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Die alten Rittersleut

Ärchäologen haben die Überreste der Lügder Schildburg freigelegt

Archäologen kommen geradezu ins Schwärmen: Die Lügder Schildburg ist ein interessantes Zeugnis über das Leben im 13. Jahrhundert. Wissenschaftler aus Detmold und Bochum haben mit tatkräftiger Hilfe des Lügder Heimat- und Museumsvereins und mit der Unterstützung des örtlichen Bauhofs die Reste einer Wehrburg freigelegt, die viel darüber berichtet, wie die Menschen zu der damaligen Zeit lebten. Wir haben schon mal ganz genau hingehört.

veröffentlicht am 01.05.2018 um 09:00 Uhr

Josef Hoppenstock vom Lügder Heimat- und Museumsverein zeigt eine Steinplatte des Backofens, an dem Grabungsleiter Johannes Müller-Kissing (re.) und Helfer stehen. Foto: yt
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Carlhermann Schmitt Reporter
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Sieben Wochen in diesem Jahr und im letzten Jahr schon einmal sechs Wochen lang beschäftigte sich das Team um Grabungsleiter Johannes Müller-Kissing vom Lippischen Landesmuseum Detmold mit der Spurensuche auf dem Lügder Schildberg. Dabei förderten die Archäologen den Grundriss einer Burg zutage, die einst offenbar auf Kalksteinboden errichtet werden sollte. „Sie war noch nicht fertig“, zeigt Müller-Kissing, dass der Burggraben noch nicht um die ganze Burg herumreichte. Gerade dieser unfertige Zustand des Bauwerks lässt interessante Rückschlüsse zu: „Wir haben die Überreste verbrannter Holzgebäude gefunden“, sagt der Grabungsleiter. Das heißt also, dass die Schildburg nicht als Verwaltungssitz zum Renommieren gebaut wurde, sondern schlicht zur Verteidigung. Andernfalls wären die Gebäude wohl aus Stein errichtet worden. „Diejenigen, die die Burg errichten ließen, wollten, dass zuerst die Verteidigungsanlagen fertig sind, bevor die angenehmeren Gebäude gebaut werden sollten.

Und wem gehörte die Burg? Diese Frage kann Müller-Kissing nicht beantworten. Zu dieser Zeit bemühten sich in dieser Gegend die Pyrmonter, die mit den Kölnern verbandelten Schwalenberger und die Lipper um die Vorherrrschaft. Zwei Jahre lang haben vermutlich mehr als zwei Dutzend Arbeiter an der Burg gebaut. „Sie haben einen über sechs Meter breiten und auch sieben bis neun Meter tiefen Graben aus dem Gestein gepickelt und waren auch schon ziemlich weit gekommen.“ Es scheint also, als sei durchaus Finanzkraft vorhanden gewesen.

Das können die Archäologen auch anhand der Funde erkennen: Zum einen fanden sie Scherben von glasiertem Tongeschirr, das deutlich wertvoller war als übliches Steingut. Ebenso entdeckten sie ein Teil einer Messerklinge, die filigraner geschmiedet war als die damals herkömmlichen Klingen. „Es war also ein hochgestellter Ritter, der hier mit der Burganlage betraut wurde“, folgert Müller-Kissing.

