weather-image
13°

Peilen, suchen, navigieren – auf der Weser unterwegs mit dem Spezialschiff „Visurgis“

Auf der Jagd nach Untiefen

Das Spezialschiff „Visurgis“ sorgt dafür, dass der Schiffsverkehr auf der Weser sicher abläuft. Mit seinem Echolotsystem scannt es das Flussbett und die Uferzone nach möglichen Gefahrenstellen. Leonhard Behmann hat sich die Arbeit an Bord angeschaut.

veröffentlicht am 04.03.2019 um 18:05 Uhr

Peilleiter Richard Piloth lässt seine Monitore nicht aus den Augen. Auf dem Bildschirm in der Mitte ist farblich dargestellt, wie tief die Weser ist. Foto: leo
Leonhard Behmann

Autor

Leonhard Behmann Volontär zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Richard Piloth blickt konzentriert auf die vier Flachbildschirme, auf denen jede Menge Zahlen, Daten, Zacken, Linien und bunte Flächen zu sehen sind, die immer länger werden und zu wachsen scheinen. Die Farben Blau und Schwarz zeigen ihm, wo es besonders tief ist. Rot und Gelb stehen eher für seichte Gefilde. Ist der Bildschirm grün, ist alles in Ordnung. Die Fächerecholote, die sich rechts und links neben dem Bug sowie in der Mitte des Schiffes befinden, liefern ein exaktes Bild von der Beschaffenheit des Flussbetts und der Uferzonen. Der Vermessungstechniker ist auf der Jagd nach gefährlichen Untiefen und Löchern im Fluss, den sogenannten Kolks.

Der Arbeitsplatz des 29-Jährigen befindet sich an Bord eines auffallend flachen Spezialschiffs. Die schwarz-weiße Hightech-Flunder des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) Minden ist heute auf der Oberweser zwischen Hameln und Rinteln unterwegs. Die „Visurgis“ (lateinisch für Weser) ist 25 Meter lang, 7,5 Meter breit und 70 Tonnen schwer. Das Spezialschiff ist nur vier Meter hoch, hat einen Katamaran-Rumpf aus Stahl und einen flachen weißen Aufbau aus Aluminium.

Die Mission der vierköpfigen Besatzung: eine topografische Karte von der Weser erstellen. „Das ist wichtig, denn die Binnenschiffer müssen sich darauf verlassen, dass die Bundeswasserstraße durchgängig gefahrlos befahrbar ist“, erklärt Piloth. Haben sich durch starke Strömungen Kiesbänke gebildet, müssen sie beseitigt werden. Dann rücken Schwimmgreifer, die Bagger an Bord haben, aus. Die WSA ist eine Bundesbehörde – sie sorgt als Schifffahrtspolizei für Sicherheit auf deutschen Flüssen und Meeren.

3 Bilder
Das Schiff hat drei Fächerecholote, mit denen der Grund gepeilt wird. Sie sind an Hydraulikarmen montiert. Foto: leo

Kein Motor ist zu hören, keine Schwingungen sind zu spüren. „Das wäre auch schlecht für unsere Messungen“, sagt Peilleiter Piloth. Peilen – das bedeutet: Die Echolote senden Schallwellen in Richtung des Wesergrundes aus. Das System macht jeweils zehn Messungen pro Sekunde – und das an 160 Stellen gleichzeitig. „Damit können wir maximal 30 Meter des Grundes peilen“, sagt Piloth. Die Schallwellen werden von der Gewässersole reflektiert. Anhand der Laufzeit zurück nach oben errechnet das Programm die Tiefe. „Brauchen die reflektierten Schallwellen länger, ist es an dieser Stelle tiefer. Sind sie schnell zurück, treffen sie auf eine Untiefe“, erklärt der Peilleiter.

Seine Kollegin Aileen Buhmeier überwacht die Messungen. Für die Peilung der Oberweser bei Rinteln muss die „Visurgis“ die Weser zweimal abfahren. „Ich schaue am Computer, ob beide Messungen zusammenpassen oder ob es Lücken gibt, die noch nicht gepeilt wurden“, sagt die 26-Jährige, während sie den Computer-Bildschirm nicht aus den Augen lässt.

