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Der Lügder Walther Lehnert wohnte in einer „Schatzkammer“ / Kunst zwischen Biedermeier und Historismus

Ausflug in die Welt eines Sammlers

„Sammler sind glückliche Menschen“, hat Goethe einmal gesagt. Der Lügder Walther Lehnert hat seine Sammelleidenschaft zeitlebens intensiv ausgelebt. Wer die Schwelle seines Hauses an der Mühlenstraße überquerte, fand sich in einem skurrilen wie faszinierenden Privatmuseum wieder.

veröffentlicht am 12.01.2019 um 13:47 Uhr

Kunst auf engstem Raum: Blick in die Wohnung von Walther Lehnert mit Biedermeiermöbeln, Gemälden und Skulpturen überwiegend des 19. Jahrhunderts. Der 2017 verstorbene Lügder hat über Jahrzehnte hinweg eine umfangreiche Kunstsammlung zusammengetragen.

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Die Räume waren teils vollgestellt mit Biedermeiermöbeln, alten Truhen, Zinngefäßen und Skulpturen, die Wände dicht behangen mit Ölgemälden. Kurz vor seinem Tod hat Bad Pyrmonts früherer Museumsleiter Dr. Dieter Alfter diesen außergewöhnlichen Sammler kennengelernt.

Dies ist die ungewöhnliche Geschichte einer privaten Kunstsammlung von hoher Qualität. Sie wurde von Walther Wilhelm Lehnert (1950 bis 2017) aufgebaut, der in der lippischen Kleinstadt Lügde gelebt hat. Er bewohnte, zunächst gemeinsam mit seiner Mutter, dann nach ihrem Tod 1996 allein das Haus Mühlenstraße 7 unmittelbar an der Stadtmauer in Richtung der Emmer und des heutigen Emmerauentunnels. Niemand würde vermuten, was sich hinter den Mauern dieses schlichten Wohnhauses aus dem 19. Jahrhundert im Erd- und im ersten Obergeschoss verbarg.

Es rankten sich eher Mutmaßungen und Legenden um Lehnerts „Schatzkammer“, zumal auch nur wenige Personen sein Haus betreten durften. Heute befindet sich die Sammlung bedeutender Kunstgegenstände nicht mehr in diesem Gebäude, Teile sind laut testamentarischer Verfügung in den Besitz von Museen und Archiven in Detmold und Bad Pyrmont übergegangen. Der größere Teil der Sammlung ist über einen Kunsthändler aus Hannover wieder in den Kunsthandel gelangt. Auch dies war ganz im Sinne von Walther Lehnert, der seine Sammlung überwiegend aus dem Kunsthandel erworben hat.

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Eine pprachtvolle Truhe, die zu Lehnerts umfangreicher Kunstsammlung gehörte. Foto: jl

Doch nun im Einzelnen: Walther Lehnert, geboren am 16. Juli 1950 in Lügde, hat nach Abschluss der Volksschule in Lügde eine Ausbildung im Maler- und Lackiererhandwerk absolviert. In diesem Beruf war er eine Zeit lang über einen Lügder Betrieb im niedersächsischen Staatsbad Pyrmont beschäftigt, danach hat er als Maler und Lackierer in eben diesem Handwerksbetrieb sein Geld bis zur Frühverrentung verdient. Er war in jeder Hinsicht ein Sonderling, ja ein Einzelgänger, der nicht so unbedingt dem Bild eines Handwerkers mit Teamgeist entsprach.

Eine fast grenzenlose Sammelleidenschaft führte zu einer einzigarten Kunstsammlung

Wohl aber führten ihn Aufträge zu Malerarbeiten immer wieder in Häuser, in denen er interessante Kunstgegenstände entdecken konnte. So kam er auch in die Villa eines Pyrmonter Unternehmers, in der eine Cassone, eine venezianische Hochzeitstruhe aus reich geschnitztem Nussbaumholz, auf dem Flur stand. Tatsächlich gelang es Lehnert diese prachtvolle Truhe aus dem 19. Jahrhundert, der Zeit des Historismus, stammte, über Ratenzahlung zu erwerben. Das Möbel ist in der Tradition der venezianischen Hochzeitstruhen des 16. Jahrhunderts geschaffen. Der Korpus ruht auf mächtigen Löwentatzen. Auf drei Seiten erzählt das reich geschnitzte Relief die Geschichte von David und Goliath. Damit begann eine fast grenzenlose Sammelleidenschaft, die trotz geringer persönlicher finanzieller Möglichkeiten zu einer einzigartigen, keinesfalls regional begrenzten Kunstsammlung führen sollte.

Neben hochwertigen antiken Möbeln waren es Gemälde und Skulpturen sowie viele Bereiche des Kunsthandwerks wie Porzellan, Glaswaren, Zinngefäße, Uhren oder Textilien, die Lehnert fasziniert haben. Seine Kunstsammlung war von unterschiedlicher Qualität. Auffällig waren seine Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, die aus allen Landschaften Deutschlands zusammengetragen waren. So etwa die beiden Doppelporträts eines unbekannten Künstlers, die den königlich-bayerischen Finanzrat Dominikus Carli (1759–1823) und seine Ehefrau Barbara mit der Tochter Franziska zeigen, eindrucksvolle Zeugnisse bürgerlicher Selbstdarstellung einer Bankiersfamilie in Augsburg. Im Gegensatz dazu steht etwa die „Szene aus dem Untergang von Herculaneum“, ein dramatisches Gemälde von 1838, das zu den Hauptwerken des Berliner Künstlers Eduard Ratti (1816–1851) zählt.

Gemälde und Grafiken zierten alle Wandflächen des Hauses, zur Einrichtung gehörten kostbare Biedermeiermöbel, viele Skulpturen des 19. Jahrhunderts, eine besonders reiche Sammlung an Zinngefäßen des 18. und 19. Jahrhunderts, die zum Teil die Dekoration einer Anrichte des Historismus bildeten. Zwei große Zinngefäße stammten aus der Sammlung von Heinz Schenk, andere sind Zunftkannen und Apothekergefäße. Porzellan- und Glasobjekte ergänzten die Sammlung zur Biedermeierzeit. Nach meiner Erinnerung umfasste Lehnerts Sammlung etwa 40 Möbel, 30 Gemälde, 20 Skulpturen und etwa 100 kunstgewerbliche Objekte, hinzu kamen die große Bibliothek und die sogenannte „Pyrmontensien“. Die überwiegende Zahl der gesammelten Kunstgegenstände stammte aus dem 19. Jahrhundert; nur einzelne Objekte reichten in frühere Jahrhunderte zurück. Das wohl älteste Stück war ein auf Holz gemaltes Porträt einer alten Frau von einem unbekannten Künstler aus dem Jahre 1639.


Lesen Sie nächsten Samstag den zweiten Teil über den Sammler Walther Lehnert.




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