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Als die Hexenverfolgung im Weserbergland ihren Höhepunkt erreichte

Auf Folter folgt der Scheiterhaufen

Wäre der Rattenfänger 300 Jahre später erschienen, wäre er wahrscheinlich der Hexerei bezichtigt und angeklagt worden; in den Büchern des 16. und 17. Jahrhunderts wird er als Teufel oder Zauberer bezeichnet. Aber nicht nur er, auch Einwohner von Hameln und der umliegenden Dörfer wurden der Hexerei bezichtigt und angeklagt.

veröffentlicht am 29.09.2018 um 12:40 Uhr

Dieses Ölbild von Anselm Feuerbach aus dem Jahr 1851 zeigt eine junge Hexe auf dem Weg zum Scheiterhaufen. Repro: Meissner

Autor:

Viktor meissner
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Ausgelöst wurden die Hexenverfolgungen vor allem durch eine Bulle des Papstes Innozenz VIII. von 1484 und den 1486 veröffentlichten „Hexenhammer“ von Heinrich Institoris und Jakob Sprenger. So schreibt Jonas Eberhard, ehemaliger Mitarbeiter des Stadtarchivs, eingangs seines Manuskriptes über Hexenverfolgungen in Hameln und Umgebung.

Der Hexenglaube ist keineswegs eine Erfindung jener Zeit, in der die meisten Hexenprozesse stattfanden, sondern war bereits in der Antike bekannt, und das vor- und frühchristliche Nordeuropa sah in der Hexe gar eine gleichermaßen geachtete und gefürchtete Gestalt.

Erst die mittelalterliche Scholastik mit ihrem Dämonenglauben bereitete den Boden für die Hexenverfolgungen, und die Inquisition zog daraus ihre unbarmherzigen Konsequenzen.

So funktioniert die Daumenschraube. Abbildung aus dem Anhang der „Constitutio criminalis Theresiana“ aus dem Jahr 1767. Repro: Meissner
  • So funktioniert die Daumenschraube. Abbildung aus dem Anhang der „Constitutio criminalis Theresiana“ aus dem Jahr 1767. Repro: Meissner

Der erste schriftlich überlieferte Fall eines Hexenprozesses fand 1324 in Irland statt, als die vornehme Lady Alice Kyteler vor ein geistliches Gericht geladen und der Zauberei angeklagt wurde. Der Teufel soll bei ihr in der Gestalt eines schwarzen Katers oder eines Mohren erschienen sein. Der Fall endete mit der Auspeitschung und der anschließenden Verbrennung einer ihrer Zofen.

Einen der ältesten Hamelner Nachweise über einen Hexenprozess fand der Hamelner Chronist Friedrich Meissel im Stadtbuch „Donat“. Er zitiert: „Anno Domini 1413 leet de radt twe toverschen brennen“ (Im Jahr 1413 ließ der Rat zwei Zauberinnen verbrennen).

Gesichert ist, schreibt Jonas Eberhard, dass in der Zeit von 1516 bis 1652 Hexenprozesse stattfanden. Für diesen Zeitraum lassen sich mindestens zweiundzwanzig Frauen und vier Männer nachweisen, die in Hameln und dessen heute zugehörigen Ortsteilen der Hexerei beschuldigt sowie zumeist angeklagt wurden und von denen ein Teil auf dem Scheiterhaufen endete. Gesichert ist, dass vier dieser Frauen und zwei dieser Männer hingerichtet wurden, wobei der Verlauf erhaltener Hexenprozesse ohne Urteil darauf hinweist, dass mindestens sechs weitere Frauen – auf dem Scheiterhaufen oder unter dem Schwert – der Verfolgung zum Opfer fielen. Die Hexenverfolgung in Hameln forderte also mindestens zwölf Tote.

Hamelns Ratsherren hielten am Scheiterhaufen Bier- und Weingelage ab

1532 gab es einen weiteren Hexenprozess in Hameln. Nach dem Gerichtsprotokoll hatte die angeklagte Elisabeth Schlüter die Prinzessin Elisabeth von Brandenburg, Gemahlin von Herzog Erich, mit „Zauberpulver“ vergiften wollen, um einer ihrer Freundinnen zur Gegenliebe des Fürsten zu verhelfen. Vor Gericht bekannte sich die Angeklagte schuldig, ein Pulver aus der „leveren van eyner snaken unde de leveren van eyner slangen unde de leveren van eynem ale“ – also Schnecken-, Schlangen- und Aal-Leber – gemischt zu haben, um die Herzogin zu töten.