Bis auf ein bis zwei Metern genau werden die Messdaten erfasst. Das passiert über das sogenannte Global Positioning System (GPS). „Die Ortung ist hochgenau“, sagt Piloth. Unter Brücken kommt es allerdings vor, dass der Funkkontakt zu den Satelliten abreißt. Durch die fehlenden Kursdaten entstehen dann Positionssprünge. Buhmeier muss dann die topografische Karte korrigieren. Lautlos gleitet das Peilschiff mit 13 km/h übers Wasser – vorbei an Fischreihern und Möwen, Anglern und Touristen.

Die staunenden Blicke der Spaziergänger nimmt der erfahrene Schiffsführer Ingo Quandt (60) schon gar nicht mehr wahr. Routiniert steuert er das Schiff. Die Hand hat er am Steuerhebel. „Einfach mal so das Schiff mit Autopilot fahren zu lassen, das geht nicht“, sagt Quandt und lacht. „Dafür ist die Oberweser ein zu anspruchsvolles Gewässer, gibt es zu viele Kurven.“ Auch Quandt sieht auf einem seiner Bildschirme den Fluss in den verschiedenen Farben. Er muss das Schiff genau auf Kurs halten. Sonst gibt es Lücken bei der Messung, sind Stellen des Wesergrundes nicht vermessen.

Der 60-Jährige greift zum Funkgerät und meldet den genauen Stromkilometer seines Schiffes. Die dumpfe Stimme des Schiffsführers des Schubschiffes „Lavara“ ertönt durch das Funkgerät. Der Kapitän fragt, ob er ganz normal passieren kann. Ingo Quandt spricht sich mit dem Schiffsführer des Kiesfrachters, der der „Visurgis“ entgegenkommt, ab. Richard Piloth schaut nicht auf den herannahenden Schubverband. Er arbeitet hoch konzentriert, tippt auf der Tastatur Daten ein und beobachtet seine Monitore.

Besonders für die Schiffe, die den Kies auf der Weser transportieren, ist es wichtig, dass immer genug Wasser unter dem Kiel ist und der Grund frei von Untiefen ist. Die starke Strömung des Flusses reißt viel Geröll mit. Das lagert sich in den Kurven ab. Diese Untiefen können für die Schifffahrt gefährlich werden und müssen daher aufgespürt und regelmäßig weggebaggert werden.

Fracht- und Fahrgastschiffe könnten sonst auf Grund laufen. Der Kies darf nicht aus der Weser entnommen werden. Er muss an anderer Stelle verklappt werden“, weiß der Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Minden, Hennig Buchholz. Durch starke Strudel entstehen an der Oberweser aber auch mehrere Meter tiefe Löcher. Diese sogenannten Kolks müssen mit Kies verfüllt werden.

Die „Visurgis“ wird durch einen 250 PS starken Motor antrieben, der am Heck auf Deck montiert ist. Im Inneren des grauen Kastens befindet sich ein sogenannter Schottel-Navigator, der den Propeller antreibt. Das Peilschiff besitzt kein Ruder. „Der Propeller ist nicht nur höhenverstellbar, sondern auch in alle Richtungen drehbar. Dadurch lässt sich das Schiff gut steuern“, erklärt Matrose Sven Jochheim. Die „Visurgis“ sei dadurch sehr wendig und unabhängig von Pegelständen.

Für Kapitän Ingo Quandt bedeutet das: Er muss Fingerspitzengefühl haben. „Das ist schon etwas anderes, als wenn man ein Schiff mit einem Ruder steuert. Das Schiff reagiert auf jede kleinste Veränderung am Steuerhebel“, sagt Quandt. Die Besatzung der „Visurgis“ ist auf der Weser von Hannoversch Münden bis nach Bremen, auf dem gesamten Mittellandkanal sowie dem Elbe-Seitenkanal im Einsatz.

Die niedrige Bauweise des Spezialschiffes spielt dabei eine wichtige Rolle, denn: Die Brücken über die Kanäle sind teilweise nur wenig mehr als vier Meter hoch. „Da geht es dann wirklich um Zentimeter, ob wir durchpassen oder nicht“, sagt der Schiffsführer.

Wenn die Peildaten in der Kartenstelle der Wasserstraßen- und Schifffahrtsdirektion in Hannover ausgewertet worden sind, können sich die zuständigen Ämter die Informationen zum Baggern aus dem Internet herunterladen. Dann wird die Besatzung der „Visurgis“ wieder auf der Jagd nach Untiefen sein – diesmal auf dem Mittellandkanal bei Hannover.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare