weather-image
13°

Außergewöhnliches Paar sorgte 1953 bundesweit für Schlagzeilen

Als sich eine Hamelnerin in einen Prinzen aus Afrika verliebte

„Schwarzer Prinz, blondes Glück“ – eine so klischeebeladene Überschrift wäre heute verpönt. Doch 1953 begann damit einer von vielen Presseberichten über eine, zugegeben, ungewöhnliche Liebe – die zwischen einem Prinzen aus Nigeria und einer angehenden Abiturientin aus Hameln.

veröffentlicht am 09.03.2019 um 08:00 Uhr

Das Foto aus dem ersten Hamelner Zeitungsbericht wurde weltweit verkauft. Foto: A. Meyer/Archiv

Autor:

Gesa Snell
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Edelgard Grothe besuchte das Viktoria-Luise-Gymnasium und konnte sich 1952 an einem Austausch nach England beteiligen. Es gab etwas Luft im Schuljahr, denn das Abitur fiel 1953 aufgrund einer Schulreform aus. Zwei Wochen lang durften die Hamelner Schülerinnen London erkunden. Selbstverständlich war die U-Bahn das wichtigste Transportmittel. Ganz und gar unerwartet lernte Edelgard dort einen elegant gekleideten, jungen Afrikaner kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Beide tauschten sofort ihre Adressen aus. Die beiden jungen Leute schrieben sich von nun an oft. Eines Tages eröffnete der Jurastudent der Hamelnerin, dass er der älteste Sohn eines nigerianischen Königs sei.

Einige Monate dauerte der Briefwechsel schon, da entschloss Olasupo Awogboro sich, Edelgard in Hameln zu besuchen. Noch nie war er in Deutschland gewesen und natürlich kannte er auch die Sprache nicht. Sein Besuch war also für ihn und seine Brieffreundin ein Wagnis. Deren Eltern waren überrascht, sahen in ihm zunächst aber vor allem einen ausländischen Touristen. Um dem Fremden etwas Typisches zu zeigen, besuchte die blonde Schülerin mit Awogboro eine Aufführung der Rattenfängerspiele. Spätestens jetzt war der nigerianische Prinz Stadtgespräch.

Die Dewezet berichtete über den „seltenen Gast aus dem schwarzen Erdteil“ und schilderte interessiert, aber sachlich seinen familiären und kulturellen Hintergrund. Awogboros Vater herrschte als Oba (König) von Ibokun über 70 000 Menschen. Ibokun lag in der Provinz Lagos. Der Prinz zeigte dem Journalisten Aufnahmen des Königs mit den Insignien seiner Macht. Auf den Bildern war zu sehen, dass Awogboro I. immer mit einer Kopfbedeckung vor das Volk trat. Sein repräsentatives Gewand bestand aus schwerem, kostbarem Stoff. Der geschnitzte Holzthron wurde dem König stets hinterhergetragen. Ein Federbusch, eine Art Zepter, unterstrich seine Würde.

2 Bilder
Die seinerzeit in der Dewezet erschienene Verlobungsanzeige des außergewöhnlichen Paares. Dewezet: Archiv

Anlässlich des Besuchs des Journalisten trug auch Olasupo Awogboro traditionelle Kleidung. Es war „ein leuchtendblauer Umhang mit weiten Ärmelschlitzen, lange Hosen aus gleichem Material und ein Turban, der ebenso wie sein Gewand mit Brokatstreifen durchwebt ist“. Die Dewezet erwähnte auch, der Prinz studiere in London Jura. Er habe noch eine Prüfung vor sich, dann sei er „fertig zur Rückkehr in die Heimat“. Während sein Vater offenbar 22 Frauen habe, gehöre sein Sohn der anglikanischen Kirche an und trete modern auf.

Eine Woche später hatte Awogboro erfolgreich um Grothes Hand angehalten und das Paar gab seine Verlobung bekannt. Schlagartig wurde die ungewöhnliche Geschichte deutschlandweit und international bekannt. Die Verlobungsfeier wurde zu einem Ereignis, dessen Dimensionen sich keiner der Beteiligten hatte vorstellen können. Presseagenturen berichteten, das Foto aus dem ersten Hamelner Zeitungsbericht wurde weltweit verkauft.