Johannes Müller-Kissing mit Pfeilspitzen. Foto: yt
  • Johannes Müller-Kissing mit Pfeilspitzen. Foto: yt
Heinz Reker, Jürgen Gansler, Josef Hoppenstock, Johannes Müller-Kissing und Heimatforscher Dieter Stumpe betrachten einen Ausschnitt des Wehrgrabens. Foto: yt
  • Heinz Reker, Jürgen Gansler, Josef Hoppenstock, Johannes Müller-Kissing und Heimatforscher Dieter Stumpe betrachten einen Ausschnitt des Wehrgrabens. Foto: yt
Johannes Müller-Kissing, Jürgen Gansler und Heinz Reker mit einem Tongefäß. Foto: yt
  • Johannes Müller-Kissing, Jürgen Gansler und Heinz Reker mit einem Tongefäß. Foto: yt
Drei Männer schauen zu, eine Frau schippt: Johannes Müller-Kissing, Fachstudentin Alin Lennier, der Techniker im Lippischen Landesmuseum Roland Schaberich und Josef Hoppenstock. Foto: yt
  • Drei Männer schauen zu, eine Frau schippt: Johannes Müller-Kissing, Fachstudentin Alin Lennier, der Techniker im Lippischen Landesmuseum Roland Schaberich und Josef Hoppenstock. Foto: yt
Johannes Müller-Kissing mit Pfeilspitzen. Foto: yt
Heinz Reker, Jürgen Gansler, Josef Hoppenstock, Johannes Müller-Kissing und Heimatforscher Dieter Stumpe betrachten einen Ausschnitt des Wehrgrabens. Foto: yt
Johannes Müller-Kissing, Jürgen Gansler und Heinz Reker mit einem Tongefäß. Foto: yt
Drei Männer schauen zu, eine Frau schippt: Johannes Müller-Kissing, Fachstudentin Alin Lennier, der Techniker im Lippischen Landesmuseum Roland Schaberich und Josef Hoppenstock. Foto: yt

Es sollte schnell gehen, das war dem Auftraggeber bekannt. Deshalb standen nur Holzhäuser im Inneren der Verteidigungsanlagen. Aber es ging nicht schnell genug. Die Grabungen förderten jede Menge Pfeilspitzen zutage. Und zwar hauptsächlich auf der Ostseite der Burg, also dort, wo Löcher im Gestein darauf schließen lassen könnten, dass dort eine Brücke eingelassen war. Von dort kamen also die Angreifer in der Stärke heutiger Touristengruppen. „Man war nicht mit großen Armeen unterwegs, sondern mit vielleicht 40 bis 50 Männern.“ Diese Angreifer lieferten sich mit den Verteidigern ein erbittertes Bogen-Gefecht auf der Ostseite. Geentert wurde die Burg dann aber von der gegenüberliegenden Seite. „Dort war der Graben noch nicht fertig, und die Angreifer konnten die Burg stürmen.“

Ein Unglück für den Burgherrn und dessen Gefolge. Glück für die Altertumsforscher. „Wenn Burgen aufgegeben werden, lassen die Bewohner sie besenrein zurück.“ Nur in diesem Fall, in dem die Burg erobert und vernichtet wurde, haben wir die seltene Gelegenheit, vergessene Alltagsgegenstände und Zerbrochenes zu finden. So wurden ein Metallstück vom Zaumzeug, mit Bleiglasur veredelte Scherben und ein im Ganzen erhaltenes Tongefäß gefunden. „Was irgendeinen Wert besaß, haben die Angreifer natürlich mitgenommen. Und dann die Gebäude abgefackelt.“ Der Brand lässt sich an entsprechenden Verfärbungen an den Steinen ablesen. Ebenso wie das Feuer in dem runden steinernen Backofen, in dem Brot zubereitet wurde, und der noch gut erhalten ist – sehr zur Freude der Archäologen.

Nun werden die Funde ausgewertet. Bald wird auch der Grabungsleiter im Lügder Rathaus über die Erkenntnisse berichten. Die Stadt hatte die 12 000 Euro teure Grabung mit 5000 Euro unterstützt. „Und das hat sich wirklich gelohnt“, zeigt sich Bürgermeister Heinz Reker von den Ergebnissen der Arbeiten begeistert. Heimatforscher Dieter Stumpe, der sich im Rat für die Untersuchungen der Schildburg stark gemacht hatte, hat auch schon Vorstellungen davon, wie die Erkenntnisse nun einfließen sollen in die touristischen Hinweistafeln. Lügde ist um ein Stück Heimatgeschichte reicher.




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