen.

Thomas Hennig hat mit seinem Team für den 90. des Wildparks eine Menge vorbereitet. Foto: MISCHER/ HENNIG
  • Thomas Hennig hat mit seinem Team für den 90. des Wildparks eine Menge vorbereitet. Foto: MISCHER/ HENNIG

Hennig lobt das Engagement der Ehrenamtlichen ausdrücklich. „Ein absolutes Muss für Einrichtungen wie das Wisentgehege ist die Akzeptanz und Identifikation der örtlichen Bevölkerung.“ Da sieht er den Park auf gutem Weg. „Die Entwicklung unserer Jahreskarten von wenigen Dutzend auf über 8000 und das Wachsen des Fördervereins auf über 1600 Mitglieder sind tolle Anzeichen dafür.“ In einer Region, in der Tourismus fast keine Rolle spiele, sei die örtliche Bevölkerung überlebenswichtig für den Park.

Hennig sitzt mit oliv-grüner, kurzärmeliger Weste mit dem Aufdruck Wisentgehege auf einer Bank vor der Baustelle, die Beine locker angewinkelt, Besucher flanieren vorbei, grüßen, er grüßt zurück, nickt und lächelt. Bei allem Grund zur Freude, den solch ein Jubiläum bereitet: Es gibt auch Probleme, die den Wisentgehege-Chef beschäftigen. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Landesrechnungshof: Zum wiederholten Mal hat er das Defizit des Wildparks, bis zu 400 000 Euro im Jahr, bemängelt. Der Wildpark-Chef stellt klar: „Der Landesrechnungshof ist ganz sicher eine notwendige und seriös arbeitende Einrichtung.“ Grundsätzlich hält Hennig es für wichtig, „dass der öffentlichen Hand ein wenig beim Einsatz von Steuergeldern auf die Finger geschaut wird.“ Er bedauere sehr, dass es ihm und seinen Vorgesetzten wie auch deren Vorgängern „in schöner Regelmäßigkeit bisher nicht gelungen ist, unser Tun so zu erklären, dass es beim Landesrechnungshof Gefallen findet“. Wenig Verständnis kann Hennig indes für die Überschrift des Rechnungshof-Berichts aufbringen: „Mit wisentlich zoo teuer verwendet der Rechnungshof ein Plagiat aus der erfolgreichsten und witzigsten Werbekampagne fürs Wisentgehege. Ich finde, dass diese geklaute Überschrift der Ernsthaftigkeit eines Berichtes, der gerne das Ende einer 90-jährigen Tradition einläuten würde, nicht gerecht wird.“

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Die Historie

  • Der Wisent ist sowohl das größte Tier Europas als auch Namensgeber für das Wisentgehege in Springe. Nach dem Ersten Weltkrieg bis in die 30er Jahre gehörte das Herdentier durch Krankheit und Wilderei noch zu den vom Aussterben bedrohten Arten.
  • Das bewegte im Jahr 1928Vertreter von Naturschutz und Frostverwaltung zum Bau eines sechs Hektar großen Schutzgeheges für die Wisentzucht. So waren zwei Bisonkühe und zwei Wisent-Bison-Hybriden die ersten tierischen Bewohner der Anlage. Ziel war eine reinblütige Zucht von Wisenten – bis heute wurden 350 Flachland-Kaukasus-Wisente in Springe geboren.
  • Im Jahr 1936war die Anlage erstmals auch für Besucher zugänglich. In den 50er Jahren entwickelte sich das Wisentgehege zunehmend zu einem Wildgehege. Die inzwischen 90 Hektar große Fläche beheimatet heute über 100 Wildtierarten.
  • Seit vielen Jahrenbetreibt das Wisentgehege eine Wolfstierhaltung, die 1981 ins Leben gerufen wurde. 2013 kamen von Hand aufgezogene Polarwölfe hinzu, die über ein gesondertes Gehege verfügen. Das übrige Wolfsrudel lebt in einer Wolf-Bär-Gemeinschaftsanlage, die 1990 eingeweiht wurde. Im gleichen Jahr begann der Neubau einer Eulen- und einer Vielfraßanlage sowie die Eröffnung der großen Greifvogelvoliere.
  • Im Jahr 2002folgte mit der Gründung des Falkenhofes ein neues, großes Projekt. Der zum Wisentgehege gehörende Hof bietet Flugdarbietungen von Falken, Adlern und Eulen. Der Falkenhof wurde seit seiner Gründung immer wieder erweitert und ausgebaut. Erste Erfolge in der Greifvogelzucht kamen 2009. Inzwischen sind dort 60 Tag- und Nachtgreife zu finden.
  • 2003übernahm der heutige Chef des Wisentgeheges, Thomas Hennig, die Leitung.
  • In den Folgejahren wurde das Angebot auch für die Besucher mit Shop, Restaurant und Spielplatz ausgebaut.
  • 2017startete ein Rentierprojekt, das unter anderen eine Erlebnisübernachtung im Rentierlager ermöglicht. Neben den Besucherattraktionen steht die Artenerhaltung und die damit verbundene Zucht aber noch immer im Vordergrund. Nicht umsonst gehören seltene Sorraia- und Urwildpferde zu den Tieren im Wildpark.

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Unterm Strich zieht Hennig eine überaus positive Bilanz der Geschichte des Wisentgeheges: „Ich habe das große Glück, das erleben zu dürfen, wovon die Initiatoren des Wisentgeheges nur träumen konnten: Aus 54 Tieren ist es uns gemeinsam gelungen einen Bestand von 6500 Tieren zu entwickeln.“ Inzwischen lebten wieder mehr Wisente in Freiheit als in Menschenhand. „Ich engagiere mich persönlich sehr für die Erhaltungszucht des Wisents.“ Unter anderem betreut Hennig das Regionalzentrum Nord des Europäischen-Bison-Erhaltungszentrums, ist Mitglied in der European Bison Friends Society und bei vielen anderen Wisent-Schutz-Organisationen.

Aber: „Die Erhaltung des Wisents ist eine Erfolgsgeschichte … Bis hierher. Er ist aber bei Weitem noch nicht gerettet.“ In der Bedrohung der Art spiele der Wisent in der Liga des Schwarzen Rhinozeros und Sibirischen Tigers. „Über diese Arten spricht die ganze Welt. Über Wisente leider nur wenige“, sieht Hennig sich und das Wisentgehege in der Pflicht, weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten.

Und das macht ihm dann auch noch Spaß: „Was mir besonders gut gefällt, ist das Arbeiten mit Tieren und das Arbeiten für Tiere.“ Das führe dazu, dass fast kein Tag dem anderen gleiche. „Das Wisentgehege ist ein traumhafter Arbeitsplatz und ich bin umgeben von Menschen, die das genauso empfinden und mit der gleichen Motivation zur Arbeit kommen.“

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Drei freie Wünsche

Zum Geburtstag darf man sich ja immer was wünschen. Wir haben den Chef des Wisentgeheges, Thomas Hennig, gefragt, was er sich für den Wildpark wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. Hennig stellt dabei zunächst klar, dass die Sache mit dem Wünschen nach bestimmten Regeln abläuft: „Gewöhnlich bietet die gute Fee ja drei Wünsche an… (lacht). Was auch immer ich mir wünsche und umzusetzen versuche, wird sich immer an den Schwerpunkten Artenschutz, Umweltpädagogik und Attraktivität für Besucher orientieren. Dies sind meine persönlichen Wünsche. Sie sind völlig unabgestimmt und stellen keine konkreten Planungen dar.“ Daraufhin zählt er drei Dinge auf, die er gern angehen würde.

  1. Gerne würde ich im Wisentgehege das umweltpädagogisch und weltpolitisch kommende Topthema bearbeiten: Wasser als Rohstoff und als Lebensraum. Sozusagen von der Hallerquelle bis ins Wattenmeer.
  2. Darüber hinaus würde ich gerne unser Artenspektrum erweitern. Der eurasische Kontinent bietet da so einige Tierarten und Möglichkeiten. Etwa katzenartige Raubtiere wie Schneeleopard oder Kaukasus-Leopard. Im Bereich der großen Pflanzenfresser begeistern mich Moschusochsen.
  3. Im Wisentgehege fehlt der Blick in die Extreme. Ich wünsche mir den Besucherblick unter die Erde. Was spielt sich eigentlich unter den Eichen ab? Wie leben Maulwurf, Maus, Regenwurm und Co.? Umgekehrt stellt sich aber genauso die Frage nach dem Leben und der Tierwelt in den Baumkronen.
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Das Programm

Die Schirmherrschaft für die Feierlichkeiten unter der Überschrift „90 wilde Tage“ hat Ministerpräsident Stephan Weil übernommen. Im Zentrum der Feier: die große Geburtstagsparty am 15. und 16. September. Ein großes Fest für Familien mit ganz buntem Programm für Kinder, mit Sonderführungen und Spezialinfos soll es werden. Landesumweltministerin Barbara Otte-Kinast aus Bad Münder hat ihren Besuch angekündigt und wird auf dem Falkenhof zu den Besuchern sprechen. Am Sonnabend, 22. September, sollen 362 Fackeln auf dem Duellplatz leuchten – für jeden im Wildpark geborenen Wisent eine. Am 30. September dreht sich schließlich einen ganzen Tag lang alles um Waschbären. Am 6. Oktober folgt eine Abendführung mit Fütterung der Raubtiere. Und am 14. Oktober folgt das Kürbisfest, sowie am 27./28. Oktober schließlich das Hubertusfest.

Online: Das Programm ist im Internet abrufbar auf der eigens dafür eingerichteten Seite www.90wildejahre.de




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