Der Passauer Neuen Presse war das Thema so wichtig, dass sie eigens einen Journalisten nach Hameln schickte. Dieser schilderte das turbulente Geschehen. Vor dem Einfamilienhaus der Familie stand die „Weltpresse“, nämlich ein „Dutzend Reporter namhafter europäischer und überseeischer Zeitungen“. Sie alle wollten von dieser Pressesensation berichten. Aber nicht nur das riesige mediale Interesse schüchterte die Familie ein, wie aus dem Bericht des bayerischen Korrespondenten hervorging. Seit die Verlobung bekannt geworden war, hatte die Familie sehr gemischte Reaktionen erlebt. „Auf den Straßen folgten den Glücklichen die Kinder wie im Rattenfängerzug, Bekannte der Grothes schwankten zwischen Spott und anerkennendem Neid, der Freundeskreis wurde immer enger.“ Am Verlobungstag spitzte sich das „Gezischel“ zu. „In den Vorgärten tuscheln die Frauen ‚So eine Affenschande, ein blondes deutsches Mädchen und dieser Schwarze‘, man rümpft die Nase.“ Eine andere Frau verteidigte die Schülerin: „Wo die Liebe eben hinfällt. Überhaupt, was heißt blond und deutsch? Der Führer ist tot, denke ich.“

Sehr wenige Zeitungen waren bereit, auf eine boulevardeske Darstellung der Hamelner Verlobung zu verzichten. Das Hamburger Abendblatt titelte „Schwarzer Prinz und blondes Glück“, andere Zeitungen formulierten es ähnlich. Vor allem das Thema der Polygamie beschäftigte viele Blätter. Die niederländische Zeitung Het Vrije Volk überschrieb ihre Nachricht über das Hamelner Ereignis mit den Worten „Ein Harem ist auch nicht alles“ und hob besonders darauf ab, dass Awogboro seiner Braut versprochen habe, nur sie zu heiraten.

Ob das internationale Pressespektakel zurück nach Hameln gelangte, ist unklar. Klar ist aber, dass es nicht zur geplanten Hochzeit kam. Das Hamburger Abendblatt hatte anfangs berichtet, das „schwarz-weiße Brautpaar“ wisse noch nicht, wie sich „Awogboro I. zu den Plänen des Paares stellen wird“. Und bald darauf hieß es, der Prinz fahre voraus nach London, „um das Terrain für die Hochzeit zu sondieren“. Möglich, dass der Vater der Hochzeit nicht zustimmte. Möglich aber auch, dass die 19-jährige Schülerin davon Abstand nahm. Gegenüber der Presse hatte sie angegeben, „keine rechte Vorstellung von der Heimat des Prinzen“ zu haben. Für sie sei die Reise nach Lagos also eine „Fahrt in die Ungewißheit“. Edelgard Grothe musste sich mit ihrem Verlobten auf Englisch unterhalten, damals wie heute auch Amtssprache in Nigeria. In einem völlig fremden Umfeld hätte sich die junge Hamelnerin also zunächst mit ihrem Schulenglisch durchschlagen müssen – in jeder Lebenslage. Die Hafenstadt Lagos hatte 1953 bereits rund 300 000 Einwohner. Diese Zahl wuchs Jahr für Jahr um fast zehn Prozent. Die Großstadt unterlag in jeder Hinsicht einem rasanten Wandel. Ganz anders das in der Nähe gelegene Königreich Ibokun. Es ist vielleicht mit einem sehr kleinen Stadtstaat zu vergleichen. Der deutschen Vorstellung von einem Königreich entsprach es vermutlich eher nicht.

Alles in allem barg eine Verbindung mit Awogboro für Edelgard Grothe große Unwägbarkeiten. Noch war Nigeria britische Kolonie und es standen dem Land schwere politische Krisen bevor. Nicht zuletzt hätte sie bei einer Heirat ihre deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben müssen. Statt nach London, Lagos oder Ibokun zu gehen, nahm sie im Rheinland das Studium der Erziehungswissenschaften auf. Dort gründete sie auch ihre Familie.

Olasupo Awogboro blieb in London, absolvierte an der London University weitere juristische Prüfungen. Nach dem Studium kehrte er nach Nigeria zurück und wurde nach erreichter Unabhängigkeit eine Art Staatssekretär in der west-nigerianischen Regierung.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare