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Charles Machon verbreitete britische Kriegsnachrichten – und starb 1944 im Hamelner Zuchthaus

Botschaften aus dem Untergrund

Die britischen Inseln Guernsey und Jersey im Ärmelkanal waren während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Wehrmacht besetzt. Im Juni 1942 konfiszierten die Besatzer alle Radios und verboten den Bewohnern bei Strafe den Besitz und die Benutzung solcher Geräte. Die Deutschen wollten verhindern, dass die Insulaner Nachrichten aus London hörten. Der Organisator einer Widerstandsaktion starb 1944 im Zuchthaus von Hameln.

veröffentlicht am 09.06.2018 um 12:33 Uhr

Mit einer Plakette wird am früheren Gebäude der Zeitung „Guernsey Star and Gazette“ an den „Underground News Service“ der Insel erinnert. Foto: Philip Machon
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Bernhard Gelderblom Reporter
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Für Charles Machon war das Radio-Verbot der Anlass, den Untergrund-Nachrichtendienst Guernsey Underground News Service (Guns) zu gründen. Machon, 1893 auf Guernsey geboren, arbeitete während der deutschen Okkupation als Schriftsetzer bei der Zeitung „Guernsey Star and Gazette Ltd.“ Ihm war bewusst, dass Widerstand gegen die Besatzer gefährlich war und streng bestraft wurde. Für seinen Nachrichtendienst gewann Charles Machon mehrere Helfer. Henrietta Gillingham hörte mit ihrem Radio heimlich die 21-Uhr-Nachrichten der BBC ab und fertigte auf ihrer Schreibmaschine mithilfe von Durchschlagpapier acht Kopien an. Ernest Legg ergänzte aus den 8-Uhr-Morgennachrichten der BBC die Neuigkeiten. Charles Machon stellte daraus sein geheimes Nachrichtenblatt zusammen.

Mit einfachsten Methoden fertigte die Gruppe täglich 300 Kopien an. Die Schwierigkeiten, Papier und Tinte zu beschaffen, waren riesig. An der Herstellung der Kopien und ihrer Verteilung über die Inseln waren weitere Personen beteiligt. Die Empfänger gaben die Ausgaben heimlich an weitere Leser weiter. Von Mai 1942 bis Februar 1944 arbeitete Guns sehr erfolgreich.

Im Februar 1944 fiel ein Exemplar des Nachrichtenblattes in die Hände eines Denunzianten. Dieser informierte die lokale Polizei, die der Geheimen Feldpolizei auffällige Aktivitäten im Haus von Machon meldete. Am 11. Februar 1944 wurde Machon festgenommen. In seinem Haus fanden die Deutschen seine Schreibmaschine sowie die Ausgaben von Guns aus zwei Monaten. Machon hatte sie in einem Baumstamm versteckt.

Charles Machon organisierte die Untergrundaktion im Zweiten Weltkrieg, mit der die Inselbewohner aus britischer Quelle über die Kriegssituation informiert wurden. Dafür wurde Machon ins Zuchthaus gesteckt, zuletzt in Hameln, wo er 1944 zu Tode kam -
  • Charles Machon organisierte die Untergrundaktion im Zweiten Weltkrieg, mit der die Inselbewohner aus britischer Quelle über die Kriegssituation informiert wurden. Dafür wurde Machon ins Zuchthaus gesteckt, zuletzt in Hameln, wo er 1944 zu Tode kam - möglicherweise wegen der mangelhaften ärztlichen Versorgung. Foto: Philip Machon
Ende vorigen Jahres erhielt Charles Machon auf dem Friedhof Wehl in Hameln einen Grabstein, der seine Verdienste im politischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer auf Guernsey würdigt. Foto: Gelderblom
  • Ende vorigen Jahres erhielt Charles Machon auf dem Friedhof Wehl in Hameln einen Grabstein, der seine Verdienste im politischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer auf Guernsey würdigt. Foto: Gelderblom

Wochenlang wurde Machon im Gefängnis verhört. Er litt an einem Magengeschwür und benötigte eine Diät, die ihm aber während der Zeit der Verhöre verweigert wurde. Nachdem die Gestapo damit gedroht hatte, seine Mutter ebenfalls in das Gefängnis zu werfen, gestand er. Im März und April 1944 wurden daraufhin weitere Personen verhaftet. Am 26. April 1944 verurteilte das Heeres-Kriegsgericht auf Guernsey Charles Machon „wegen Herstellung und Verbreitung von Flugschriften“ zu zwei Jahren und einem Monat Zuchthaus. Als Kopf der Gruppe erhielt er eine höhere Strafe als seine vier Mitangeklagten.

Am 17. Mai 1944 deportierten die Deutschen Charles Machon aufs Festland, seine Gefährten folgten im Juni. Alle mussten sie Zwangsarbeit in Zuchthäusern auf deutschem Boden leisten. Der Mut der „Guernsey Eight“, wie die Gruppe nach dem Krieg genannt wurde, ist auf Guernsey und in Großbritannien unvergessen. Ihre Namen finden sich auf dem im Mai 2015 errichteten Resistance Memorial in Guernsey. Frank Falla, ein Mitglied der Gruppe, beschrieb die Geschichte von Guns 1967 in seinem Buch „The Silent War“.

Nur ein Teil der „Guernsey Eight“ überlebte die Deportation. Frank Falla und Ernest Legg durchliefen die Zuchthäuser Frankfurt und Naumburg. Als US-Truppen sie befreiten, war Ernest Legg sehr krank; lebenslang litt er unter den Folgen der Haft. Als einzige war Henrietta Gillingham der Verfolgung entgangen. Sie war, nachdem sie schwanger geworden war, Mitte 1943 aus der Gruppe ausgeschieden.

Die Schicksale der übrigen Deportierten waren lange unbekannt. Das Grab von Sidney Ashcroft wurde im September 2015 auf einem Gräberfeld für politische Häftlinge im Zuchthaus Straubing gefunden. Die BBC filmte die Entdeckung des Grabes. Joseph Gillingham, der Ehemann von Henrietta Gillingham, starb im März 1945 im Zuchthaus Halle an der Saale. Sein Grab wurde dort im März 2016 entdeckt.

Bis zuletzt herrschte Ungewissheit über das Schicksal von Charles Machon. Im Dezember 2016 gelang es mit Hilfe aus Hameln, seinen weiteren Weg zu rekonstruieren. Am 22. Mai 1944 war Machon in das Zuchthaus Rheinbach eingeliefert worden. Als die frontnahen Zuchthäuser wegen des Näherrückens der Alliierten geräumt wurden, schaffte man ihn am 16. September 1944 ins Zuchthaus Hameln. Gut einen Monat später – am 26. Oktober 1944 – starb er im Lazarett des Gefängnisses, laut Todesurkunde des Standesamtes Hameln an einem Magengeschwür und einer inneren Blutung. In diesem Lazarett fehlte es an ärztlicher Versorgung; möglicherweise hätte eine Verlegung ins städtische Krankenhaus sein Leben retten können. Der Leichnam wurde auf dem Friedhof Wehl im Feld FI, Grab-Nummer 102 bestattet.

Dem im Stadtarchiv liegenden Bestattungsregister des Friedhofs ist zu entnehmen, dass dieses Grab 1973 beseitigt wurde. Als Grund wird das Ablaufen der Ruhefrist angegeben. Damals wurde nicht beachtet, dass es sich um ein Grab handelte, das unter dem Schutz des „Gesetzes über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ steht und dauerndes Ruherecht genossen hätte.

In einem Schreiben vom 15. April 2017 an Hamelns Oberbürgermeister Claudio Griese bat Philip Machon, der Enkel von Charles Machon, das Grab seines Großvaters wiederherzurichten. Im November 2017 wurde – finanziert durch die Stadt und den Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln – ein Grabstein für Charles Machon aufgestellt – im Feld F II, also unweit der ursprünglichen Begräbnisstätte. Auf diesem Feld liegen ausländische Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs.

Am kommenden Dienstag, 12. Juni, wird Philip Machon, der Enkel von Charles Machon, zu einem Gedenken an das Grab seines Großvaters nach Hameln kommen.


Termin: Zu einer Feierstunde am neuen Grabstein wird der Enkel von Charles Machon am Dienstag, 12. Juni, nach Hameln kommen.




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