weather-image
-2°

Binnen Sekunden sind Bedenken über Bord

Ich hatte Angst vor dem 8. Juli, und diese Angst, jedenfalls ein unheimliches Gefühl, kündigte sich schon Tage zuvor an, immer dann, wenn ich an der Weser stand und sah, dass unser Fluss doch ganz schön schnell fließt, und dass allerlei Dinge in ihm mitfließen, nicht zuletzt wahre Nester von verklebtem gelbem Blütenstaub. Ich musste ein Versprechen einlösen, nämlich teilzunehmen am „Europäischen Flussbadetag“, und das bedeutete, einen Kilometer im Fluss zu schwimmen, abwärts von der Rintelner Umgehungsstraßenbrücke bis hin zum Weserangerbad. Hilfe!

veröffentlicht am 10.07.2012 um 00:00 Uhr

270_008_5637132_hi_weser2.jpg

Autor:

Cornelia Kurth

Vor einigen Wochen, als Willem Schumann vom Stadtmarketingverein „Pro Rinteln“ bekannt gab, dass Rinteln sich an diesem Flussbade-Aktionstag beteiligen will, sagte ich noch recht unbefangen zu, über das Thema zu berichten. So wagte ich mich vor und bot an, einfach mitzumachen und zu erproben, wie es sein würde, das erste Mal im Leben in einem großen Fluss zu schwimmen. An der Reaktion meiner Kollegen merkte ich, dass die meisten von ihnen nicht im Traum auf so eine Idee kämen. „Bist du denn gut trainiert?“ fragte einer. „Wer weiß, wo die Strömung dich sonst hinträgt!“

Den „Europäischen Flussbadetag“ gibt es seit dem Jahr 2005. Drei Jahre zuvor hatte die Deutsche Umwelthilfe erstmals zu einem Badetag in der Elbe aufgerufen, dem bis 1989 schmutzigsten Fluss Europas. Von Tschechien bis Hamburg waren über 100 000 Menschen in den Fluss gesprungen, um zu feiern, dass die ehemalige Dreckbrühe nun wieder Badequalität besaß, und um zu demonstrieren, dass man sich die europäischen Flüsse insgesamt zurückerobern wollte. Um eine „Versöhnung der Bürger mit ihren Flüssen und Seen“ solle es gehen, so steht es auf der Internetseite des Projekts unter dem Stichwort „Big Jump“, der „Große Sprung“ ins Wasser. Seitdem wuchs die Beteiligung von Jahr zu Jahr, 2011 waren es fast 120 europäische Städte, die sich für die Vision von Flüssen als Naturbadeanstalten starkmachten.

Das wusste ich aber noch nicht. Ich persönlich kannte niemanden, der sich schon mal in Elbe, Weser oder einen anderen großen Fluss hineingewagt hätte. Als mein 18-jähriger Sohn vor zwei Wochen klitschnass nach Hause kam, weil er an einem warmen Tag spontan mit Freunden ein Stück in der Weser geschwommen war, bekam ich einen Schreck. „Bist du verrückt!“ sagte ich. „Das ist doch gefährlich! Schiffe könnten dich überfahren, Baumstämme mit dir zusammenstoßen, Wirbel dich unter Wasser ziehen!“ Er lachte nur und sagte: „Es macht aber riesengroßen Spaß!“ Mir aber wurde bewusst, dass ich mich eigentlich gar nicht in solche Gefahr begeben wollte.

270_008_5637133_hi_weser3.jpg
  • Regen prasselt auf die Wasseroberfläche: Diese Schwimmerin scheint es nicht zu stören.

Ich bade ja schon ungern in Seen mit ihrem meist etwas moorigen Wasser und dem unheimlich schlammigen Grund, wo unbekannte Wesen lauern oder Schlingpflanzen meine Füße festhalten könnten. An der Ostsee, auf der kleinen dänischen Insel, bin ich zwar viel im Wasser, aber immer an derselben Stelle, in einem durch unsichtbare Grenzen abgesteckten Terrain, wo ich jeden großen Stein unter Wasser kenne, die Tiefe genau abschätzen kann und wo ich außerdem immer mit offenen Augen tauche, um weiß schimmernden Quallen rechtzeitig ausweichen zu können. Ein Fluss aber, der fließt und mit sich reißt – wie gerne wäre ich von meinem Vorhaben zurückgetreten.

Freunden, denen ich vom „Europäischen Flussbadetag“ und von meinen Sorgen erzähle, sie haben kein Mitleid, sondern machen sich eher über mich lustig. „Du bist doch so ein Frostköttel“, neckt eine Freundin. „Das Wasser ist bestimmt eiskalt! Selbst die Badeseen haben ja bisher kaum 18 Grad, und die erwärmen sich sicher schneller als ein Fluss.“ Hm – auch das noch! Hätte ich mir noch einen Neoprenanzug besorgen sollen? Und da erst fällt mir ein: „Wo ist mein Badeanzug?“

Ich finde ihn nicht. Wir sind gerade umgezogen, und so sehr ich im Chaos der Tüten, Taschen und Kartons herumstöbere, der Badeanzug bleibt verschwunden. Ich lege Sporthose und T-Shirt bereit, Geschichten über Menschen, die von ihren mit Wasser vollgesogenen Klamotten in die Tiefe gerissen werden, fallen mir ein, und außerdem stelle ich mir vor, wie die Strömung am T-Shirt reißt und es mir unter die Arme hoch schiebt. Ich werde nicht nur frieren, sondern mich obendrein lächerlich machen! Am Sonntag dann regnet es auch noch, wahre Schauer, vom durchaus kühlen Wind verweht. Vielleicht fällt der Flussbadetag einfach ins Wasser?