Zwei Gehilfen der Schlüter wurden vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, wieder inhaftiert, gestanden trotz Folter aber nichts. Schließlich rieten die um Rat gefragten Magdeburger Schöffen, Urfehde schwören zu lassen und sie der Stadt zu verweisen.

1547 leitete der Stadtvogt Jost Moller ein Verfahren gegen die „Watermansche“ wegen Zauberei ein, die nach der „peinlich geführten“ Hauptverhandlung (Folter) durch den Rat verbrannt wurde.

1572 stand Ilse Brosinnen aus Frankfurt wegen „Zauberei und Geldgrabens“ vor Gericht und 1574 ließ der Rat den „Zauberer und Kristallseher“ Hermann Rauen hinrichten.

Letztmalig fand in Hameln 1657 ein Hexenprozess statt, in dem der Schumacher Cord Silemann aus Aerzen wegen Zauberei angeklagt war. Die zugehörigen Kämmereirechnungen lassen alle Einzelheiten bis hin zum Ende des Unglücklichen deutlich erkennen. Demnach wollte sich der Verfolgte an der Weser bei Helpensen aus Angst selbst entleiben, wurde jedoch gefangen und seine Wunden, die er sich mit einem Messer beigebracht hatte, behandelt. Anschließend steckte man ihn ins „Blumenloch“ des alten Rathauses. Während seiner verschiedenen Verhöre labte sich der Rat – auf Kosten der Ratskasse – an Getränken.

Nach Einholung eines Gutachtens der juristischen Fakultät der Universität Rinteln unterwarf man ihn der Folter. Das schließlich gefällte „peinliche Endurteil“ lautete auf Scheiterhaufen, dessen letzter Akt am 16. Dezember an der Alten Heerstraße vor dem Ostertor in der Nähe der Rohrser Warte stattfand. Ein Bier- und Weingelage der Ratsherren – wieder auf Kosten der Ratskasse – bildete den Abschluss.

Vor allem aber im Schaumburgischen gab es viele Hexenprozesse. Berüchtigt waren auch die Teiche nahe der Arensburg, weil hier Hexenproben vorgenommen wurden. Dazu wurden die in einer bestimmten Weise gefesselten Delinquentinnen (linker Arm an rechtes Bein und umgekehrt) ins Wasser geworfen. Gingen sie unter, nahm das „reine Wasser“ sie an und ihre Unschuld war erwiesen. Ertranken sie dabei, war das ein „Formfehler“. Schwammen sie hingegen oben, waren sie schuldig und wurden exekutiert.

Einen Ruf als wahre „Hexenuniversität“ verschaffte sich Rinteln mit seinen Gutachten der juristischen Fakultät. Die Gelehrten wurden bei Hexenprozessen oft hinzugezogen und urteilten meist gegen, fast nie für die Angeklagten. War der erste Gerichtstermin mit all seinen Demütigungen, Verunsicherungen und Falschaussagen überstanden und war die Aussage des völlig verschüchterten und Verängstigten Angeklagten nicht befriedigend, rückte der Folterkeller in greifbare Nähe. Wenn sie unter den Qualen starben, hieß es, der Teufel habe sie geholt. Überlebten die Angeklagten die Folter, folgte der Scheiterhaufen.

Als der Hexenwahn seinen Höhepunkt erreicht hatte, reichten die herkömmlichen Mittel zur Verbrennung offenbar nicht mehr aus. Es mangelte an der Beschaffung von Holz, so dass sich 1587 die Vasallen von Münchhausen und von Post beim Landesherren wegen der vielen Holzfuhren für die Hexenverbrennungen beschwerten.

Bald darauf kam man auf die Idee, die Verbrennungen in eigens dafür gebauten Backsteinöfen vorzunehmen; diese Öfen ähnelten denen zum Brotbacken. Sechs Hexen konnten darin untergebracht werden; nach einer Brennzeit von etwa drei Stunden blieb nur noch Asche übrig.




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