Doch nein. Am Freibad stehen gegen 15 Uhr bereits Menschen im leichten Nieselregen, die mitmachen wollen, insgesamt etwa 60 Leute, versammelt um Willem Schumann, der zusammen mit Helfern vom DLRG nummerierte Plastiktüten für Schuhe und Handtuch austeilt. Ich erkenne bekannte Gesichter unter den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (darunter auch einige Rentner). Und immerhin weiß ich jetzt schon, dass das Wasser wohl eher warm sein wird. Die Weser gilt als „sommerwarmes“ Gewässer und die Messstation in Porta wies im Internetprotokoll unglaubliche 24 Grad Wassertemperatur aus. Alle haben gute Laune, und so mancher lässt verlauten, dass er schon oftmals in der Weser schwamm, es sei ganz wunderbar.

Der gemeinsame Fußweg den Weserradwanderweg entlang ist in 15 Minuten überstanden. Wir gehen über eine matschige, pieksige Wiese, manche tragen Badeschuhe, ich bin barfuß, als einzige ohne richtiges Badezeug. Bräunlich zieht die Weser dahin, heute ohne den gelben Blütenstaub. Gleich, gleich ist es soweit!

Etwas vor mir steigt ein Mann, der gewiss schon 70 Jahre alt ist, über die Steine im Uferwasser ein, nur leicht von einem DLRG-Helfer gestützt. Mit einem fröhlichen Ausruf schwimmt er davon, wendet sich um, winkt, nicht anders, als die anderen, die nacheinander ins Wasser gleiten, was für ein ungewohntes Bild: All die Köpfe im Weserwasser, eine lang gezogene Reihe. Hinein, auch ich muss jetzt hinein.

Und bin drin. Warm und weich umfängt mich der Fluss, die Tropfen, die auf meine Lippen geraten, schmecken süß. Von der ersten Sekunde an merke ich, dass alle Sorgen unnötig waren. Es ist einfach nur schön, und sofort steigt ein Gefühl der Freiheit in mir auf. Man kann nur lachen, ja innerlich jubeln: Etwa sechs Kilometer pro Stunde schnell fließt die Weser, eine gerade noch beherrschbare Geschwindigkeit, jedenfalls so, dass man problemlos das Ufer ansteuern könnte. Der Weserfluss trägt uns, man muss nichts anderes tun, als sich treiben zu lassen und mit ein paar leichten Bewegungen an der Oberfläche zu bleiben. Am Ufer stehen hier und da Zuschauer und winken. Wir winken zurück. Und dann: Einfach nur hingeben.

Zehn Minuten etwa dauert es, bis wir an der Weserbrücke anlangen. Zehn Minuten, in denen wir Teil des Flusses sind, wahrlich eine „Versöhnung“ mit einer Gewässerart, die bis Ende der 1980er Jahre schon allein aus Verschmutzungsgründen tabu sein musste. „Nächstes Jahr machen wir auch mit!“, rufen einige der Neugierigen, die uns am Ausstiegspunkt erwarten und sehen, wie glücklich alle sind. Nicht mal frieren musste man, denn ein relativ flacher Fluss wie die Weser erwärmt sich schneller als die meisten Badeteiche und hat tatsächlich fast Mittelmeertemperatur. Ganz gewiss will ich so bald wie möglich dieses Erlebnis wiederholen.

Aber: „Vorsicht!“, warnt Petra Geller, in der DLRG Rinteln zuständig für die Erste-Hilfe-Ausbildung. Es sei was anderes, mit einer von Booten der DLRG begleiteten Gruppe im Fluss zu schwimmen, der obendrein für die Zeit der Flussbade-Aktion für den Schiffsverkehr gesperrt sei, als sich allein ins Wasser zu begeben. „Man muss sich klarmachen, dass man von einem Boot aus Schwimmer kaum erkennen kann“, warnt sie. „Wenn man in der Mitte des Flusses schwimmt und ein Motorboot kommt angerast, wird man es kaum schaffen, rechtzeitig zum Ufer auszuweichen.“

Zudem gäbe es rund um die Buhnen oft tückische Strudel, die einem die Füße wegreißen, sodass man dort nicht aus dem Wasser käme. „Heute war eher Niedrigwasser, die Strömung sanft und lauter Leute da, die den Badenden beim Ausstieg über die Steine halfen“, sagt sie. Wer wirklich ohne so eine Aufsicht im Fluss schwimmen wolle, sollte gut über das Gebiet informiert sein und sowieso auf keinen Fall allein ins Wasser gehen. „Außerdem gibt es noch eine andere Gefahr“, so Petra Geller. „Schon manches Mal haben Bürger die Polizei gerufen, wenn sie jemanden in der Weser treiben sahen. Sie dachten, da wäre jemand verunglückt.“

An einem Tag wie dem 8. Juli konnte man glatt vergessen, dass Flüsse ihr Eigenleben führen, das Umsicht, Vorsicht und Respekt erfordert. Aber: Es war so schön, das einfach mal vergessen zu können.

Im letzten Teil unserer Serie über die Weser morgen: Von den Algen bis zu den Fischen – was ist alles in der Weser?

Die Weser – ein Paradies für Schwimmer? Im dritten Teil der Weserserie beschreibt unsere Autorin ihre Befürchtungen, als sie zum Schwimmen in den Fluss steigt. Es ist das erste Mal – am Ende ist es gar nicht so schlimm, wie sie zunächst angenommen hatte.

Tückische Strudel rund um die Buhnen




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare